Eigennutz der Investoren

Wie gefährden aktivistische Investoren Unternehmen?

Von Dirk-Oliver Löffler
 - 21:50

Aktionäre börsennotierter Unternehmen sind mit verschiedenen Rechten und Pflichten ausgestattet. Aus gutem Grund: Für ihr eingesetztes Kapital sollen sie die Entwicklung ihres Unternehmens mitbestimmen können. Zu den Aktionärsrechten gehören beispielsweise die Teilnahme an der Hauptversammlung und die Ausübung des Stimmrechts. Doch dürfen Aktionäre Unternehmen aus Eigennutz – etwa zur Erzielung höherer Renditen – vor sich hertreiben? Und wie wirkt sich das auf die betroffenen Unternehmen und den Kapitalmarktstandort aus?

Für die Unternehmen unangenehm sind Investoren, die sich permanent einmischen, das Management umbauen wollen, Plätze im Aufsichtsrat für sich beanspruchen, auf Stellenabbau dringen, liquide Mittel an die Aktionäre ausschütten lassen wollen oder die Unternehmensstrategie medienwirksam kommentieren. Andere tätigen mit den Aktien ihres Zielunternehmens Leerverkäufe, wetten also auf einen fallenden Kurs, und treiben mit negativen Behauptungen über das Unternehmen den Aktienkurs in die gewünschte Richtung.

Kampagnen gegen europäische Unternehmen

Solche Investoren werden Aktivisten genannt. In den vergangenen zwölf Monaten fuhren aktivistische Investoren etwa 120 Kampagnen gegen Unternehmen in Europa und damit fast doppelt so viele wie fünf Jahre zuvor – Tendenz steigend. Zuletzt wurde beispielsweise der Arzneimittelhersteller Stada von Active Ownership Capital (AOC) unter Druck gesetzt. Letztlich führte dies zur Übernahme von Stada durch die Finanzinvestoren Bain und Cinven. Der Aktienkurs des Unternehmens war dadurch stark gestiegen, und AOC stieg im Juni 2017 mit einem mutmaßlich enormen Gewinn aus.

Auch der Automobilzulieferer Grammer ringt nach wie vor mit seinem Investor Hastor, der Vorstands- und Aufsichtsratsposten neu besetzen will. Beide Unternehmen waren lange mit Schlagzeilen in den Medien konfrontiert, was sowohl intern als auch extern für Unruhe sorgte. Bei Grammer gingen zeitweise sogar Kunden auf Abstand, weil sie eine Zerschlagung des Unternehmens befürchteten. Im schlimmsten Fall können aktivistische Handlungen negative Auswirkungen auf das operative Geschäft haben und in erheblichem Umfang Managementressourcen binden.

Zwar bestimmen prominente Fälle das öffentliche Bild, die Aktivisten haben jedoch grundsätzlich erst einmal alle börsennotierten Unternehmen im Auge, die als lohnenswertes Ziel erscheinen. Andere Beispiele sind Third Point bei Nestlé, Knight Vinke bei Eon und Cevian bei ABB, Thyssen-Krupp und Bilfinger. Die umfangreichen Publikationspflichten börsennotierter Unternehmen bieten dabei ausreichend Angriffsfläche für aktivistische Strategien. Hinzu kommt, dass das Management von börsennotierten Unternehmen die Aktivisten regelmäßig unterschätzt und das Gefahrenpotential nicht erkennt. Selbst familiengeführte Unternehmen scheinen nicht mehr sicher zu sein, wie am Beispiel OHB zu sehen ist, die erst kürzlich von Guy Wyser-Pratte öffentlich angegriffen worden ist.

Wenig ermutigendes Signal für Anleger

Das Stichwort lautet mangelnde Vorbereitung. Als das Kölner Werbeunternehmen Ströer im Jahr 2016 von dem Hedgefonds Muddy Waters attackiert wurde, ging der Aktienkurs in kurzer Zeit rasant auf Talfahrt. Mehr als eine Milliarde an Börsenwert dürfte während der Short-Selling-Attacke vernichtet worden sein. Es dauerte Monate, bis sich die Reputation und der Aktienkurs des Unternehmens wieder erholt hatten. Muddy Waters hielt nur einen kleinen Anteil von etwa 3 Prozent an Ströer, konnte das Unternehmen aber dennoch ins Wanken bringen. Eine entschiedene und schnelle Reaktion von Ströer hätte dem entgegenwirken können. So blieb jedoch wie in anderen Fällen auch ein Bild der Hilflosigkeit.

Für friedliche Anleger ein wenig ermutigendes Signal; kann man angesichts solcher Volatilitäten noch getrost in Aktien investieren? Schließlich dienen die Kurskapriolen oder Einmischungen in das Management in erster Linie den Interessen der Aktivisten – bei einer Übernahme des Unternehmens immerhin mit steigenden Aktienkursen oder eben bei einer Short-Selling-Attacke mit fallenden Aktienkursen. Gerade in einem Land wie Deutschland mit einer unterentwickelten Aktienkultur sind solche Fälle Gift für die Attraktivität des Kapitalmarktstandorts.

Allerdings verstehen sich langfristig orientierte aktivistische Investoren als Sprachrohr für alle Aktionärsgruppen. Lässt man Shortsell-Aktivisten außen vor, kommen durch Aktivisten initiierte positive Veränderungen schließlich allen Aktionären und ebenso dem Unternehmen zugute. Im angelsächsischen Raum wird Aktivismus dadurch mittlerweile nicht nur als Bedrohung angesehen, sondern auch als Chance für eine nachhaltige finanzielle und strategische Ausrichtung des Unternehmens entlang der Investoreninteressen und somit gleichzeitig als investorenseitiger Wachhund für die Unternehmensführung.

Investorenkommunikation ist wichtig

Häufig gehen börsennotierte Unternehmen das Thema aktivistische Investoren aber gar nicht oder relativ blauäugig an. Sie kennen ihre eigenen Stärken und Schwächen sowie ihre Aktionärsbasis nicht gut genug und haben kein strategisches Konzept für den Fall eines Angriffs. Die Vorbereitungsarbeit ist jedoch wichtig. Aktivisten sind sehr kreativ, wenn es um das Aufspüren von Schwachstellen geht. Auch sollte das Thema direkt bei Vorstand, Investor Relations, Unternehmenskommunikation und Rechtsabteilung präsent und idealerweise vorher abgestimmt sein.

Dazu zählen vor allem eine gut funktionierende Investorenkommunikation sowie ein gutes Verständnis der eigenen Situation und der Optionen der Gesellschaft. Das Management eines Unternehmens steht ohnehin in der Pflicht, im Unternehmensinteresse, also unter Berücksichtigung der Belange der Aktionäre, seiner Arbeitnehmer und sonstiger Stakeholder, zu handeln, mit dem Ziel nachhaltiger Wertschöpfung. Erfolgt hierbei proaktiv eine regelmäßige und von Sorgfalt geprägte Analyse, sollten sich im Idealfall erst gar keine Flanken eröffnen. Eine solche Immunität ist natürlich nur selten der Fall, wofür Betriebsblindheit und eine intransparente Interessenlage nur zwei von vielen Gründen sind.

Aktivistische Investoren werden von Unternehmen jedoch immer noch nicht ernst genommen. Dabei steigt die Zahl der Fälle, in denen Unternehmen durch ebendiese Investoren herausgefordert werden. Die Art und Weise, wie die betroffenen Unternehmen bisher hilflos darauf reagieren, ist für friedliche Aktieninvestoren nicht ermutigend.

Quelle: F.A.Z.
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