Windreich-Anleihen

Ein Windmüller ängstigt seine Geldgeber

Von Dennis Kremer
 - 08:38

Dieser Mann kennt keine Flauten, Stillstand ist ihm fremd. Willi Balz rauscht mit schnellen Schritten rein ins Zimmer, dann sofort wieder raus - ein dringender Anruf. Er setzt sich kurz an den Besprechungstisch, springt gleich wieder auf - die Sekretärin soll sich doch bitte noch schnell um die neuen Werbeflyer kümmern. Er nippt am Cappuccino, dann ist er ein weiteres Mal auf dem Sprung - ein paar Unterlagen aus dem Nebenraum holen.

Balz ist Gründer, Eigentümer und Vorstandsvorsitzender des Windparkentwicklers Windreich, und keiner seiner rund 130 Mitarbeiter lebt das Geschäftsmodell der Firma wohl so konsequent vor wie der Chef persönlich: Balz macht immer und überall Wind. Und man darf sagen: Er weiß genau, wie das geht. Denn mit Blick auf die Zahl der Beschäftigten ist Windreich nun wirklich keine große Firma, gemessen am eigenen Anspruch aber schon: Balz hat sich nichts weniger vorgenommen, als in Deutschland ein wichtiges Zukunftsfeld moderner Energiegewinnung zu dominieren - die Offshore-Windenergie.

Anleihenkurse unter Wasser

So unrealistisch das zunächst klingen mag, einen Anfang hat der 52-Jährige gemacht. Einst mit der Planung und dem Bau von Einkaufszentren zu viel Geld gekommen, stieg Balz schon 1999 ins Windgeschäft ein und beschloss bald: Er wollte die Parks dort errichten, wo in Deutschland der Wind am stärksten bläst - mitten in der Nordsee. Also Offshore, wie die Experten das nennen. Früher als andere besorgte er sich die nötigen Genehmigungen, hat mittlerweile zahlreiche Projekte in der Planung und eines im Bau - alles Goldgruben, wie er versichert. „In wenigen Jahren können wir damit etwa 20 Millionen Menschen mit Strom versorgen.“

Das Problem ist nur: So viel Optimismus Balz auch verbreitet, so viel Wirbel er auch veranstaltet - tatsächlich herrscht bei ihm derzeit die große Flaute, und das ist nicht nur für einen Machertypen wie ihn die Höchststrafe. Sondern auch für zahlreiche Anleger: Um die Windprojekte zu finanzieren, hat Windreich nämlich 2010 und 2011 unter anderem zwei Anleihen ausgegeben - Zinssatz: 6,5 Prozent, Gesamtvolumen: 125 Millionen Euro. Vor allem Privatanleger griffen damals zu und machen sich jetzt große Sorgen: Denn beide Papiere sind im Kurs dramatisch abgestürzt, sie notieren derzeit gerade einmal bei rund der Hälfte ihres Wertes.

Persönliche Beleidigung

Was ist da los? Produziert Balz am Ende gar nur heiße Luft? Für den Windkraftunternehmer ist die Sache jedenfalls klar: „Die Kapitalmärkte verstehen unser Unternehmen nicht.“ Zudem, so holt er aus, gönnten ihm viele Konkurrenten den Erfolg nicht: ein Mittelständler aus Schwaben, der den Offshore-Markt erobere? Das gehe vor allem den großen Energiekonzernen gegen den Strich, im Verbund mit den Medien redeten sie seine Firma bewusst schlecht.

Harte Vorwürfe, aber einmal in Fahrt legt Balz nach und springt wieder von seinem Stuhl auf: „Ich schaffe hier in Deutschland Werte in Milliardenhöhe und werde dann so angegangen.“ Auch wenn er das selbst so nie zugeben würde, spürt man: Das Absinken des Anleihekurses empfindet der Windreich-Chef als persönliche Beleidigung.

