Bilanzsummen

Die Dollargeschäfte europäischer Banken

Von Gerald Braunberger
 - 12:07

Hyun Song Shin spricht gerne von der „globalen Bankenschwemme“. Der Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) war einer der ersten prominenten Volkswirte, die nach dem Ausbruch der Finanzkrise in den Vereinigten Staaten auf die erhebliche Rolle europäischer Banken verwiesen. Deren Bilanzsummen waren zwischen den frühen neunziger Jahren und dem Jahr des Krisenausbruchs 2007 sehr stark gestiegen. So nahm die Bilanzsumme der britischen Barclays in diesem Zeitraum von 200 auf 1200 Milliarden Pfund zu, die der französischen Société Générale von 400 auf 1050 Milliarden Euro.

Ein hoher Anteil dieser Ausweitung entfiel auf Geschäfte in Dollar: So nahmen europäische Banken Dollar auf, indem sie kurzfristige Schuldpapiere nicht zuletzt an amerikanische Geldmarktfonds verkauften, die sie im Gegenzug zum Teil langfristig in Dollaranlagen investierten, zum Beispiel in amerikanische Hypothekenanleihen. Auf dem Höhepunkt beliefen sich die Verbindlichkeiten ausländischer Banken aus diesen Geschäften auf rund 10 Billionen Dollar.

Als in der Finanzkrise amerikanische Geldmarktfonds nicht mehr bereit waren, kurzfristige Schuldpapiere europäischer Banken anzukaufen, wurde die Finanzkrise nach Europa exportiert. Unter anderem durch Eingriffe der Notenbanken – die amerikanische Notenbank Fed stellte der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of England Dollar zur Verfügung, die diese an Geschäftsbanken weitergaben – gelang es, die Krise einzudämmen, aber sie schwächte die europäischen Banken nachhaltig. Diese Schwäche trug dann wesentlich zum Verlauf der anschließenden Euro-Krise bei.

Das Verlangen nach höherer Rendite

Shin fragte schon kurz nach Ausbruch der Krise: Warum engagierten sich ausgerechnet europäische Banken so stark in Dollargeschäften? Er fand im Wesentlichen zwei Antworten: die in Europa herrschenden Regulierungen der Banken sowie die Einführung des Euros. Die Regulierungen erleichterten Banken Geschäfte, die nach Ansicht der Aufseher risikolos oder -arm waren und damit eigenkapitalschonend die Ausweitung der Bilanzsummen erlaubten. Da die europäischen Banken mit ihren Dollar amerikanische Hypothekenanleihen und andere Kreditverbriefungen mit offiziell sehr guten Ratings erwarben, benötigten sie für solche Geschäfte kaum Eigenkapital. Die Einführung des Euros förderte den Größendrang vieler europäischer Banken zusätzlich, weil sie sich nunmehr in einem größeren Heimatmarkt bewegten.

Viele Anleger zum Beispiel aus Asien kauften auch amerikanische Wertpapiere, aber vor allem Staatsanleihen und Anleihen vom Staat garantierter Körperschaften. Deshalb gerieten sie in der Finanzkrise nicht in Schwierigkeiten. Die europäischen Banken hingegen hatten Hypothekenpapiere und andere Kreditverbriefungen bevorzugt, weil diese im Vergleich zu Staatsanleihen höhere Renditen versprachen und ebenso sehr sicher erschienen. Viele Banken verzichteten auf eine Einschätzung der mit diesen Papieren verbundenen Risiken und vertrauten blind auf die Bewertungen der großen amerikanischen Ratingagenturen.

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Die europäischen Banken exportierten die Finanzkrise aus den Vereinigten Staaten auch in die Schwellenländer. Denn die Banken investierten ihre Dollar nicht nur in amerikanische Wertpapiere, sondern weiteten auch ihr auf Dollar lautendes Kreditgeschäft in Schwellenländern deutlich aus. Als die europäischen Banken in der Finanzkrise Schwierigkeiten mit der Beschaffung von Dollar hatten, mussten sie ihr Kreditgeschäft in den Schwellenländern reduzieren, was dort das Wirtschaftswachstum unterhöhlte.

In den Jahren nach der Krise kehrten die europäischen Banken nicht wieder in altem Stile in die Schwellenländer zurück. Ihre ehemalige Rolle wurde zum Teil von langfristig ausgerichteten Großanlegern wie Versicherungen und Investmentfonds übernommen, aber sie konnten das frühere Engagement der Banken nicht vollständig kompensieren.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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