Handel mit Staatspapieren

Wer wird italienische Anleihen kaufen?

Von Gerald Braunberger
 - 19:00

Am Anleihemarkt mehren sich die Spekulationen, nach denen die Europäische Zentralbank (EZB) ab Januar 2018 das Volumen ihrer monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro reduzieren dürfte. Auch wenn ein solcher Beschluss nach Ansicht der Marktteilnehmer nicht vor September 2017 zu erwarten ist, stellen sich die Finanzhäuser auf die erwartete neue Realität ein. So stellen die Analysten der amerikanischen Großbank Citi die Frage: Wer wird künftig italienische Staatsanleihen kaufen, wenn nicht die Bank von Italien im Auftrag der EZB?

Die Zahlen sind sehr interessant. Denn seit dem Beginn des Anleihekaufprogramms im März 2015 hat die Bank von Italien bis April 2017 italienische Staatsanleihen im Wert von 255 Milliarden Euro in ihre Bücher genommen. Das entspricht 16 Prozent des Bestands italienischer Staatsanleihen. In diesen rund zwei Jahren hat der italienische Staat allerdings für 78 Milliarden Euro neue Staatsanleihen an den Markt gebracht. Das ist ein Nettobetrag; er besteht aus den gesamten Neuemissionen abzüglich den Tilgungen fällig werdender Anleihen in dem Zeitraum.

Da die Käufe der Bank von Italien mit 255 Milliarden Euro deutlich höher sind als die neu auf den Markt gelangten Papiere (78 Milliarden Euro), müssen Anleger ihre Bestände durch Verkäufe an die Bank von Italien deutlich reduziert haben. Die Frage ist: wer? Nach den vorliegenden Aufstellungen haben vor allem Privathaushalte und Unternehmen aus Italien die Gelegenheit des Anleihekaufprogramms genutzt, Anleihen ihres Heimatlandes zu verkaufen und statt dessen unter anderem ihre Anlagen im Ausland zu vergrößern.

Italienische Banken sind zweitgrößte Anlegergruppe

Daneben haben ausländische Halter italienischer Anleihen ihre Bestände in den vergangenen zwei Jahren deutlich reduziert. Dies betrifft sowohl Anleger aus anderen Ländern der Eurozone wie die sonstigen ausländischen Investoren. Mittlerweile befinden sich nur noch rund ein Viertel der italienischen Staatsanleihen im Auslandsbesitz. Das ist der niedrigste Auslandsanteil seit dem Jahr 1999.

Besondere Aufmerksamkeit verdient auch die Anlagepolitik der italienischen Banken, da hohe Bestände von Staatsanleihen des eigenen Landes in den Bilanzen von Banken erhebliche Gefahren für die Finanzstabilität mit sich bringen können, wenn ein Staat in Schwierigkeiten geraten sollte. Die italienischen Banken halten seit dem Jahr 2013 ungefähr für rund 400 Milliarden Euro Staatsanleihen ihres Heimatlandes. Das entspricht einem Anteil von rund einem Fünftel der gesamten Staatsanleihen; damit sind die heimischen Banken nach den Auslandsinvestoren die zweitgrößte Anlegergruppe.

Springen italienische Versicherer und Fonds auf?

Die Analysten der Citi stellen anschließend die Frage, wer italienische Staatsanleihen kaufen könnte, wenn die EZB ihr Anleihekaufprogramm weiter reduzieren und dann irgendwann einstellen sollte. „Es wird wahrscheinlich höherere Renditen erfordern, um das Angebot und die Nachfrage nach italienischen Staatsanleihen nach einem Ende des Anleihekaufprogramms der EZB auszugleichen“, heißt es in der Studie. Zu Käufern könnten im Falle höherer Renditen unter anderem italienische Versicherer und Fondsgesellschaften gehören, während von den italienischen Banken keine nennenswerten Vergrößerungen ihrer Bestände erwartet werden könnten.

Zurückhaltend gegenüber Kapitalanlagen in Italien hat sich die schweizerische Großbank UBS geäußert. Unter anderem mit Blick auf die Wahlen zum Parlament empfiehlt die Bank Vorsicht gegenüber Aktien, Unternehmen und Staatsanleihen, auch wenn sie das Ende der Anleihekäufe durch die EZB nicht als Auslöser einer Staatsschuldenkrise verortet.

Anleihen mit negativen Renditen gehen zurück

Die Verbindlichkeiten der Bank von Italien im Euro-Zahlungsverkehrssystem Target sind im Juni gegenüber dem Vormonat leicht von 422 auf 414 Milliarden Euro zurückgegangen. Sowohl die EZB als auch Ökonomen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hatten den starken Anstieg der italienischen Verbindlichkeiten im vergangenen Jahr ganz überwiegend mit den Anleihekäufen der EZB erklärt. Insofern passt der Rückgang der Target-Verbindlichkeiten im Juni 2017 zur Reduzierung der monatlichen Anleihekäufe seit dem Frühjahr. Allerdings dürfte es weiterer Beobachtungen bedürfen, um einen klaren Zusammenhang zwischen den Anleihekäufen und den Target-Salden zu konstatieren.

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Der Renditeanstieg der vergangenen Wochen in Europa hat das Volumen der Anleihen mit negativen Renditen erheblich schmelzen lassen. Derzeit beträgt das Volumen solcher Anleihen nach Schätzungen noch etwa 5,7 Billionen Euro nach knapp 11 Billionen Euro im Juni 2016. Mehr als die Hälfte des Volumens dieser Anleihen befindet sich in Japan, wo die Bank von Japan im vergangenen Jahr angekündigt hatte, sie wolle die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen nahe Null halten. Dies sorgt dafür, dass fast alle japanischen Staatsanleihen negative Renditen ausweisen, während in Europa in den vergangenen Wochen viele Anleihen, die zuvor negative Renditen aufwiesen, nunmehr wieder positive – wenn auch in der Regel sehr kleine – Renditen bringen.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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