Führungswechsel

Ehemaliger S&P-Chef führt Scope Ratings

Von Martin Hock
 - 16:00

Es ist ruhig geworden um die europäische Rating-Agentur, die in der Eurokrise vor allem in der Politik gefordert wurde. Nun nimmt die Berliner Scope Ratings einen neuen Anlauf – mit renommierten Namen. Von Montag an wird Torsten Hinrichs die Geschäfte leiten. 15 Jahre lang war dieser Geschäftsführer für den großen amerikanischen Konkurrenten Standard & Poor’s (S&P) und zuständig für Deutschland, Skandinavien und Osteuropa. Nun also ein Neubeginn beim kleinen Wettbewerber Scope. Ein Neubeginn ist es praktisch für beide. Und das ist auch was Hinrichs so reizt: „Scope ist ein eigentümergeführtes Unternehmen mit ultrakurzen Entscheidungswegen. Hier ist im wörtlichen Sinne unternehmerisches Handeln möglich.“

Die Stoßrichtung ist klar. Scope soll zur führenden europäischen Rating-Agentur werden. Eine Agentur, die aus einer europäischen Perspektive heraus Banken, Unternehmen und strukturierte Finanzierungen bewertet. „Die Nachfrage ist da“, sagt Hinrichs, „gerade in Südeuropa“. Dort sei das Thema Finanzierung aufgrund der Lage der Banken generell schwierig. Gegenüber den Großen will Hinrichs dabei auch mit einer moderneren Methodologie punkten. Scopes Ratings seien wesentlich prognostischer orientiert. So trage man bei der Bewertung von Banken der Tatsache Rechnung, dass es Rettungsaktionen künftig nicht mehr geben werde.

Und natürlich sei sie europäischer: So bedürfe es bei der Bewertung von Pfandbriefen vielfach nicht der bei den amerikanischen Wettbewerbern üblichen teuren Rechtsgutachten, weil die Regulierung eindeutig sei. Auch wenn S&P nicht müde wird zu betonen, dass man keine amerikanische, sondern internationale Agentur sei – am Ende des Tages werde doch eine einheitliche Methodologie verwendet, die ihren Stempel in den Staaten erhalte.

Attraktiv werden will Hinrichs vor allem durch einen umfangreichen Transfer von Wissen und Reputation. Dazu gehört nicht nur seine eigene Berufung. Britta Holt, neue Leiterin des Unternehmensanleihen-Teams, war 14 Jahre als Analystin bei S&P und Fitch. Die neue Banken-Methodologie hat mit Sam Theodore ein Mann entworfen, der 20 Jahre in leitender Position beim Konkurrenten Moody’s tätig war. Und Hinrichs Mitvorstand Stefan Bund war lange Jahre für den Wettbewerber Fitch tätig. 10 bis 12 hochkarätige Leute sollen noch hinzukommen.

An seiner Reputation muss Scope derzeit nachbessern. Der Versuch, sich im Segment der Mittelstandsanleihen zu positionieren, geriet nach Dafürhalten einiger Beobachter in den vergangenen Jahren zum Desaster. Vor allem die Diskrepanz in der Bewertung des Schiffbetreibers MS Deutschland mit der schlechten Note „CCC+“ und der gleichzeitigen Bewertung der Anleihe mit der guten Note „A“ stieß auf völliges Unverständnis - besonders weil Scope zuvor andere Unternehmen unverlangt kritisch bewertet hatte. Dass dies einen Rufschaden mit sich brachte, bestreitet Hinrichs nicht. „Scope hat damals experimentiert. Heute machen wir das so nicht mehr. Ein derartiges Auseinanderklaffen von Bond- und Emittenten-Rating gibt es beispielsweise nicht mehr.“

Auch das Segment der Mini-Bonds steht künftig nicht mehr im Fokus. Stattdessen hat Hinrichs ein großes Ziel: „In drei Jahren sollen Investoren, die für ihre Anlageentscheidungen in Europa ein Rating aus europäischem Blickwinkel wollen, als allererstes auf Scope zurückgreifen. Und danach soll lange gar nichts kommen.“

Quelle: FAZ.NET
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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