Liquiditätsschwäche

Tatsächlich ist die Wahrheit komplizierter: Denn auch wenn sich Balz ungerecht beurteilt fühlt - grundsätzlich gestehen ihm viele Branchenbeobachter gutes unternehmerisches Gespür zu. Früh habe der Schwabe die Bedeutung der Offshore-Energie erkannt und sich mit fähigen Ingenieuren umgeben. Warum dann der Kursabsturz bei den Anleihen?

Das Problem hat einen Namen, im Bericht der Ratingagentur Creditreform findet es sich unter dem Punkt „Risiken“. Dort steht weit vorne das Stichwort: „Sicherstellung der Liquidität“. Vor allem mit diesem sperrigen Fachbegriff hat es zu tun, dass die Ratingagentur die Windreich-Anleihen lediglich zur Kategorie der hochspekulativen Papiere zählt.

Denn der Bau eines Windparks auf hoher See kostet gewaltige Summen - Projektausgaben von 1,5 Milliarden Euro sind keine Seltenheit. Geld verdienen Projektentwickler wie Windreich aber erst, wenn der Windpark fertig und ans Stromnetz angeschlossen ist - dann nämlich können sie den Park verkaufen. In der Planungs- und Bauphase aber müssen die Windfirmen ständig frisches Geld nachschießen - nichts anderes ist mit Liquidität gemeint.

Um diese war es bei Windreich zuletzt nicht zum besten bestellt, wie Balz selbst einräumt: „Das ist unsere einzige Schwachstelle.“ Deswegen haben viele Anleger das Vertrauen in die Windreich-Anleihen verloren. Schließlich ächzt die Firma unter einer Schuldenlast von 300 Millionen Euro und noch ist kein einziger der Meereswindparks am Netz. Hinzu kommen die geplanten Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die vor allem zu Lasten der Windbranche gehen.

Energiewende in Person

Balz kann die Aufregung trotzdem nicht verstehen. „Alle Zinszahlungen für die Anleihen haben wir stets pünktlich und zuverlässig geleistet.“ Man solle ihn jetzt mal endlich machen lassen. Schließlich gehöre er zu denjenigen, die an vorderster Front eine der drängendsten nationalen Aufgaben umsetzen würden - er sei quasi die Energiewende in Person.

Solche Sätze meint Balz tatsächlich ernst, bei ihm gerät immer alles eine Spur zu groß, zu prahlerisch. Nicht ohne Grund musste der Windreich-Chef seinen Vorstand schon häufiger umbauen, so manche Führungskraft ging im Streit - der Windunternehmer lässt sich nicht gerne ins Geschäft hereinreden. Karl-Gerhard Eick, Ex-Finanzvorstand der Deutschen Telekom, war einige Zeit als Berater für Windreich tätig, zog sich aber Ende des vergangenen Jahres zurück. Balz sagt: „Ich habe ihn gefeuert.“

Dass es ihm am Gespür für den richtigen Ton bisweilen mangelt, findet der Windreich-Chef nicht. Nur wenige hätten eben die Fähigkeit, sein Tempo auf Dauer mitzugehen. „Das ist wie bei Bayern München: Wer den hohen Anforderungen nicht genügt, fliegt raus.“

Viel Wind

Trotz solcher Poltereien gelingt es Balz immer wieder, prominente Köpfe für die Firma zu gewinnen. Zuletzt übernahm Moderatorin Sabine Christiansen den Posten der stellvertretenden Aufsichtsratschefin - ein Marketingcoup. Ähnlich stolz ist der studierte Ingenieur auf seine Bekanntschaft zu Bergsteiger Reinhold Messner und zu Virgin-Gründer Richard Branson. Typen wie er, findet Balz. „Geradlinig, unbeirrbar, erfahren im Umgang mit Widerständen.“

Und überhaupt ist Willi Balz überzeugt, dass mehr Unternehmer im Lande so sein müssten wie er selbst. „Als Ingenieur überblicke ich die technischen Fragen, ich verfüge über kaufmännischen Sachverstand und bin Eigentümer der Firma - eine hervorragende Kombination.“ Auch wenn sich auf dem Meer noch kein einziges seiner Windräder dreht - im Windmachen ist Willi Balz bereits jetzt unschlagbar.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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