Amerikanische Staatsanleihen

Finanzmärkte erwarten vorsichtige Fed-Geldpolitik

Von Winand von Petersdorff und Gerald Braunberger, Washington und Frankfurt
 - 12:02
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Die Finanzmärkte haben die Aussagen der Vorsitzenden der Federal Reserve, Janet Yellen, vor dem amerikanischen Kongress als Votum für eine eher vorsichtig-expansive Geldpolitik gedeutet. Vor allem Yellens Aussagen zur Inflation geben Futter für diese Interpretation: „Natürlich begleitet spürbare Unsicherheit jede Wirtschaftsprognose. Es gibt beispielsweise spürbare Unsicherheit darüber, wann und wie stark die Inflation auf steigende Kapazitätsauslastung der Wirtschaft reagieren wird.“

Der von der amerikanischen Notenbank präferierte Inflationsindikator PCE (Preisindex der persönlichen Konsumausgaben) stieg bis Ende May nur um 1,4 Prozent und entfernte sich damit weiter vom Inflationsziel der Fed in Höhe von zwei Prozent. Das gleiche gilt für die von Preisentwicklungen bei Lebensmitteln und Energie befreiten Kerninflation, die ebenfalls nur 1,4 Prozent aufwies. Yellen nennt als mögliche Ursache für die schwache Inflation Ausreißer in einzelnen Produktgruppen. So sind Handygespräche und Medikamente günstiger geworden. Diese Entwicklungen würden die Inflation niedrig halten. Vor diesem Hintergrund werde der Offenmarkt-Ausschuss der Fed, der die Geldpolitik verantwortet, die Preisentwicklung sehr sorgfältig beobachten.

Hinweise auf Arbeitskräftemangel

Yellen drückte zwar die Erwartung aus, dass graduelle Leitzinsanhebungen in den kommenden Jahren angemessen sein würden, um die ökonomische Expansion abzusichern und zu zwei Prozent Inflation zurückzukehren. Doch zugleich glaubt sie nicht, dass die Leitzinsen zu ihren alten Vorkrisenniveaus zurückkehren werden.

Yellen hatte ihre Rede von einem vorbereiteten Papier abgelesen, das die geldpolitischen Vorstellungen aller Zentralbankratsmitglieder bündelt. Der renommierte Fed-Watcher und Ökonomie-Professor Tim Duy spekuliert, dass Yellen stärker zu den geldpolitischen Falken neigt, als in der Konsens-Stellungnahme zum Ausdruck kommt. Darauf deutet nach eigener Einschätzung die Deutung der preisdämpfenden Faktoren als vorübergehend hin.

Das Fragezeichen allerdings, warum die guten Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt, der sich nach Fed-Einschätzung stabil entwickelt, immer noch nicht in höhere Löhne und Preise ummünzt, wird größer. Das am Mittwoch veröffentlichte Beige Book, das ökonomische Entwicklungen aus verschiedenen Notenbankbezirken anekdotenhaft bündelt, gibt Hinweise auf Arbeitskräftemangel. Arbeitgeber berichteten darin, sie hätten Schwierigkeiten geeignetes Personal zu finden. Nach konventioneller Vorstellung müsste dieser Arbeitskräftemangel zu Lohnsteigerungen und mehr Inflation führen.

Ein Durchschnittswert von 3,46 Prozent für 2019

„Die Einstellung in den Notenbanken der Industrienationen ändert sich“, heißt es in einer Analyse der Citibank. Die Fed, die Europäische Zentralbank, die Bank of England und die Bank of Canada hätten in jüngster Zeit mehr Signale gesendet, die auf eine Abkehr von ihrer lockeren Geldpolitik deuteten. Die Citibank glaube aber nicht, dass die Notenbanken ihre Politik miteinander abstimmten. „Yellens Beruhigungspille sollte vorerst wirken“, heißt es in der Commerzbank. „Ihre vorbereitete Einschätzung, dass der Leitzins nicht allzu weit vom neutralen Niveau entfernt sei, und das Fehlen weiterer Äußerungen zu den Vermögenspreisen bestätigten vorherige Kommentare aus der Fed.“

Erhebliche Auswirkungen auf die Marktpreise hatte Yellens Anhörung vor dem Parlament allerdings nicht. Zwar fielen am Mittwochabend die Renditen vieler Anleihen in den Vereinigten Staaten und in Europa, aber am Donnerstag kehrte sich die Tendenz wieder um. Zehnjährige amerikanische Staatsanleihen rentierten am späten Donnerstagnachmittag mit 2,35 Prozent; für zehnjährige Bundesanleihen wurde eine Rendite von 0,60 Prozent beobachtet.

In den meisten Banken werden auf mittlere Sicht steigende Renditen für zehnjährige amerikanische Staatsanleihen erwartet. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg bei annähernd 60 Ökonomen aus nordamerikanischen und europäischen Finanzhäusern ergab, dass der Durchschnitt der Prognosen für die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen zum Ende des laufenden Jahres 2,60 Prozent beträgt. Bei der vorangegangenen Umfrage hatte der Durchschnittswert noch 2,72 Prozent betragen. In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Prognosen für das Wirtschaftswachstum und die Inflation in den Vereinigten Staaten zurückgenommen. Für Ende 2018 beträgt der Durchschnitt der Schätzungen 3,18 Prozent, für Ende 2019 wird ein Durchschnittswert von 3,46 Prozent genannt. Dies belegt, dass eine Fortdauer des Konjunkturaufschwungs angenommen wird.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen ZeitunGerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Winand von Petersdorff-Campen
Gerald Braunberger
Wirtschaftskorrespondent in Washington. Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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