„Big Maple Leaf“

Zerschlagen, verhökert, eingeschmolzen?

Von Mechthild Küpper, Berlin
 - 22:11

Bis zu 300 Polizisten haben am frühen Mittwochmorgen mehr als ein Dutzend Wohnungen und Geschäfte in Berlin durchsucht. Die Razzia erfolgte im Rahmen der Ermittlungen gegen die drei Männer, die am frühen Morgen des 27.März die Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum gestohlen haben sollen. Zwei Verdächtige seien festgenommen worden, meldete die Polizei noch am Mittwochvormittag. Ein Juwelier mit Geschäft an der Neuköllner Sonnenallee stehe zudem „im Fokus“ der Ermittlungen. Haftbefehl wurde gegen ihn jedoch nicht erlassen.

Der aufsehenerregende Diebstahl der 100Kilogramm schweren Münze, von der die Königliche Kanadische Münze im Jahr 2007 nur fünf Exemplare geprägt hatte, war mit Hilfe einer Leiter und einer Schubkarre unternommen worden. Über die Trasse der S-Bahn gelangten die Männer durch eines der Fenster direkt in das Museum, das zum Weltkulturerbe Museumsinsel gehört.

Dunkel gekleidete Personen verdeckten ihre Gesichter

Die Museumsinsel in der Spree liegt zwischen den S-Bahnhöfen Friedrichstraße und Hackescher Markt an einer der am dichtesten befahrenen Bahnstrecken. Unmittelbar nach Bekanntwerden des Diebstahls sperrte die Polizei die Gegend für Tatortuntersuchungen und eine Suche mit Spürhunden. Sie vermutete, die Münze sei von der S-Bahn-Trasse auf die Straße hinabgeworfen und dabei beschädigt worden.

Vor einer Woche veröffentlichte die Polizei dann Bilder einer Überwachungskamera. Auf den Fotos sind drei dunkel gekleidete Personen im S-Bahnhof Hackescher Markt zu sehen, die ihre Gesichter mit Händen, Kapuzen und hochgestellten Kragen zu verbergen suchen. Die Verdächtigen seien in den vergangenen Wochen intensiv überwacht worden, hieß es am Mittwoch.

Zugleich veröffentlichte die Polizei Fotos der von den Dieben hinterlassenen Tatwerkzeuge: eine Axt aus dem Baumarkt, ein Rollbrett für den Transport der Münze, einen Türkeil, die Schubkarre und die Leiter. Die Staatsanwaltschaft setzte für Hinweise auf die Täter eine Belohnung von 5000 Euro aus. Das Bode-Museum hatte nach dem Diebstahl seine Sicherheitsvorkehrungen verstärkt. „Wir freuen uns über die Fortschritte der Ermittlungen der Polizei“, sagte ein Sprecher der Staatlichen Museen am Mittwoch.

Nach Angaben des Sicherheitsbeauftragten der Museen betreffen die Ermittlungen auch zwei Personen, die als Servicekräfte im Museum gearbeitet und dies ausgenutzt haben sollen, um das Museum zu schädigen. „Dass die Arbeit der Polizei dies aufklären konnte, freut uns und hebt auch ein durch die Tat entstandenes generelles Misstrauen gegenüber allen Museumsmitarbeitern sowie vertraglich gebundenen Unternehmen und deren Mitarbeitern auf.“

Der Materialwert der „Big Maple Leaf“ mit dem Bild von Königin Elisabeth II. wird auf 3,7 Millionen Euro geschätzt. Die Münze – drei Zentimeter dick und mehr als einen halben Meter im Durchmesser groß – war eine Leihgabe eines Privatmanns an das Bode-Museum, das die Skulpturensammlung, das Museum für Byzantinische Kunst und das Münzkabinett der staatlichen Museen beherbergt. Nach dem Diebstahl vermutete die Polizei, sie sei eingeschmolzen worden. Zum Verbleib der Münze, so ein Sprecher der Polizei, gebe es „noch keine entscheidenden Erkenntnisse“.

Berlin
Jagd nach dem Goldstück
© dpa, reuters

Die Staatsanwaltschaft teilte am Nachmittag mit, es seien Haftbefehle gegen vier Verdächtige erlassen worden. Ermittelt werde gegen neun weitere Personen, die zu organisierten Clans gezählt werden. Der Diebstahl der Münze, so die Staatsanwältin, beruhe wahrscheinlich auf einem Hinweis aus dem Bode-Museum. Einer der Verdächtigen habe im März – beschäftigt von einem Subunternehmer – im Museum als Aufseher gearbeitet. Zwei Personen sollen an dem Diebstahl beteiligt gewesen sein, eine weitere Person soll sich als Hehler für die Münze betätigt haben.

Die Verdächtigen, so eine Staatsanwältin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Polizei am Mittwochnachmittag, seien zwischen 18 und 20 Jahre alt und miteinander verwandt. Sie werden der organisierten Kriminalität arabischer Familien zugerechnet, die sich nach außen hin gut abschotten. Von den Verdächtigen des Münzdiebstahls soll keiner vorbestraft sein. Die Ermittler im Fall der „Big Maple Leaf“ hatten den Zufall auf ihrer Seite: Bei Ermittlungen gegen einen der Verdächtigen fiel auf, dass dieser im Bode-Museum arbeitete.

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Carsten Pfohl vom Landeskriminalamt sagte über die Aussicht, die Hundert-Kilo-Münze zu finden: „Wir gehen davon aus, dass die Münze in Teilen oder ganz veräußert wurde.“ Die Ermittler gehen nicht davon aus, noch Stücke von ihr zu finden. „Meine Hoffnung, dass wir die Münze auch nur in Teilen finden, ist leider relativ gering“, sagte Pfohl.

Gehofft werde aber, Goldabrieb an Kleidung oder Autos nachweisen zu können. Vier Autos waren bei den Durchsuchungen sichergestellt worden, ferner Kleidung, Schusswaffen und eine größere Summe Geldes. Wenige Tage vor dem Diebstahl hätten die Männer zweimal vergeblich versucht, die „Big Maple Leaf“ aus dem Museum zu entwenden, teilte die Polizei mit. „Das Eindringen verlief in allen Fällen unproblematisch“, sagte Pfohl; zu prüfen sei nun, ob die Männer bei den Generalproben und bei dem erfolgreichen Diebstahl Hilfe aus dem Inneren des Museums bekommen hätten.

Quelle: F.A.Z.
Mechthild Küpper - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Mechthild Küpper
Politische Korrespondentin in Berlin.
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