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Die europäische Kaufkraft steigt

Von Wieland Staud, Bad Homburg
© AFP, F.A.Z.

2,4 Millionen Deutsche verbrachten im Jahr 2015 ihren Urlaub in Nordamerika. Man liegt wohl nicht ganz verkehrt, wenn man annimmt, dass sich die Mehrheit im Sommerhalbjahr nach Kanada und vor allem in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufgemacht hat. Man kann es gut verstehen: Die allermeisten Kanadier und Amerikaner sind wirklich lieb, die Landschaften grandios und faszinierend und die Vielfalt der Erlebnismöglichkeiten einzigartig. Allerdings dürfte gerade in den letzten Jahren der Dollar die Urlaubsfreude ordentlich getrübt haben.

Es macht einen mächtigen Unterschied, ob man für einen Euro 1,40 Dollar bekommt – wie im Mittel der Jahre 2008 bis 2010 – oder ob es gerade einmal 1,10 Dollar sind wie in den zurückliegenden drei Jahren. Bei 1,40 Dollar wird man sich im Schlaraffenland wähnen, und Kurse um 1,10 Dollar könnten der Party-Crasher sein. Es spricht aber auch für den Reichtum Deutschlands und sehr vieler seiner Bürger, wenn rund um das 14-Jahres-Tief des Euros gegenüber dem Dollar bei 1,035 bis 1,05 Dollar die Zahl der deutschen Touristen eine neue Bestmarke erreichte.

Aber das ist Vergangenheit. Spannender ist die Zukunft. Gerade in diesen Tagen hat der Dollar mein Erholungsziel von 1,15 Dollar erreicht. Zusehends merkt man den Marktkommentatoren und Investoren an, dass dieser jüngste Anstieg, so unerwartet er für viele kam, Spuren hinterlassen hat. Aus so manchem Skeptiker ist zwar noch nicht unbedingt ein Euro-Enthusiast, aber immerhin wieder ein Befürworter der Gemeinschaftswährung und Euro-Anleger geworden. Langfristig gibt allein diese Entwicklung mit Sicherheit Anlass zur Zuversicht. Der Euro wird im Aufwind bleiben und der Dollar, um im Bild zu bleiben, im Fallwind.

Ein Blick auf die Aktienmärkte

Der Euro wird dem Dollar die Hacken zeigen. Allerdings ist das wirklich eine Einschätzung, die zunächst vor allem für die nächsten Jahre gilt. Denn bevor es zu weiteren Gewinnen des Euro kommen kann, muss er erst die mächtige Barriere bei 1,15 Dollar und dann noch die um Klassen stärker einzuschätzende Widerstandszone zwischen 1,18 und 1,21 Dollar hinter sich lassen. Damit dürfte er aber erst einmal so seine Schwierigkeiten haben. Herkulesaufgaben wie diese brauchen vor allem eines: Zeit!

Zurück zur Urlaubsfrage: Einen viel besseren Kurs als jetzt wird man deshalb in den nächsten Monaten wohl kaum bekommen können. Spätestens zwischen 1,15 und bei 1,18 Dollar sollte der Deckel richtig drauf sein. Wer will, der kann also jetzt schon einmal für seinen Urlaub Devisen-Vorsorge betreiben – oder sich auf die kommenden Jahre freuen. Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Kaufkraft zwischenzeitlich signifikant steigen wird, ist nach dem heutigen Stand meiner Einschätzung groß. Eine vergleichbare Einschätzung gilt übrigens auch für den hier stiefmütterlich behandelten kanadischen Dollar.

© F.A.Z., F.A.Z.

Ein Blick auf die Aktienmärkte: Diesseits und jenseits des Atlantiks darf gelten, dass die mittel- und langfristigen Aufwärtstrends der jeweiligen Indices völlig intakt sind und alles andere als deren Fortsetzung auf diesen beiden Zeitebenen schon eine große Überraschung wäre. Darüber hinaus dürfen diese Märkte auch weiterhin als vergleichsweise robust gelten. Erst am vergangenen Dienstag beziehungsweise Mittwoch legten sie davon wieder ein beredtes Zeugnis ab: Die Einschläge kommen Donald Trump zwar schon bemerkenswert nahe, aber mehr als ein kleiner Hofknicks, der auch sofort wieder ausgebügelt wurde, kam dabei weder hierzulande noch an der Wall Street zustande.

Sommer, Sonne & Co.

Etwas anders sieht nach wie vor der Blick auf das begonnene Sommerquartal aus. Für die nächsten beiden Monate muss die technische Verfassung sowohl der amerikanischen Märkte als auch der europäischen Aktienmärkte weiterhin als angeschlagen gelten. Dies gilt nicht nur aus saisonalen Gründen: Traditionell ist das Sommerquartal das einzige, das im Mittel der vergangenen 4 Jahrzehnte durchschnittlich Verluste verzeichnet. Auch viele Indikatoren, wie aber auch viele Einzelwertcharts, befinden sich beispielsweise im Konsolidierungsmodus. Im Normalfall ist eine solche Situation keine gute Ausgangsbasis für signifikante Kursgewinne. Für mich ist derzeit am wahrscheinlichsten, dass der aktuellen Erholungsphase wieder spürbare Rückschläge folgen werden.

Wen man es sich genau überlegt, dann könnte die Zeiteinteilung der Aktienmärkte kaum besser sein. Sie legen mit schöner Regelmäßigkeit genau dann eine Pause beziehungsweise eine Schlechtwetterphase ein, wenn die meisten von uns Urlaub machen wollen, sich eine sommerliche Auszeit gönnen oder im allgemeinen Entspannungsmodus sind. Und wer weiß: Vielleicht hängt das eine ja mit dem anderen zusammen. Auf jeden Fall scheint mir das Chance-Risiko-Verhältnis unverändert nicht gar so gut zu sein – ganz im Gegensatz zu den Perspektiven, die uns derzeit Sommer, Sonne & Co. bieten. Machen Sie was draus!

Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z.
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