Kommentar

Blöd gelaufen für Snapchat

Von Dennis Kremer
 - 10:43

Dass eine einzelne Analystenstudie den Kurs einer Aktie gleich um fast zehn Prozent zum Absturz bringt, ist an der Börse ein eher seltenes Ereignis. Darum war die Aufmerksamkeit groß, als in der vergangenen Woche die Aktie der Foto-App Snapchat genau diese fast zehn Prozent verlor und damit erstmals seit dem spektakulären Börsengang im März wieder unter ihrem Ausgabepreis notierte. Ausgelöst hatte den Kursrückgang ein negativer Analystenkommentar von Morgan Stanley – ausgerechnet jener Bank also, die Snapchat an die Börse gebracht hatte und dabei nicht müde wurde, das Potential der Foto-App zu loben.

Nun hat sich Menschen über 40 der besondere Sinn von Snapchat ohnehin nie erschlossen: Damit kann man im Wesentlichen lustig verfremdete Fotos und Videos versenden, die sich nach einer gewissen Zeit von selbst löschen. Trotzdem war die Börse anfangs begeistert und trieb den Kurs auf immer neue Höhen.

Was hat sich jetzt geändert? Bei jedem neuen Unternehmen aus dem Silicon Valley, das sich als soziales Netzwerk etablieren will, stellt sich früher oder später die Frage: Wird es das neue Facebook werden – oder das neue Twitter? Facebook hatte nach anfänglichen Schwierigkeiten einen Siegeszug an der Börse erlebt und ist nun das fünftgrößte Unternehmen der Welt (gemessen am Börsenwert). Der Kurzmitteilungsdienst Twitter hingegen schreibt trotz seines einst bejubelten Börsenstarts noch immer Verluste.

Facebook kopiert schamlos alle neuen Funktionen

Im Falle von Snapchat fällt es schwer, an die Kehrtwende zu glauben – und das hat ausgerechnet mit Facebook zu tun. Denn Mark Zuckerbergs Firma ist ein gnadenloser Wettbewerber, der Snapchat seine Dominanz spüren lässt. Als Facebook 2012 selbst an die Börse ging, war ein ähnlich starker Konkurrent, wie Facebook es heute für alle aufstrebenden Neulinge ist, nicht in Sicht.

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So gesehen ist die Sache für Snapchat blöd gelaufen. Denn mit seinem Fotodienst Instagram kopiert Facebook schamlos alle interessanten Funktionen, die Snapchat sich ausdenkt. Da Instagram 700Millionen Nutzer hat, Snapchat aber im Vergleich dazu nur auf rund 170 Millionen Anwender kommt, ist klar, auf welcher Plattform Firmen lieber Werbung schalten. Es spricht darum viel dafür, dass Snapchat unfreiwillig das Schicksal eines anderen einstigen Hoffnungsträgers teilen wird: Snapchat-Aktionäre sollten den Niedergang der Twitter-Aktie genau studieren.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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