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Neuer K+S-Chef im Interview

„Die K+S-Aktie ist das Doppelte wert“

© dpa, F.A.S.

Herr Lohr, seit Freitag sind Sie Chef von K+S, wird dort jetzt alles anders?

Das wäre erstaunlich, da ich mich schon fünf Jahre als Finanzvorstand hier eingebracht habe. Aber die Welt ist in Bewegung. Die neue Führung im Konzern wird das analysieren und mit einer langfristigen Strategie antworten.

Wird die so revolutionär wie bei Bayer, wo der neue Konzernchef voriges Jahr gleich mit der Monsanto-Übernahme um die Ecke kam?

Eine größere Übernahme schließe ich für die nächsten zwei bis drei Jahre aus, um zunächst unsere Verschuldung herunterzufahren. Wir haben eben erst in Kanada mit dem Legacy-Projekt eine milliardenteure neue Anlage eröffnet. Aber wir werden Wachstumschancen identifizieren und ein Gesicht des Konzerns für das Jahr 2030 entwerfen.

Das Ziel muss der rasche Wiederaufstieg in den Dax sein.

Das ist kein Wert an sich. Außerdem haben wir im M-Dax keine Nachteile, etwa hinsichtlich der Finanzierungsbedingungen oder Ähnliches.

Die öffentliche Aufmerksamkeit zumindest wäre höher.

Nur unwesentlich.

Und Sie gewinnen Investoren, die auf den Dax abonniert sind.

Ein paar sind raus, als wir vergangenes Jahr vom Dax in den M-Dax gekommen sind, richtig. Dafür sind andere rein. Alles nicht dramatisch. Deswegen werden wir unser Tun nicht danach ausrichten, wieder in den Dax aufgenommen zu werden.

Wenn Sie den Börsenwert steigern wollen – was Ihr Auftrag ist als Vorstand –, ergibt sich das mehr oder weniger von allein.

Das ist richtig. Die Steigerung der Marktkapitalisierung, also des Vermögens unserer Aktionäre, steht weit oben auf unserer Liste.

Vor zwei Jahren haben Sie die Milliarden-Übernahme durch den Konkurrenten Potash abgewehrt: K+S sei viel mehr wert als die gebotenen 41 Euro je Aktie, war das Argument.

Das haben wir nicht vergessen, der Satz gilt heute noch.

Die Aktie notiert aber nur knapp über 20 Euro: War es trotzdem richtig, hart zu bleiben in der Schlacht?

Ja, unbedingt. Die Übernahme war nicht im Interesse unserer Stakeholder, vor allem der Eigentümer und Mitarbeiter. Dahinter stand ein Szenario, so wie von Potash Corp im Nachhinein bestätigt, dass Arbeitsplätze gekostet, aber vor allem für die Aktionäre nicht zwingend Wert geschaffen hätte. Potash Corp hat nie ein Angebot an die Aktionäre vorgelegt und sich nach der Eintrübung der Märkte recht schnell von seinen Plänen verabschiedet.

41 Euro je Aktie sind eindeutig besser als die aktuellen 23 Euro – darunter leiden Ihre Eigentümer.

Wir wollen den Kurs nachhaltig steigern. Und das werden wir auch. Wir arbeiten hart dafür zu beweisen, dass der Konzern mehr wert ist. Allein unser Salzgeschäft hat das Ziel, bis zum Jahr 2020 einen Gewinn (Ebitda) von mehr als 400 Millionen Euro zu erreichen. Allein daraus errechnet sich ein Gegenwert so hoch wie der gesamte Börsenwert von K+S im Moment.

Das heißt: Die 41 Euro sind zu schaffen?

Die Summe der Einzelteile ergibt in jedem Fall einen Kurs jenseits von dem, den Potash Corp 2015 zahlen wollte. Tatsache ist: Der Wert unseres Salzgeschäfts findet sich im Börsenwert nicht wieder.

Was haben Analysten und Investoren gegen das Salz?

Da gibt es unterschiedliche Sichtweisen. Meine These ist: Wir werden von der Börse als Kali-Titel gesehen. Jedes Gerücht im Kalimarkt ändert unseren Kurs. Die guten Nachrichten aus dem Salzgeschäft dagegen verpuffen.

Wie ist das Verhältnis der beiden Bereiche im Konzern?

Vom Umsatz her sind sie in etwa gleich groß. Zum Gewinn trägt in einem Normaljahr Kali zwei Drittel bei, Salz ein Drittel.

Das heißt: Ihre Aktie ist im Moment eine Wette auf den Kalipreis am Weltmarkt? Ein Markt, der kein wirklicher Markt ist, sondern von einem Oligopol beherrscht wird.

