Digitale Währung

Es droht die Bitcoin-Spaltung

Von Franz Nestler
 - 09:11
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Bitcoin-Anleger kann zwar wenig erschüttern. Sie sind schon Kursstürze von 50 Prozent und mehr gewöhnt. Auch aktuell ist der Kurs der digitalen Währung wieder eingebrochen. Während sie im Juni noch über 3000 Dollar notierte, waren es über das Wochenende zeitweise weniger als 2000 Dollar. Der Markt ist ohnehin volatil. Doch der Grund für die aktuelle Beunruhigung ist sehr ernst. Es geht sogar die Angst um, dass der Bitcoin vor dem Ende steht.

Hintergrund ist eine Diskussion, die hinter den Kulissen seit mehr als zwei Jahren geführt wird. Denn der Bitcoin ist ein Opfer seines eigenen Erfolges geworden. Da mittlerweile von der chinesischen Großmutter bis zum Wall-Street-Banker Millionen von Menschen die Währung nutzen, ist die zugrundeliegende Technik überfordert. Das führt dazu, dass Transaktionen länger dauern und dadurch teurer werden – eigentlich war die schnelle und günstige Abwicklung des Zahlungsverkehrs der große Vorteil der Internetwährung Bitcoin.

Zahlungsmittel oder Investment?

Im Maschinenraum der digitalen Devise arbeitet eine Technik, die auf der sogenannten Blockchain basiert. Sie ist vereinfacht gesagt eine Art Datenbank, in der sämtliche Transaktionen in Blöcken – daher der Name – festgeschrieben werden. Doch Blockchain ist nicht gleich Blockchain. So kann zum Beispiel die Größe der einzelnen Blöcke variieren oder auch die Details darüber, was genau in der Blockchain festgeschrieben wird. Und genau darum handelt der aktuelle Streit.

So soll die Blockgröße auf zwei Megabyte verdoppelt werden und Transaktionen außerhalb der Blockchain ermöglicht werden. Dadurch versprechen sich die Entwickler deutlich schnellere Transaktionen. Die Aktualisierung hört auf den Namen „Segwit2x“. Ursprünglich sollte sie lediglich ein Sicherheitsproblem lösen: Mit diesen soll es möglich gewesen sein, Transaktionen zu manipulieren. Davon kann der Betreiber der insolventen Bitcoin-Börse, Mark Karpeles, ein Liedchen singen. Er steht dieser Tage wegen Diebstahls und Börsenmanipulation in Japan vor Gericht. Er selbst macht diese Schwachstelle für den Verlust von 650.000 Bitcoin verantwortlich.

Die Gemeinschaft hinter dem Bitcoin streitet nun über den richtigen Weg. Im Grunde geht es darum, ob der Bitcoin ein Zahlungsmittel sein soll oder eher wie Gold ein Investment. Beides scheint nicht miteinander vereinbar zu sein.

Miner und Core

Auf der einen Seite dieses digitalen Geldmarktes stehen die sogenannten „Miner“, welche den Bitcoin durch ihre Rechenkapazität erschaffen. Sie verdienen zwar durch die höheren Transaktionsgebühren, sind aber grundsätzlich für eine Erhöhung der Blockgröße. Sie fürchten, dass sonst andere Digitalwährungen dem Bitcoin den Rang ablaufen könnten.

Auf der anderen Seite wiederum befinden sich „Core“, eine Gruppe von Entwicklern, die außerdem einen Teil der Transaktionen außerhalb der klassischen Blockchain abwickeln würde. Das würde den Bitcoin weiter dem Mainstream zuwenden und ihn auf den technischen Stand anderer Digitalwährungen wie Ethereum bringen. Doch wenn Daten außerhalb der Blockchain abgewickelt werden würden, würde der Einfluss der „Miner“ sinken. Die Mehrheit von ihnen sitzt in China und hat Millionen für gigantische Serverfarmen ausgegeben und sieht ihre Investitionen in Gefahr.

