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Der Markt misstraut der Deutschen Bank

Von Markus Frühauf
 - 12:58

Die Deutsche Bank ist schwach, und das macht sie angreifbar. Im zu Ende gegangenen Jahr hat der Aktienkurs ein Zehntel verloren, während der Dax fast 10 Prozent zugelegt hat. Die neue Strategie mit einem schlankeren Geschäftsmodell hat den Markt noch nicht überzeugt. Viele Fragen bleiben offen, das Misstrauen der Investoren nach den vielen Rückschlägen ist groß. Deutschlands größte Bank fällt immer weiter zurück. Die Wettbewerber aus Europa oder Amerika werden von den Anlegern um ein Vielfaches höher bewertet.

Als der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi vor wenigen Wochen den deutschen Widerstand gegen die Vergemeinschaftung der Bankenrisiken kritisierte, begründete er seine Zweifel am deutschen Bankensystem mit dem geringen Börsenwert der Deutschen Bank. Mit rund 31 Milliarden Euro beträgt ihr Abstand zur größten italienischen Bank, der Intesa San Paolo, 20 Milliarden Euro.

Wie schwach die Deutsche Bank ist, hat ihr Ko-Vorstandsvorsitzender John Cryan Mitte Dezember vor Investoren in New York eingestanden: „Wir haben aus eigener Kraft in mehr als einem Jahrzehnt kein Kapital geschaffen.“ Deshalb sei die Deutsche Bank weder in der Lage zu übernehmen noch übernommen zu werden. Befürchtungen, die Bank könnte ein Übernahmeziel sein, lassen sich schnell entkräften: Zunächst stellen die Aufsichtsbehörden proportional zur Größe einer Bank höhere Kapitalanforderungen, was viele Übernahmen wenig sinnvoll macht. Das ist bei der Deutschen Bank der Fall, weil sie wegen ihrer Größe und Vernetzung zu den sechs Instituten mit der höchsten Bedeutung für das internationale Finanzsystem zählt. Zudem gilt sie als ertragsschwach. Ihre Kosten sind zu hoch, die Kapitaldecke zu niedrig. Schließlich drohen für die vielen Affären noch Milliardenstrafen. Als größte Bank in der wichtigsten Volkswirtschaft Europas müsste die Deutsche Bank einen deutlich höheren Börsenwert haben.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Das Institut, das der frühere, über die vielen Rechtsrisiken gestolperte Ko-Vorstandsvorsitzende Anshu Jain zu den fünf führenden Großbanken in der Welt machen wollte, liegt gemessen am Börsenwert nicht mehr unter den 50 führenden Instituten. Amerikanische Wettbewerber wie JP Morgan oder Wells Fargo sind sieben- bis achtmal wertvoller. Die Schweizer UBS, die vom Staat in der Finanzkrise gerettet worden war und danach das riskante Investmentbanking straffte, ist mehr als das Doppelte wert.

Milliarden-Abschreibungen und Tausende Entlassungen

Dazu trug auch Cryan als früherer UBS-Finanzvorstand bei. Als Nachfolger Jains stehen die Erfolge aber noch aus. Nach der Vorstellung der neuen Strategie am 29. Oktober ist der Aktienkurs bis Mitte Dezember um ein Viertel auf das Vierjahrestief von 20,69 Euro gefallen. Das Jahr 2015 beendete der Titel mit 22,53 Euro. Trotz der Erholung bleibt der Abstand zu den Großbanken, mit denen sich die Deutsche Bank misst, riesig. Bislang hat Cryan mit seinen Aussagen jedenfalls nicht für die eigene Aktie geworben. Wegen der nötigen Umbauten, darunter Investitionen von 3 Milliarden Euro in die, so Cryan, „lausigen und schrecklich ineffizienten“ IT-Systeme, müssen die Aktionäre für 2015 und 2016 auf Dividenden verzichten – erstmals in der Nachkriegsgeschichte.

