Geldpolitik der EZB

Warten auf Mario Draghi

Von Gerald Braunberger
 - 18:44

Am kommenden Donnerstag tagt der Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank. Für viele Teilnehmer an den Finanzmärkten ist es eine vertraute Übung, vor einem solchen Treffen ihre Erwartungen zu formulieren – und dies umso mehr, als am Freitagnachmittag unerwartet niedrige Inflationszahlen aus den Vereinigten Staaten den ohnehin an den Märkten verbreiteten Eindruck verstärkten, die Geldentwertung werde heute und auf absehbare Zeit keinen Grund für eine deutliche Verschärfung der Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks liefern. „Die EZB befindet sich nicht unter Zugzwang“, heißt es in einem Wochenendkommentar der Helaba.

In vielen Finanzhäusern ist die Ansicht verbreitet, dass die EZB im weiteren Jahresverlauf eine weitere Reduzierung ihrer monatlichen Anleihekäufe von derzeit 60 Milliarden Euro ankündigen wird. Aber die kommende Woche gilt nicht als ein wahrscheinlicher Termin. Gerüchte, dass EZB-Präsident Mario Draghi in diesem August am traditionell hochrangig besetzten Treffen von Ökonomen und Geldpolitikern im amerikanischen Jackson Hole teilnehmen will, haben Vermutungen genährt, Draghi werde dort ein optimistisches Bild der wirtschaftlichen Perspektiven in der Eurozone zeichnen und damit eine Entscheidung für geringere Anleihekäufe vorbereiten, die auf der Sitzung des Zentralbankrats im September getroffen werden könnte. Auf diese Weise könnte eine leichte geldpolitische Straffung kurz vor der Bundestagswahl kommuniziert werden.

„Das Drehbuch für einen behutsamen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik liegt bereits in der Schublade: Im September oder Oktober wird vermutlich die Weiche für eine Verlangsamung des Kaufprogramms im kommenden Jahr gestellt. In der zweiten Jahreshälfte 2018 könnte dann der Einlagenzins leicht angehoben werden“, heißt es in der Helaba. Da die EZB kein Interesse an einem starken Anstieg der Anleihenrenditen habe, werde sie behutsam vorgehen. Daher würden die Anleiherenditen nur langsam steigen.

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In seiner Juli-Sitzung werde der Zentralbankrat deutliche Aussagen zu einer Änderung seiner Geldpolitik vermeiden, heißt es bei Berenberg. Ab September werde die EZB dann die Finanzmärkte auf eine Verlangsamung ihrer Anleihekäufe im kommenden Jahr vorbereiten. „Obgleich eine Erhöhung des negativen Einlagenzinses schon im Dezember eine Möglichkeit bleibt, werden wir vermutlich bis ins späte Jahre 2018 darauf warten müssen“, sagen die Ökonomen des Hamburger Bankhauses voraus.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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