Das ist schon ein richtiger Markt, nur hat er in den vergangenen zwei, drei Jahren etliche schlechte Nachrichten produziert. Das mögen die Aktionäre nicht.

Ihre Börsenstory war immer: Die globale Kali-Nachfrage und damit der Preis steigen zwangsläufig, da immer mehr Menschen ernährt werden wollen. Was daran stimmt nicht mehr?

Der Megatrend ist weiterhin gültig, das wird jeder bestätigen, der sich mit dem Agrarmarkt beschäftigt: Bei steigender Weltbevölkerung und gleichzeitig sich verändernden Essgewohnheiten steigt der Bedarf an Nahrungsmitteln und automatisch der Bedarf an Düngemitteln. Ohne Kali kein optimaler Pflanzenertrag. Die weltweite Nachfrage ist auch gestiegen, nur litt der Preis durch das temporäre Überangebot. In den fetten Jahren haben die Kali-Konzerne, auch wir, in neue Anlagen investiert. Aufgrund der Komplexität bis zu deren Inbetriebnahme steigt die Produktion aber erst mit einer Verzögerung von sieben oder acht Jahren. Der Zuwachs an Kapazität ist bald abgeschlossen. Zuletzt sind keine neuen Projekte mehr von den Kali-Anbietern in Angriff genommen worden. Daraus folgt: Wir werden wieder Zyklen erleben, wo die Kali-Nachfrage die Kapazität überschreitet.

Anders gesprochen: Die Oligopolisten sprechen sich ab, wie sie die Kunden am meisten schröpfen können.

Von wegen! Absprachen wären rechtswidrig, davon kann nicht die Rede sein. Im Kali-Markt ist jeder Spieler so stark, dass klar ist: Man kann keinen mit einem Preiskrieg ins Aus zwingen. Wir zum Beispiel haben selbst im schwierigen Jahr 2016 eine halbe Milliarde Gewinn (Ebitda) gemacht – trotz schlechtem Kali-Preis, einem warmen Winter, der das Salzgeschäft beeinträchtigt hat, und Produktionseinschränkungen aufgrund der fehlenden Versenkung der Rückstände aus der Kali-Förderung. Das zeigt, wie robust wir sind.

Noch stabiler wäre die Lage, hätten Sie einen Großaktionär, der Sie vor weiteren Übernahmeversuchen schützt. Davon träumen jedenfalls viele Manager.

Wir träumen nicht.

Sie suchen einen Ankeraktionär?

Wenn ein Aktionär unsere strategische Ausrichtung begleitet, ist er herzlich eingeladen. Dazu führen wir Gespräche.

Warum ist ein Großaktionär so wichtig?

Weil er eine Stabilisierung bedeutet, also Stärke für das Unternehmen.

Wo findet sich so jemand für K+S?

Da gibt es viele Möglichkeiten, besonders bei langfristig denkenden Investoren!

Können Sie den Kreis etwas einengen?

Es hat keinen Sinn, einen Großaktionär unter unseren Kunden oder in derselben Branche zu suchen. Deren Interessen als Aktionär kollidieren schnell mit ihren anderen Motiven.

Zurück in den Schoß des einstigen Mutterkonzerns BASF ist aber auch keine Option?

Da sehe ich keinen Nutzen, weder für uns noch für die BASF.

Also bleiben die üblichen Verdächtigen: Die Staatsfonds aus China, den Scheichtümern oder Norwegen.

Wir melden uns, wenn es so weit ist.

Wäre jetzt aber der richtige Zeitpunkt, um mit dem Chef-Wechsel reinen Tisch zu machen im ewig währenden Streit mit Umweltschützern und Behörden um die Abwässer aus den Kali-Bergwerken?

Ich bin mir sicher, dass es uns gelingt, das Thema zu normalisieren, auch wenn es noch etwas Zeit bedarf.

Warum wird die Debatte so hitzig geführt? Finden Sie keinen Rückhalt in der Politik?

Es ist eine große Herausforderung, Ökonomie, Ökologie und Soziales in Einklang zu bringen. Die Positionen liegen oftmals sehr weit auseinander. Und vielleicht hätten auch wir an der einen oder anderen Stelle mehr zuhören sollen.

Sie hätten nachgiebiger sein sollen?

Nein. Aber man muss die Nöte der anderen Seite erkennen – und anerkennen: Wir werden uns selbstkritisch fragen, was wir noch besser machen können. Wir wollen in Deutschland weiter Bergbau betreiben!

Sind oder waren Sie politisch aktiv?