Nach den Abschreibungen auf die Postbank oder im Investmentbanking von 6,4 Milliarden Euro wird die Bank im zu Ende gegangenen Jahr einen Milliardenverlust ausweisen. Nach neun Monaten belief sich der Fehlbetrag auf 3,4 Milliarden Euro. Auch der Buchgewinn von bis zu 700 Millionen Euro aus dem Verkauf des Anteils an der chinesischen Hua-Xia-Bank wird den Verlust nicht verhindern. Zumal nach der jüngsten Ausweitung der Geldwäscheaffäre in Moskau weitere Rückstellungen für Strafen wahrscheinlich sind. Noch ist offen, wie die in den Vorjahren mit Milliarden-Boni verwöhnten Investmentbanker für ihre Altlasten büßen müssen, aber Cryan ist gewillt, die „Erfolgsprämien“ deutlich zu kürzen.

Trotzdem sieht Citi-Analyst Andrew Coombs noch viele Fragezeichen. Der Vorstand rechnet auch noch im Jahr 2017 mit Belastungen aus Rechtsrisiken, Neuausrichtung und Regulierung. Im Jahr 2018 soll die Bank wieder in die Spur kommen und einen Gewinn vor Steuern von 10 Milliarden Euro erzielen. Doch auch daran zweifeln die Investoren. Denn die Bank, so hatte es Cryan selbst festgestellt, habe es in der Vergangenheit an der Umsetzung ihrer strategischen Ziele mangeln lassen. An seiner offenen Kritik an Vorgängern wie Josef Ackermann und Jain wird sich der Brite messen lassen müssen. Zunächst stehen die versprochenen Kosteneinsparungen von 3,8 auf weniger als 22 Milliarden Euro bis zum Jahr 2018 im Blickpunkt. Die Zahl der Mitarbeiter einschließlich der Postbank, die im ersten Halbjahr an die Börse gebracht werden soll, will Cryan um fast 30.000 senken. In ihrem Kerngeschäft baut die Deutsche Bank 9000 Stellen ab, so dass am Ende 77000 Mitarbeiter übrig bleiben. Das ist zunächst mit hohen Kosten von 3,5 Milliarden Euro verbunden. So sollen 1,2 Milliarden Euro für Abfindungen schon zurückgestellt worden sein.

Keine Entwarnung bei den Rechtsrisiken

Besonders misstrauisch betrachten die Analysten die weiterhin hohe Abhängigkeit vom Investmentbanking. Das Kapitalmarktgeschäft will die Deutsche Bank künftig stärker auf die Unternehmenskunden ausrichten und bestimmte Bereiche wie den Wertpapierhandel deutlich verringern. Cryan will den Handel, der künftig von dem Kapitalmarktgeschäft für Unternehmen abgespalten und als eigene Sparte geführt wird, auf komplexe, ertragsreichere Produkte konzentrieren.

Staatsanleihen zählen nicht dazu. Insgesamt will die Bank das Wertpapiergeschäft um 70 Milliarden Euro oder 9 Prozent reduzieren. Citi-Analyst Coombs bezweifelt, dass die Erträge dadurch nur um 7 Prozent sinken werden. Das Handelsgeschäft stand in den ersten neun Monaten für drei Viertel der Erträge im Investmentbanking. Mehr als die Hälfte stammt aus dem Handel mit Anleihen und Devisen, wo andere Wettbewerber wie UBS, Barclays oder Morgan Stanley wegen der zunehmenden Kapitalanforderungen das Volumen deutlich abbauen.

Selbst ein der Deutschen Bank wohlgesinnter Analyst wie Kian Abouhossein von JP Morgan sieht noch keine Entwarnung im wichtigsten Thema, den Rechtsrisiken. Seit 2012 musste die Bank dafür 11,2 Milliarden Euro aufwenden, fast so viel, wie die beiden letzten Kapitalerhöhungen einspielten. Abouhossein erwartet bis 2018 eine Verdopplung der Rückstellungen auf 10 Milliarden Euro. Das belastet die Kapitaldecke, aber Cryan hält eine weitere Kapitalerhöhung für unrealistisch. Derzeit wird die Deutsche-Bank-Aktie zu einem Kurs gehandelt, der nur der Hälfte des Bilanzwertes entspricht. Doch Berenberg-Analyst James Chappell hält einen weiteren Abschlag für nötig, damit die Aktie wieder attraktiv wird. Das sieht er erst unterhalb eines Kurses von 16 Euro. Das wäre nahe dem Rekordtief in der Finanzkrise im März 2009 von 13,39 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus (maf.)
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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