Damit Segwit2x verpflichtend kommt, müssen sich mindestens 95 Prozent der Bitcoin-Miner dazu verpflichten, es umzusetzen. Aktuell sind es 88 Prozent, Tendenz steigend. Allerdings ist auch nicht mehr viel Zeit: Segwit2x wird ab dem 26. Juli eingeführt. Ab dann müssen die Miner ihre Zustimmung signalisieren. Sollten nicht genug mitziehen und es zu einer Spaltung kommen, würde diese am 1. August erfolgen. Nutzer hätten dann zwei unterschiedliche Bitcoin-Arten in ihrem Guthaben, die beide auf einer eigenen Blockchain basieren würden. Im Zuge der Umstellung warnen die Entwickler davor, Bitcoin zu nutzen oder zu handeln – spätestens zwei Tage vor dem 1. August sollte es eingestellt werden, da sonst die Gefahr von Datenverlusten besteht.

Die Abschläge sind gewaltig

Selbst professionelle Händler wissen nicht, wie der Streit ausgehen wird. Sie empfehlen, sich auf höhere Volatilität einzustellen und bereit zu sein, schnell zu handeln, sollte der „Tag X“ kommen. Daher bezeichnet es Arthur Hayes, ein ehemaliger Citigroup-Banker, der heute mit Bitcoin handelt, als „Feiglingsspiel“. Sobald klar ist, wer dieses gewonnen hat, wird es auch am Markt einiges an Bewegung geben. Er rät dazu, für diesen „Tag X“ vorbereitet zu sein. Der Vorteil ist: Beide Seiten haben ein starkes Interesse daran, sich zu einigen. Zwar gibt es auch Beispiele, dass so eine Aufspaltung funktionieren kann, aber Investoren wie Miner haben kein Interesse an der folgenden Unsicherheit.

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Was ist eine Kryptowährung?
© DW, Deutsche Welle

Die Wirrungen haben neben dem Bitcoin auch andere Digitalwährungen auf Talfahrt geschickt. Während diese Mitte Juni noch 115 Milliarden Dollar wert waren, sind es am Montagnachmittag lediglich noch 69 Milliarden Dollar – ein Minus von 40 Prozent. Besonders hart getroffen hat es dabei die kleineren Währungen wie Ethereum: Der Ether, so der Name des Geldes, hat seit dem 12. Juni – als der Bitcoin bei 3000 Dollar auf einem Hoch notierte – ein Minus von 62 Prozent verzeichnet.

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Es gibt mehr Digitalwährungen als Bitcoin

Der Markt für Digital- oder Kryptowährungen umfasst weitaus mehr als „nur“ den Bitcoin. Zwar ist er als älteste auf der Blockchain basierende Anwendung mit einer Marktkapitalisierung von etwa 33 Milliarden Dollar die mit Abstand größte und beliebteste Kryptowährung. Doch der ganze Markt für Digitalwährungen hat ein Volumen von 69 Milliarden Dollar, und damit spiegelt der Bitcoin nur weniger als die Hälfte wider. Insgesamt gibt es aktuell rund 800 Digitalwährungen, von denen die kleinste lediglich eine Marktkapitalisierung von 125 Dollar hat. Als großer Hoffnungsträger für die Zukunft digitaler Währungen wird oft Ethereum genannt. Während der Bitcoin nur eine Währung ist, ist Ethereum deutlich mehr, nämlich eine Plattform für Programme, die auf Smart Contracts basieren. Diese „klugen Verträge“ sind im Prinzip Computerprotokolle, die einen Vertrag abbilden – eine schriftliche Betätigung entfällt dann. Bei diesen Smart Contracts gilt Ether, so heißt die entsprechende Währung, dann als Zahlungsmittel. Das nutzen im Moment zum Beispiel viele Start-ups, um per Crowdinvesting Geld einzusammeln. Damit ist Ethereum sowohl bei Firmen als auch bei der dahinter stehenden Entwicklung deutlich weiter als der Bitcoin. Andere bekannte Kryptowährungen sind neben Ethereum und Bitcoin zum Beispiel Litecoin, Ripple, Dash oder NEM.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, Franz
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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