Kommentar zum Dax

Prächtige Aussichten

Von Gerald Braunberger
 - 21:25

Zwei Nachrichten eines Tages: Am Donnerstagnachmittag hat der Dax erstmals in seiner Geschichte die Marke von 13.000 Punkten überschritten. Gleichzeitig kostete ein Bitcoin erstmals in seiner Geschichte mehr als 5000 Dollar. Der Preissprung der Bitcoins ist Ausdruck einer hemmungslosen Spekulation ohne wirtschaftliche Grundlage. Der Anstieg des Dax ist Ausdruck der prächtigen Aussichten einer sehr gut laufenden deutschen Wirtschaft, die in den kommenden Jahren von einer Belebung der Weltkonjunktur weiter profitieren kann.

Viele Deutsche werden auch den neuen Höchststand des Dax als Ausdruck einer Spekulation deuten. Selbst ein sehr niedriges Zinsniveau, das nach Abzug der Inflationsrate Besitzern von Bankguthaben einen realen Vermögensverlust beschert, hat die Vorbehalte vieler Anleger gegenüber der Anlage in Aktien nicht überwinden helfen. Diese Zurückhaltung ist ein wichtiger Grund, warum die Deutschen in internationalen Vermögensvergleichen so schlecht abschneiden. Deutschland besitzt eine Wirtschaftskraft, um die uns viele andere Länder beneiden. Aber Deutschland scheitert daran, ein im internationalen Vergleich stattliches Niveau der Einkommen in ein im internationalen Vergleich stattliches Niveau der Vermögen zu verwandeln. Weil die Aktie, die das Eigentum an Unternehmen verbrieft, im eigenen Land in schlechtem Ruf steht, geht ein erheblicher Teil der Gewinne ins Ausland, wo ein nicht geringer Teil der deutschen Aktien liegt.

Natürlich werden die Aktienkurse seit Jahren auch von einer reichlichen Geldversorgung und niedrigen Zinsen getrieben. Aktien sind daher, an herkömmlichen Kriterien gemessen, schon lange nicht mehr billig. Aber gerade in Europa sind die Aktien, gemessen an Kriterien wie dem Verhältnis der Kurse zu den erwarteten Unternehmensgewinnen oder dem Verhältnis der Kurse zum Buchwert der Vermögen eines Unternehmens, auch noch nicht sehr hoch bewertet. Wer Aktien erwirbt, investiert in die Zukunft von Unternehmen, in die Talente, die Arbeitskraft und die Innovationsfähigkeit von Unternehmen und damit in die wirtschaftliche Zukunft des Gemeinwesens.

Glücksritter Bitcoin-Käufer

Wer die Börse als eine Art Spielkasino betrachtet, als einen Ort für kurzfristige Spekulationen, sollte die Finger von Aktien lassen und sein Glück vielleicht lieber mit dem Bitcoin versuchen. Bitcoin-Käufer sind Glücksritter. Wer statt dessen langfristige Vermögensbildung betreiben will, wird auf Aktien nicht verzichten wollen.

Natürlich kann man mit der Anlage in Aktien auch Geld verlieren. Das gilt nicht nur für Aktien von Unternehmen, die sich im Wettbewerb nicht bewähren und untergehen. Streichungen von Werten gehören zu jedem Kurszettel an der Börse. Geld lässt sich auch mit Aktien anerkannter Unternehmen verlieren, wenn der Anleger sie – ein typischer, psychologisch nachvollziehbarer Anfängerfehler – in einem Kursrutsch aufgeregt verkauft, anstatt in schwierigen Zeiten, die es auch in Zukunft immer wieder einmal geben wird, an der Börse die Bestände mit kühlem Kopf aufzustocken. Die beiden Grundregeln der Aktienanlage sind eine Streuung des Kapitals auf mehrere Werte – sei es durch Zusammenstellung mit Hilfe eines kompetenten Beraters, sei es durch den Erwerb von Anteilen an Aktienfonds – und ein langer Atem, der beim kurzfristigen Auf und Ab an der Börse nicht ins Stocken gerät. Idealerweise sollten jüngere Sparer, die einen langfristigen Vermögensaufbau anstreben, Ausschüttungen aus Dividenden nicht konsumieren, sondern wieder anlegen.

Erst wenige Tage alt ist die Nachricht von einer im internationalen Vergleich sehr starken Nachfrage der Deutschen nach Gold. Ob Gold als Kapitalanlage gerade in Zeiten einer sehr niedrigen Inflationsrate taugt, muss jeder Anleger selbst für sich entscheiden. Wer mit etwas Gold im Tresor als Rückversicherung gegen wirtschaftliche oder politische Großrisiken ruhiger schlafen kann, sollte auch in das Edelmetall investieren.

Aber es ist kein Zufall, dass nicht wenige Promoter der Goldanlage gerne den nahenden Untergang an die Wand malen, während das Plädoyer für die Aktie von einem optimistischen Grundton getragen ist, der neben den Risiken, die das Leben nun einmal mit sich bringt, die Chancen herausstreicht, die sich aus Investitionen in eine gedeihliche wirtschaftliche Entwicklung ergeben.

Zur langfristigen Aktienanlage zählt auch ein Gespür für das vernünftig Erwartbare. Immer wieder finden sich Aktien, deren Kurse sich in wenigen Jahren vervielfachen. Das sind glückliche Ausreißer nach oben, aber es handelt sich nicht um eine realistische Perspektive für jedes Depot. Heute halten viele Fachleute auf längere Sicht eine um die Inflationsrate bereinigte jährliche Aktienrendite von 4 bis 5 Prozent für eine gut begründbare Prognose. Garantieren kann diese Renditen niemand, aber noch bescheidener sind die Aussichten für die Zinsen von Bankeinlagen oder Anleihen mit guter Bonität. Eine Vermögensanlage sollte nicht nur aus Aktien bestehen. Aber ohne Aktien fehlt ihr Entscheidendes.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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