Start-ups in Deutschland

Es ist zum Heulen

Von Christoph Gerlinger
 - 10:24
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Die deutsche Misere lässt sich anhand von zwei prominenten Börsengängen darstellen, wo Tradition (Old Economy) und Zukunft (New Economy) frontal aufeinandergetroffen sind – und das auch noch in ein und derselben Branche, im Ernährungsbereich. Ende Juni sind zwei Firmen an der Börse gestartet, Vapiano, eine klassische Pizza-Kette, und Delivery Hero, eine Essensplattform im Internet. Der Tenor deutscher Investoren und Finanzmedien im Vorfeld lässt sich wie folgt zusammenfassen: „Vapiano ist etwas Solides, das kann man sehen und anfassen – Delivery Hero dagegen ist nur eine Internetplattform, die Verluste macht, also heiße Luft.“ So viel Unverständnis tut weh! Es ist zum Heulen.

Denn worum geht es? Vapiano ist ein herkömmliches Systemgastronomiemodell für italienische Küche, aufgezogen als Franchisekette. Dasselbe Geschäftsmodell gibt es seit den 50er Jahren: Innovation? Sehr gering. Unterscheidungskraft? Praktisch null. Ein solches Modell mag vielleicht risikoarm sein, chancenarm ist es in jedem Fall.

Delivery Hero dagegen ist eine Internetplattform für Essenslieferungen, mit der ebenfalls an Mahlzeiten verdient wird, allerdings ohne jeglichen materiellen Einsatz, sprich, ohne Wareneinsatz, ohne Teig, ohne Restaurants, ohne Köche, ohne Kellner und sogar – mit Ausnahme einer Tochterfirma – ohne Fahrer und Fahrzeuge. Dies ähnelt den Geschäftsmodellen von Uber, dem weltgrößten Personenbeförderungsunternehmen, und Airbnb, dem weltgrößten Personenbeherbergungsunternehmen. Autos beziehungsweise Hotels besitzen beide nicht.

Delivery Hero betreibt also nur eine Online-Plattform, um hungrige Menschen schnell und bequem mit Liefer-Restaurants zusammenzubringen. Damit ist weit mehr zu verdienen als mit dem Ausrollen von Pizzateig: Die Plattform kassiert für sich eine Vermittlungsgebühr von bis zu 20 Prozent des Essenspreises – ganz ohne den Herd anzudrehen.

Wer verdient bislang an solchen unternehmerischen Tech-Pionierleistungen?

Ein solches Geschäftsmodell ist um ein Vielfaches leichter zu vervielfältigen, größenskalierbar heißt der Fachbegriff, als eine physische Restaurantkette. Die Delivery Hero Holding, erst 2011 von Serienunternehmern in Berlin gegründet, beschäftigt folglich schon mehr als 1000 Mitarbeiter allein am Hauptsitz, ist in mehr als 40 Ländern aktiv und wächst stark – allein vergangenes Jahr um knapp 80 Prozent. Eine tolle deutsche Erfolgsgeschichte, oder?

Start-ups in Deutschland
Scheitern und dazu stehen
© DW, Deutsche Welle

Der Ton in der öffentlichen Debatte in Deutschland ist ein anderer. Obwohl der kleinere Wettbewerber Takeaway.com in den Niederlanden bereits mit großem Erfolg an die Börse gegangen war, lamentierte die „Wirtschaftswoche“ noch im Mai in einer Titelstory über den ebenfalls öffentlich weithin unverstandenen Serienunternehmer Oliver Samwer, der mit seiner Start-up-Schmiede Rocket Internet maßgeblich an Delivery Hero beteiligt ist: „Delivery Hero scheint noch nicht reif für die Börse zu sein: Zusammen kamen die beiden Unternehmen auf ein Minus von 117 Millionen Euro.“ Am 30. Juni ist Delivery Hero, allen Unkenrufen zum Trotz, an die Börse gegangen und seither mit fast fünf Milliarden Euro bewertet – immerhin rund die Hälfte der mehr als 100 Jahre alten Lufthansa.

