Aktien
20 Jahre Neuer Markt

„Kursziel 1000 Euro!“

Von Christoph A. Scherbaum
© Morphosys, FAZ.NET

Es war der 10. März 1997, als die Deutsche Börse den Plan umsetzte, eine Art Technologiebörse wie die amerikanische Nasdaq in New York am eigenen Handelsplatz in Frankfurt zu etablieren. Man wollte der damals so hochgepriesenen „New Economy“ in Deutschland eine Plattform geben. Der Neue Markt war geboren.

Die Idee war gut: Junge Unternehmen an die Börse zu bringen, ihnen die Chance zu geben, am Kapitalmarkt neue Investoren zu gewinnen und so zu wachsen. Am Neuen Markt tummelten sich entsprechend Unternehmen aus den Bereichen, die die Zukunft beeinflussen sollten: IT, Multimedia, Biotech, Telekom oder Forschung - es war alles vertreten. Auf den ersten Blick eine Fülle an Innovation und Wachstumsideen.

In der Folge kam es beinahe wöchentlich zu mehreren Börsengängen - heute kaum mehr vorstellbar. Gefühlt wollte jeder Deutsche „dabei sein“, an der Börse mitmachen. Es wurden nicht nur Omas Sparbestände für Börsen-Investments geplündert, um beim Börsengang eines Unternehmens am Frankfurter Parkett am ersten Handelstag über 100 Prozent Gewinn zu machen. War gerade kein Geld vorhanden, so stellte es keine Seltenheit dar, wenn Hausfrauen bei der Bank einen Verbraucherkredit in fünfstelliger Höhe aufnahmen, um am Hype des Neuen Marktes dabei zu sein.

Breite Anlegerschaft war regelrecht elektrisiert

Es war eine Stimmung, die man heute kaum mehr an der Börse findet. Zusätzlich angeheizt durch Anlegermagazine, die sich wöchentlich gegenseitig überbieten wollten, was die Kursziele der Aktien anging. Da wurde schon mal Anfang des Jahres 2000 von einem Börsenguru in einer TV-Sendung auf 3Sat ein sehr ambitioniertes Kursziel von 1000 Euro für Morphosys-Aktien ausgegeben. Die Zuschauer glaubten das und kauften was das Zeug hielt.

Es wurde schlicht in Aktien investiert, deren Unternehmen es dem Markt bis dato schuldig waren, zu zeigen, dass sie langfristig auch wirklich Geld verdienen. Die breite Anlegerschaft war aber regelrecht elektrisiert. Es brauchte nur ein Unternehmen zu kommen, dass in einem der großen Megatrends wie Biotech, Data, Telekom oder Forschung seit ein paar Jahren aktiv war, auch Umsätze aufwies – und schon war die „Anlegerchance“ aufgetan. Eines der anschaulichsten Beispiele für den Anlegerhype am Neuen Markt ist die Aktie von Biodata:

Biodata - eines von vielen Beispielen

Biodata entwickelte Ende der 1990er Jahre Hardware-Komponenten zur Verschlüsselung von Internet-, Telefon- und Satellitensignalen. Im Jahr 2000 erfolgte der Börsengang am Neuen Markt. Die zu 45 Euro ausgegebenen Aktien wurden zur Erstnotiz mit 240 Euro festgestellt - es war der höchste Zeichnungsgewinn, der je am Neuen Markt erzielt wurde. Der Höchstkurs der Aktie am ersten Handelstag lag derweil bei mehr als 400 Euro. Damit hatte das Unternehmen, dass bis dato einen Jahresumsatz von etwas mehr als 20 Millionen Euro generierte, auf einen Schlag einen Börsenwert von mehreren Milliarden Euro.

Keine zwei Jahre später beantragte Biodata im November 2001 als erstes Unternehmen des Börsenindex Nemax 50 Insolvenz. Anleger verloren ein Vermögen, die Aktie mutierte vom Highflyer zum Penny-Stock und die Staatsanwaltschaft erhob später auch noch Klage gegen die Biodata-Geschäftsführung unter anderem wegen Insolvenzstraftaten und verbotene Insidergeschäften. Solche Geschichten a la Biodata gab es am Neuen Markt leider nicht wenige.

Insidergeschäfte und Bilanzfälschungen

Entsprechend erkannte die Deutsche Börse im Sommer des Jahres 2003, dass sie ein Imageproblem mit ihrem jungen Handelssegment hatte. Schnell wurde aus dem Neuen-Markt-Index „Nemax50“ der „Tec-Dax“, der bis heute als kleiner Dax-Bruder ein seriöser Bestandteil der deutschen Aktienlandschaft ist.

Viele Anleger haben im Neuen Markt und bei den vielen Insidergeschäften sowie Bilanzfälschungen der Unternehmen viel Geld verloren und stehen seitdem einer Aktienanlage skeptischer gegenüber. Das Chaos um die T-Aktie des Dax-Unternehmens Deutsche Telekom im gleichen Zeitraum hat das ganze noch einmal verschärft – Deutschlands Aktienkultur hat sich von dieser Epoche bis heute nicht wirklich erholt.

Zur Ehrenrettung der Deutschen Börse und ihrem damaligen Segment muss man jedoch sagen: nicht alles damals war schlecht. Einige Unternehmen haben bis heute überlebt und ihren Aktionären solide Erträge eingebracht. Ein Beispiel hierfür ist die Bertrandt AG, die zusammen mit der Mobilcom AG die erste gelistete Aktie am Neuen Markt war.

Heute ist Bertrandt im Nebenwerte-Index S-Dax gelistet und kann auf einen erfolgreichen 20-Jahres-Chart zurückblicken. Die Aktie hat sich seit 1997 verachtfacht und wer damals bei Mobilcom (heute Freenet) eingestiegen war, konnte sein Kapital seit der Geburtsstunde des Neuen Marktes fast versechzehnfachen.

Was an einem solchen „Jubiläums-Tag“ hängenbleibt ist wohl die Tatsache, dass wir in Deutschland seit den Zeiten des Neuen Marktes mit einer noch größeren Skepsis für der Anlageklasse Aktie zu kämpfen haben. Die über Jahre nicht ansteigende Zahl an Aktionären zeigt dies klar auf. Und die andauernde Diskussion über Börsengänge wird auf lange Sicht die Lust an der Aktie in der breiten Bevölkerung eher bremsen als motivieren. Immerhin trauen wir uns als Anleger indirekt in Aktien zu investieren – indem viele Investoren über Mischfonds an der Börse aktiv sind.

Vielleicht schafft es die Deutsche Börse mit ihrem neuen Segment Scale, das Anfang des Monats präsentiert wurde, Deutschlands ehemalige Aktionäre wieder zurück an die Börse zu bringen. Zur Zielgruppe von Scale gehören Unternehmen mit erprobten Geschäftsmodellen, die sich bei Investoren schon bewährt haben. Das klingt schon einmal gut.

Quelle: FAZ.NET
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