Aktienkultur

Die Investmentclubs sterben aus

Von Daniel Mohr
 - 12:18

Die Idee der Investmentclubs ist mehr als 100 Jahre alt. Der amerikanische Farmer Brooks brauchte 1898 Geld für neue Landmaschinen und wollte sie über den Kauf von Anteilen an Industrieunternehmen finanzieren. Da er aber allein weder genug Geld noch ausreichendes Wissen über Aktien hatte, tat er sich mit Familie und Freunden zusammen, um gemeinsam anzulegen und sich von den Kursgewinnen und Dividenden die Landmaschinen zu kaufen.

Die Idee besteht bis heute fort, doch sie droht auszusterben. In ihrem aktuellsten Leitfaden zu Investmentclubs – er stammt aus dem Jahr 2011 – schreibt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) noch von 6400 Clubs. Heute schätzt sie den Bestand in Deutschland auf vielleicht noch 1000. Darunter dürften noch einige Karteileichen sein, deren Tun mittlerweile zum Erliegen gekommen ist.

„Oft sind wir abgelehnt worden“

Das ist für die deutsche Aktienkultur sehr bedauerlich. Denn wenn nicht dort, wo dann kann man sie noch finden? Einer der ältesten noch aktiven Investmentclubs in Deutschland ist der Philipp-Reis-Investment-Club aus Friedrichsdorf bei Frankfurt. Eine Projektwoche der Philipp-Reis-Schule zum Thema „Vermögensbildung durch Wertpapiere“ begeisterte im Jahr 1983 einige Schüler so sehr, dass sie den Club gründeten. Martin Steinbach, früher bei der Deutschen Börse und heute bei der Beratungsgesellschaft Ernst&Young (EY) für Börsengänge zuständig, war einer dieser Schüler und ist dem Club bis heute treu geblieben.

Auch dieses Jahr hat der Club wieder eine Projektwoche an der Philipp-Reis-Schule angeboten. Das ist seit 1983 erst viermal der Fall gewesen. „Oft sind wir abgelehnt worden“, sagt Klaus Tobeck, Gründer und Geschäftsführer des Clubs. Am mangelnden Schülerinteresse lag die Ablehnung jedenfalls nie. 130 Bewerber gab es dieses Jahr für die 20 Plätze im Projekt „Eigenes Vermögen bilden“.

Die Motivation der Schüler ist hoch. Das Projekt haben sie belegt, „weil es später hilft“, sagen sie. „Mountainbiken kann ich auch zu Hause, dafür brauche ich keine Projektwoche in der Schule“, bringt es ein anderer Schüler auf den Punkt. Die 15 bis 18 Jahre alten Jungs – Mädchen waren keine im Projekt – vermissen auch im sonstigen Schulalltag das Vermitteln wirtschaftlicher Zusammenhänge. Selbst im Leistungskurs Politik und Wirtschaft werden die Wirtschaftsaspekte nach Ansicht der Schüler viel zu stiefmütterlich behandelt. „Es war das Highlight des Schuljahres“, urteilt ein anderer Schüler über die Projektwoche.

1000 bis 2000 Euro je Mitglied

Die Schüler haben es sichtlich genossen, mit den Aktienfans vom Investmentclub über deren Erfahrungen an der Börse zu diskutieren und eigene Depots über die Plattform Ariva aufzubauen. Auch Martin Steinbach ließ es sich nicht nehmen, einen Vortrag in der Projektwoche zu halten. Ebenso Wieland Staud, der als technischer Analyst regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt. Zwei Schüler wurden ausgelost, die jeweils ein Clubmitglied zu einer Hauptversammlung begleiten durften. Die Begeisterung darüber wirkte echt – schließlich gab es Einblicke zu gewinnen, die der Schulalltag sonst nicht bietet. Von Wandertagen zu Hauptversammlungen ist jedenfalls nichts bekannt.

„Wir wollen unser Wissen und unsere Erfahrungen an die jungen Leute weitergeben“, sagt Wolfgang Blume, der das Projekt mit Klaus Tobeck zusammen organisiert hat. Auch im Club wird immer viel über Aktien diskutiert. „Da kann man viel draus mitnehmen.“ Dieser Austausch ist der eigentliche Kern der Investmentclubs. Ihr Hab und Gut haben die Clubmitglieder nicht in das gemeinsame Depot investiert. Etwa 70.000 Euro werden dort verwaltet – 1000 bis 2000 Euro je Mitglied ungefähr. „Wir sind kein Vermögensverwalter und dürfen es auch gar nicht sein“, sagt Tobeck.

Die Regulierung machte den Clubs das Dasein in den vergangenen Jahren immer schwerer. Maximal 50 Mitglieder darf ein Club haben und höchstens 500.000 Euro anlegen, sonst wird die Bafin aktiv. Dann wird der Club als Kapitalverwaltungsgesellschaft eingestuft oder unterliegt dem Kreditwesengesetz. Neuerdings werden die Clubs nach ihrem LEI-Code gefragt. Diese 20-stellige alphanumerische Kombination verlangt die Finanzaufsichtsbehörden vom nächsten Jahr an, um Finanztransaktionen den institutionellen Anlegern eindeutig zuordnen zu können. Dazu werden auch Investmentclubs gezählt.

Bessere Anleger sind die Clubs oft nicht

Neben den Regulierungsthemen, mit denen sich die Clubs immer öfter beschäftigen müssen, machen ihnen auch die Banken das Leben nicht leicht. Statt als Botschafter für Aktien und Kapitalanlage wahrgenommen und entsprechend positiv begleitet zu werden, bieten viele Banken keine Konten und Depots für Investmentclubs mehr an. Der spezielle Zuschnitt scheint zu umständlich. Viele Investmentclubs loben in dieser Hinsicht das Angebot der Sparkassengesellschaft S-Broker.

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Bessere Anleger sind die Clubs oft nicht. Auch das Friedrichsdorfer Depot hat sich langfristig schlechter entwickelt als der Dax. Eine Vielzahl von Meinungen und Vorschlägen gilt es zu bündeln und in eine vernünftige Geldanlage umzusetzen. Der Club ist daher von den Abstimmungen im Plenum zu einem Anlageausschuss mit drei Mitgliedern übergegangen. Denen können Vorschläge gemacht werden, aber sie treffen letztlich die Anlageentscheidungen. Manche Clubmitglieder bedauern dies. Andere sehen aber das Clubdepot sowieso nicht als den entscheidenden Vorteil des Clubs an, sondern die Anregungen für die Geldanlage, die sich aus den Diskussionen ergeben.

Interesse an den Clubs und ihren Themen gibt es auch weiterhin. Das zeigt nicht nur das große Schülerinteresse an der Projektwoche, das belegen auch Anfragen bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), dem offiziellen Dachverband der Clubs. Anleger fragen dort nach dem nächstgelegenen Club für sie. Und auch die Deutsche Börse hat das Thema entdeckt und arbeitet nun mit einer eigenen Abteilung verstärkt am Thema Aktienkultur.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft.
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