Doch wer verdient bislang an solchen unternehmerischen Tech-Pionierleistungen? Da in Deutschland gemessen am Bruttoinlandsprodukt nur etwa ein Dreizehntel (ja: 1/13!) so viel Venture Capital (VC), Wagniskapital, wie in Amerika bereitsteht, siedeln sich die besten Gründer oft gleich in den Vereinigten Staaten an. Wenn sie doch hier bleiben und in Deutschland ihr Start-up aufziehen, werden sie von VC-Fonds finanziert, deren Anteilseigner sich oft zu großen Teilen aus angelsächsischen Investoren rekrutieren. Deutsche Finanziers in dem Bereich sind in der Regel zu klein, um bei Erfolg auch das Wachstum in der nächsten Stufe, der Growth Stage, mit Einzelbeträgen jenseits von zehn Millionen Euro zu finanzieren. Deshalb ziehen Start-ups dann nach Amerika oder akzeptieren das Wachstumskapital angelsächsischer VC-Fonds. Eigentümer werden dann internationale Investoren, diese dominieren fortan die sogenannten Cap Table, die Liste der wichtigsten Anteilseigner.

Selbst beim Gang an die Börse geht der Jackpot an uns vorbei. Delivery Hero hat schon am ersten Tag Zeichnungsgewinne von knapp zehn Prozent erzeugt, der Wettbewerber Takeaway.com bringt es inzwischen auf Kursgewinne von mehr als 60 Prozent. Es ist stark anzunehmen, dass bei beiden Unternehmen kaum deutsche Investoren unter den Zeichnern waren, die Aktien wurden ganz überwiegend in London und New York plaziert. Noch nicht einmal über die Großbanken hierzulande, die Deutsche Bank oder die Commerzbank, war eine Zeichnung möglich, geschweige denn wurde die Aktie aktiv beworben. Deutsche Banken messen der Aktie von Delivery Hero nur einen Beleihungswert von 15 Prozent des Kurses zu (im Vergleich dazu Lufthansa 70 Prozent).

In den Medien vorwiegend negative, sachferne Kommentare

Die ungeheure Kraft, die hinter exponentiellem Wachstum steckt, das schließlich auch Anlaufverluste zu üppigen künftigen Gewinnen werden lässt, ist für das menschliche Gehirn nur sehr schwer intuitiv abzuschätzen, wie unter anderem die aus dem Google X-Forschungslabor hervorgegangene Singularity University im Silicon Valley lehrt. Als Beispiel nehme man ein Unternehmen, das über zehn Jahre hinweg jeweils 80 Prozent pro Jahr wächst. Es wäre völlig falsch, zu glauben, dass dieses Unternehmen nach zehn Jahren grob aufgerundet zwanzigmal so groß ist. Tatsächlich ist es auf die über 350-fache Größe angewachsen. Das beweist: Uns fehlt das intuitive Vorstellungsvermögen, exponentielle Wachstumseffekte richtig einschätzen zu können. Allein die drei wertvollsten Vertreter der jüngsten Generation von Internetgiganten – Apple, Google und Facebook – sind heute mehr wert als der ganze Dax und dabei viel jünger und mit weniger physischem Ballast beschwert als die 30 wichtigsten deutschen Konzerne.

Die von mir gegründete German Startups Group hält als börsennotierter Venture-Capital-Anbieter seit 2013 eine Beteiligung an Delivery Hero. Deren Wert hat sich in diesen dreieinhalb Jahren bis heute verfünffacht. Eine hochlukrative Investition also. Dennoch wurden wir am Kapitalmarkt häufig für das angeblich riskante Engagement bei Delivery Hero kritisiert, noch dazu, weil wir aufgrund unseres geringen prozentualen Anteils keine Kontrolle hätten.

Auch unser eigener Börsengang im Jahr 2015 als aktivster VC-Investor in Deutschland wurde vorwiegend von negativen, sachfernen Kommentaren begleitet. Dies gipfelte in einem besonders qualifizierten Schlusswort – weit unter der Gürtellinie – in der hoch angesehenen „Börsenzeitung“: „Falls dabei was schiefgeht: Das Geld ist nicht weg. Es hat nur ein anderer.“ Für Furore sorgen regelmäßig Artikel, wie im Februar 2014 in der „Wirtschaftswoche“, welche die deutsche Start-up-Szene für tot erklären: „Die Party bei den Berliner Start-ups ist vorbei“, hieß der Titel der Geschichte, die alle Start-up-Pleiten aufzählte und ein niederschmetterndes Bild des Berliner Tech-Ökosystems zeichnete.