Nein, aber Politik interessiert mich schon immer, nur hat sich meine Weltsicht geändert in meinem Leben. Sie kennen doch den Spruch: Wer mit 18 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer es mit 40 immer noch ist, der hat keinen Verstand. So wild links war ich nicht, aber einen politischen Farbenwechsel gab es. Als Manager pflege ich heute gute Beziehungen in alle Regierungen, die für unser Geschäft von Belang sind.

Klar ist: Die Umwelt wird geschädigt, wenn Sie Abwasser aus dem Bergwerk in den Fluss Werra leiten – die Frage ist nur, wie stark.

Es gibt keinen Bergbau, keine Industrie überhaupt, die ohne Eingriff in die Umwelt vonstattengeht. Wir haben in der Region Werra die jährlichen salzhaltigen Abwässer von 20 Millionen Kubikmeter auf derzeit 7 Millionen Kubikmeter reduziert. Ab 2018 werden wir weitere 20 Prozent mit einer neuen Anlage einsparen. Das ist ein gewaltiger Schritt.

Im Zusammenhang mit früheren Genehmigungen hat der Staatsanwalt Anklage gegen ein Dutzend K+S-Manager erhoben, inklusive Ihres direkten Vorgängers Steiner. Hat dies noch finanzielle Folgen für den Konzern?

Nein. Die Anklage durch die Staatsanwaltschaft Meiningen ist vom Landgericht Meiningen bereits im September 2016 nicht zugelassen worden, auch wenn dagegen die Staatsanwaltschaft Beschwerde eingelegt hat.

Wann entscheidet die nächsthöhere Instanz in Jena?

Das ist für uns nicht abzusehen.

Wie ändert sich mit Ihnen der Management-Stil in Kassel? Wird die Krawatte abgeschafft?

Nur weil ich heute keine trage? Nein, da mache ich keine Vorschriften, man muss den Leuten nicht alles diktieren. Ich mag generell kein Vorstandsgehabe und habe auch nicht vor, mir dies anzueignen. So fahre ich auch weiterhin lieber selbst als mit Fahrer. Klar, als Vorstandsvorsitzender habe ich eine herausragende Rolle, sehe mich aber als Spielertrainer: Der gibt dem Team Richtung, setzt Impulse und steht zugleich gemeinsam mit der Mannschaft auf dem Spielfeld und kommuniziert intensiv mit seinen Leuten. Deswegen werde ich neben meiner Zeit in Kassel viel unterwegs sein, da ich nicht nur über Videobotschaften und Telefonkonferenzen kommunizieren will.

Ihr Vorgänger Norbert Steiner ist Mitglied der Wagner-Freunde, Sie von Borussia Dortmund: Ist das der wichtigste Unterschied?

Auch ich gehe gerne in Konzerte, nur nicht unbedingt zu den Festspielen nach Bayreuth. Leider spiele ich kein Instrument. Ich habe mir aber unbedingt vorgenommen, Klavier zu lernen. Angeblich geht das auch in meinem Alter. Erst mal habe ich in meiner neuen Aufgabe jedoch anderes zu tun.

Für den Fußball bleibt keine Zeit?

Hoffentlich doch. Wenn möglich, gehe ich mit meinem Sohn ins Stadion. Ich bin Fan, Mitglied und Dauerkarten-Besitzer von Borussia Dortmund.

Eine Meisterschaft feiern Sie da so schnell nicht wieder, der Titel geht sowieso nur noch nach München.

Das sehe ich anders. Der FC Bayern steht vor einem Generationswechsel, den die Dortmunder schon eingeläutet haben: In den nächsten zwei, drei Jahren kann der BVB durchaus wieder Meister werden. Daran merken Sie: Ich bin grundsätzlich Optimist!

Der neue K+S-Chef

Der promovierte Kaufmann Burkhard Lohr wurde 1963 in Essen geboren. Nach dem Studium in Köln arbeitet er zunächst für Mannesmann und Hochtief. Im Jahr 2012 wechselt er zu K+S in den Vorstand, dem er nun vorsteht. Lohr ist verheiratet, hat zwei Kinder und treibt ausgiebig Sport: „Bei Auslandsreisen habe ich immer meine Laufschuhe dabei.“ Zwei- bis dreimal die Woche 10 bis 15 Kilometer - das ist heute das Pensum des Mannes, der in seiner Jugend für die Tusem Essen mehrfach Stadtmeister geworden ist: „Meine Spezialdisziplin waren die 110 Meter Hürden.“

Das Gespräch führte Georg Meck.

Quelle: F.A.S.
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