Opiate-Krise

Angriff gegen Amerikas Schmerzmittel-Industrie

Von Winand von Petersdorff, Washington
 - 08:24

Die führenden Hersteller und Händler von starken Schmerzmitteln sind mit einer Welle von Klagen konfrontiert. Bundesstaaten, Bezirke und Städte wollen die Unternehmen für die Kosten und die zahlreichen Opfer der Opiate-Krise zur Rechenschaft ziehen. Im vergangenen Jahr starben 60.000 Menschen am Rauschgift-Missbrauch, und damit mehr als im Vietnamkrieg. An Aids starben im schlimmsten Jahr 1995 rund 43.000 Menschen. Das zeigt die Dimension der Krise.

Viele der Drogentoten sind über verschriebene Schmerzmittel, die Opiate enthalten, süchtig geworden. Die Rauschgiftepidemie beschränkt sich nicht auf arme Stadtteile großer Städte. Betroffen sind viele kleine Städte und Dörfer im Norden, im Süden und Mittleren Westen. Der Missbrauch führte dazu, dass zum ersten Mal seit langen in einer Industrienation die Lebenserwartung einer Bevölkerungsgruppe sank: die der weißen Männer.

Zu den jüngsten Klägern gehören die Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten Missouri, Ohio und Oklahoma sowie mehrere Bezirke in Tennessee. Weitere Bundesstaaten prüfen den Schritt. Parallel lassen Staatsanwälte im ganzen Land die Geschäftspraktiken der Pharmaunternehmen untersuchen. Zu den in Visier genommenen Unternehmen gehören große Namen wie Johnson & Johnson, Purdue Pharma, Teva, Allergan und die Drogerieketten CVS und McKesson, in deren Filialen in der Regel Apotheken untergebracht sind.

Wegen des Missbrauchs starben immer mehr Menschen

Hinter den Klagen von Ohio und Missouri steckt ein Veteran in dem Metier, der Jurist Mike Moore. Als Generalstaatsanwalt von Mississippi hatte er als erster Vertreter eines Bundesstaates die Tabakindustrie verklagt. Er gehörte zu dem Team, das einen Vergleich ausgehandelt hatte. Die Tabakindustrie erklärte sich bereit, 246 Milliarden Dollar zu zahlen. Inzwischen arbeitet Moore als privater Anwalt und schmiedet laut New York Times an einer Koalition der Kläger gegen die Industrie.

Die Opiate-Krise nahm ihren Ausgang nicht mit illegalen Drogen, sondern mit starken Schmerzmitteln, die Ärzte verschrieben. In den neunziger Jahren war die Vorstellung verbreitet, dass Schmerzen die neue große chronische Volkskrankheit sind. Die Pharmaindustrie brachte als Reaktion vermehrt Medikamente in den Markt, die Opiate enthielten. Das stellte sich schnell als gefährlich heraus.

Wegen des Missbrauchs starben immer mehr Menschen. Darauf erschwerten Ärzte und Gesetzgeber den Zugang zu den starken Schmerzmitteln. Doch die Anwender stoppten nicht ihren Konsum, sie stiegen ihrer Sucht folgend auf andere starke Rauschmittel um, die nun illegal waren: Heroin und das synthetische Fentanyl. Ein Ansatzpunkt für die Kläger ist die Einschätzung, dass die Pharmafirmen die Mittel mit besonders aggressiven Marketing-Kampagnen in den Markt drückten und die Risiken verharmlosten. Klagen richten sich auch dagegen, dass Firmen an den regionalen Verkaufszahlen ablesen können, ob für bestimmte Regionen zu viele Schmerzmittel verschrieben werden und nichts dagegen tun.

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Die Stadt Everett im Bundesstaat Washington war das Ziel einer Rauschgift-Bande. Sie hatte eine Schein-Klinik gegründet mit einem korrupten Arzt. Dessen verschriebene Medikamente der Marke Oxycontin lenkte die Bande nach Everett, wo in Folge die Zahl der Drogentoten dramatisch stieg. Heute versucht die Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern einer Heroin-Krise Herr zu werden. Die Stadtregierung hat die Herstellerfirma Purdue Pharma verklagt. Sie hätte sehen können, dass da was faul ist, argumentieren die Anwälte der Stadt. Pudrue hat beantragt, die Klage nicht zuzulassen.

Quelle: FAZ.NET
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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