Amerikanische Börsen

Sorglosigkeit an der Wall Street

Von Norbert Kuls, New York
 - 15:50

An der Wall Street schwelgen Anleger kurz vor dem Start der Bilanzsaison für das dritte Quartal in Selbstzufriedenheit. Die einschlägigen Aktienindizes brechen wiederholt Rekorde, und trotz einer überdurchschnittlich hohen Bewertung der Aktien scheinen Anleger zunächst keine Rückschläge zu fürchten. Der Angstindex Vix, eine wichtige Messlatte für die Stimmung von Investoren, zeigt Sorglosigkeit an. Am Donnerstag sackte das Volatilitätsbarometer auf 9,1 Prozentpunkte ab – so niedrig wie nie. Der Vix bildet die Preise für Optionskontrakte ab, mit denen sich Anleger gegen Kursverluste wegen unerwarteter Schwankungen im amerikanischen Aktienindex S&P 500 absichern können. Steigt der Vix, rechnen Investoren mit stärkeren Kursausschlägen. Niedrige Indexstände signalisieren Ruhe und Stabilität an den Märkten. „Der Weg des geringsten Widerstands für Aktien scheint nach oben zu zeigen“, kommentiert Jack Ablin, der die Anlagen für die Privatkundensparte der Bank of Montreal verantwortet.

Ein wichtiger Grund für diesen Optimismus ist die vierteljährliche Bilanzsaison, die in der kommenden Woche inoffziell mit den Resultaten von Großbanken wie J.P. Morgan Chase und Citigroup beginnt. „Die Kurse amerikanischer Aktien steigen vor der Bilanzsaison deutlich, weil Anleger merken, dass die Gewinnprognosen zu niedrig sind“, hieß es kürzlich in einer Analyse der Investmentbank Morgan Stanley, die das als Mustertrend bezeichnete. „Wir glauben, dass es im dritten Quartal nicht anders sein wird.“

Der Aktienindex S&P 500 ist seit Jahresanfang um 14 Prozent auf zuletzt 2549 Punkte gestiegen. Morgan Stanley prognostiziert zum Jahresende ein Niveau von 2700 Zählern – das entspräche weiteren Kursgewinnen von rund 6 Prozent.

Schlusslichter werden konjunkturabhängige Konsumwerte sein

Analysten an der Wall Street kalkulieren für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen derzeit mit einem durchschnittlichen Gewinnwachstum von 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das berichtet der Informationsdienst Factset, der die einzelnen Analysen zusammenzählt und auswertet. Traditionell übertrifft das Gewinnwachstum letztlich die Vorhersagen, weil Unternehmen mit ihren eigenen Prognosen gerne tiefstapeln, um Börsianer positiv zu überraschen. Das stärkste Gewinnwachstum unter den einzelnen Segmenten des Aktienmarktes dürften nach Angaben von Factset für das dritte Quartal Energiekonzerne (plus 109 Prozent), Technologieunternehmen (plus 9 Prozent) und die Immobilienbranche (plus 7 Prozent) ausweisen. Die erwartete Verdoppelung der Gewinne im Energiesegment resultiert aus den gestiegenen Ölpreisen und den ungewöhnlich schwachen Vergleichszahlen des vergangenen Jahres. Die Aktienkurse der Energiekonzerne im S&P 500 liegen in diesem Jahr insgesamt um mehr als 9 Prozent im Minus. Die Kurse haben sich in den vergangenen drei Monaten mit einem Plus von knapp 7 Prozent aber kräftiger erholt als der S&P 500.

Schlusslichter der Bilanzsaison werden nach Einschätzung von Analysten zyklische, also konjunkturabhängige Konsumwerte sein. Für dieses Segment, zu dem auch Automobilhersteller gehören, prognostizieren die Auguren einen Gewinnrückgang um knapp 3 Prozent.

Die Analysten von Morgan Stanley halten die durchschnittlichen Prognosen insgesamt für „sehr erreichbar“, unter anderem, weil sich die konjunkturelle Lage nach einer Flaute Mitte des Jahres wieder verbessert habe, hieß es in dem Bericht.

Populäre Technologieaktien

Getrieben wurde die Börsenhausse in diesem Jahr vor allem von Technologieaktien. Der technologielastige Composite-Index der elektronischen Börsen Nasdaq liegt in diesem Jahr mit 22 Prozent im Plus. Die populären Titel stehen auch weiterhin auf den Empfehlungslisten der Analysten. Mit 58 Prozent haben Technologieaktien unter den Börsensegmenten im S&P 500 den höchsten Prozentsatz an Kaufempfehlungen – eng gefolgt von Energiewerten (57 Prozent) und Aktien aus der Gesundheitsbranche (56 Prozent). Den höchsten prozentualen Anteil von Verkaufsempfehlungen stellen Telekommunikationsaktien. Das Segment gehört in diesem Jahr zu den Nachzüglern der amerikanischen Börsen.

Aktien sind derzeit überdurchschnittlich hoch bewertet, was zu Kursrückschlägen führen kann, wenn die in den hohen Kursen abgebildeten Erwartungen nicht erfüllt werden. Nach Angaben von Factset beläuft sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den S&P 500 auf Basis der Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate aktuell auf 17,7. Damit liegt dieser weitverbreitete Bewertungsmaßstab klar über dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre, in dem das KGV 15,6 betrug. In den vergangenen zehn Jahren lag das durchschnittliche KGV bei 14,1.

Dennoch herrscht unter Analysten weiterhin Optimismus. Nach Kalkulationen von Factset prognostizieren die Analysten dem S&P 500 insgesamt Kursgewinne von mehr als 8 Prozent in den kommenden 12 Monaten. Das größte Kurspotential haben demnach zyklische Konsumwerte mit einem erwarteten Kursplus von 13 Prozent und Technologiewerte, für die Analysten insgesamt mit Kursgewinnen von 12 Prozent rechnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
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