EZB-Kommentar

Lieber Herr Draghi, es wird Zeit!

Von Dennis Kremer
 - 12:47

Die nächste Ratssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) findet am Donnerstag nicht in Frankfurt statt, sondern im lettischen Riga. Früher hatte es im Vorfeld solcher Treffen stets geheißen, dass außerhalb der EZB-Zentrale nicht mit wichtigen Entscheidungen zu rechnen sei. Dieses Mal könnte das anders sein.

Denn in der vergangenen Woche haben sich mehrere hochrangige Notenbanker öffentlich in etwa so geäußert: Der EZB-Rat mit seinem Präsidenten Mario Draghi an der Spitze müsse in der Sitzung prüfen, ob man das Anleihekaufprogramm der Zentralbank demnächst beenden könne.

Die vorsichtige Ausdrucksweise zeigt: Ob man in der nächsten Woche einen Beschluss fassen wird, ist noch unsicher. Aber die Tatsache, dass sich sowohl Gegner („Falken“) als auch Befürworter („Tauben“) einer lockeren Geldpolitik nun ein baldiges Ende der Anleihekäufe vorstellen können, hat die Finanzmärkte in Spannung versetzt.

Das Leiden der Sparer ist noch lange nicht vorbei

Man möchte Mario Draghi zurufen: Lieber Herr Draghi, worauf warten Sie noch? Seit dem Jahr 2015 kauft die EZB in großem Stil Staats- und auch Unternehmensanleihen aus dem Euroraum auf. Das Gesamtvolumen der Käufe beträgt mittlerweile unvorstellbare 2000 Milliarden Euro – mindestens bis Ende September wird die Notenbank noch jeden Monat Anleihen im Wert von 30Milliarden Euro erwerben.

Um es deutlich zu sagen: Es gibt keinen Grund, diese umstrittene Finanzmarktoperation fortzusetzen. Sie hat die Renditen verzerrt und es schwierig gemacht, die Risiken von Wertpapieren vernünftig einzuschätzen. Sollte die EZB es in der nächsten Woche allein bei Diskussionen belassen und keinen Beschluss zum Ausstieg fällen, verkennt sie die Wirklichkeit.

Denn längst ist die Inflationsrate im Euroraum mit 1,9 Prozent bei jenem Wert angelangt, den die EZB anstrebt. Die Notenbanker haben also keine Ausrede mehr. Den gelegentlich vorgetragenen Verweis auf die unsichere Lage in Italien darf man ihnen nicht durchgehen lassen. Würden sie wirklich abwarten, bis alle politischen Krisen Europas beigelegt sind, müssten sie das Kaufprogramm wohl bis zum Sankt Nimmerleinstag fortsetzen.

Eine Illusion dürfen sich Sparer allerdings nicht machen: Selbst bei einem Ausstieg aus dem Programm bleibt Europas Geldpolitik ultralocker und die Zinsen damit niedrig. Das Leiden der Sparer ist noch lange nicht vorbei.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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