Aufhänger der Story: der Abverkauf eines Großteils des Investmentportfolios von Team Europe, dem damals neben Rocket Internet prominentesten Company Builder der Hauptstadt. Glücklicherweise kam in dem Artikel auch Kolja Hebenstreit, Mitgründer von Team Europe, zu Wort, der den Verkauf wie folgt begründete: „An weniger Unternehmen gleichzeitig zu arbeiten ergibt bessere Ergebnisse, daher die Anteilsverkäufe.“ Team Europe konzentrierte sich in der Folge auf Delivery Hero. Die Party für die Macher von Team Europe ist aber nach dem Börsengang ganz sicher nicht vorbei. Da mögen sich die Kommentatoren im Börsenfernsehen noch so wundern, dass Delivery Hero erfolgreich an der Börse gestartet ist: „Wie erklären Sie sich das, dass die Leute bei einem Unternehmen, das Verluste schreibt, so zugreifen?“, fragte mürrisch eine TV-Frau.

Wir verzittern aus mangelnder Urteilskraft gepaart mit „German Angst“ die Zukunft

Ähnliche negative Reflexe wie der Börsengang von Delivery Hero und wie der unserer German Startups Group rief der Start des neuen Wachstumsbörsensegments Scale im März 2017 hervor – selbst in der hochseriösen Finanzpresse. „Neuer Markt 2.0“ oder „Vorsicht vor Etikettenschwindel an der Börse“, lauteten die abschätzigen Überschriften, um nur ein paar zu nennen. In anderen Ländern ist das Platzen der New-Economy-Blase längst verarbeitet. Auch in Deutschland gibt es Unternehmen aus dieser Zeit, die ihre Anleger mittlerweile reich gemacht haben, sofern die an ihren Aktien festgehalten haben. Die kraftstrotzende United Internet zum Beispiel ist so ein Fall. Dennoch sitzt bei uns die Angst immer noch tief, dass man mit einem Tech-Unternehmen, das stark wächst, aber noch nicht profitabel ist, möglicherweise Verluste machen könnte.

So verzittern wir aus einem Mangel an Urteilskraft in Kombination mit „German Angst“ die Zukunft. Man muss sich dabei vor Augen führen, dass auch die heutigen deutschen Weltmarktführer einmal als Start-up angefangen haben. Auch sie haben Anlaufverluste verursacht, die sich teilweise über Jahrzehnte hinweg anhäuften.

Bestes Beispiel hierfür ist Friedrich Krupp mit seiner Krupp Gussstahlfabrik, der ein disruptives Verfahren zur Stahlverarbeitung erfand, jedoch knapp 50 Jahre brauchte, um die wiederkehrenden finanziellen Engpässe zu überwinden, Gewinne zu machen und schließlich zum Weltkonzern aufzusteigen. Die Fähigkeit, so etwas ex ante einschätzen zu können, und die Ausdauer, solche Situationen durchzustehen, scheint den Deutschen abhandengekommen zu sein.

Natürlich erfordert eine solche Anlageentscheidung mehr Wissen und Mut, denn man muss sich stärker mit den Geschäftsmodellen, dem Markt und der technischen Innovation auseinandersetzen. Und man muss mehr Volatilität aushalten, sprich Kursschwächen durchstehen können. Dafür winken aber auch vielfach höhere Gewinne. Dazu scheinen deutsche Anleger jedoch nicht willens oder in der Lage zu sein. Deutsche Technologieunternehmen sprechen daher lieber angelsächsische Investoren an oder gehen gleich im Ausland an die Börse. Die schwache Kursperformance des 2014 an die Börse gegangenen und in seinem Potential völlig unverstandenen Online-Shops für Babyprodukte, „windeln.de“, spricht Bände. Genauso haben deutsche Anleger auch jahrelang Amazon verspottet. Der Kurs von Amazon ist seit dem Börsengang vor 20 Jahren um sagenhafte 5400 Prozent gestiegen: Klug ist, wer es gewagt hat.

Wenn Deutschland wieder ein führender unternehmerischer Standort auch für disruptive Technologien werden möchte, brauchen wir mehr Mut, mehr Urteilskraft auf Seiten des Kapitalmarkts und der Medien und ganz besonders: weniger deutsche Miesepeterei.

Der Autor

Christoph Gerlinger, ein gelernter Bankkaufmann und Diplom-Betriebswirt, ist seit zwei Jahrzehnten in der Internetbranche aktiv und hat mehrere Börsengänge hinter sich gebracht. Heute ist er Chef der German Startups Group. Die börsennotierte Holding mit Sitz in Berlin hält Beteiligungen an mehr als 40 Firmen, darunter am Online-Brillenhändler Mister Spex, am Musikdienst Soundcloud und an Delivery Hero, der Essensplattform, die vor vier Wochen an der Börse gestartet ist.

Quelle: F.A.S.
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