Streit um EU-Richtlinie

Banken blocken Zahlungsdienstleister

Von Markus Frühauf
 - 09:19

Die Zeit wird knapp. Auf der Zielgeraden ist ein Streit zwischen Banken und jungen Finanztechnologieunternehmen, den sogenannten Fintechs, entbrannt. Es geht um die neue EU-Richtlinie für Zahlungsdienste (PSD2), die Anfang des kommenden Jahres in Kraft treten soll. Doch der Zeitplan wackelt. Bis November dürfte die Kommission nach Einschätzung aus Bankenkreisen eine Entscheidung treffen, dann haben das Europäische Parlament und der Europäische Rat drei Monate Zeit, den endgültigen Entwurf anzunehmen oder abzulehnen.

In jedem Fall müssen die Banken vom kommenden Jahr an die Konten ihrer Kunden für externe Zahlungsdienstleister wie Paypal öffnen. Doch unklar ist, in welchem Umfang. Die Zustimmung des Kunden ist zwingende Voraussetzung. Über das Ausmaß, wie weitreichend der Zugang zu den Konten sein muss, ist aber ein Streit ausgebrochen. Die Allianzen sind ungewöhnlich: Auf der einen Seite stehen die Banken, die Europäische Bankenaufsicht (EBA) sowie die Verbraucherschützer, auf der anderen Seite die EU-Kommission und die Fintechs, die wie Paypal im Zahlungsverkehr immer mehr Marktanteile erobern.

Die Banken berufen sich auf den Datenschutz, die Fintechs kritisieren das als Schutzargument. Die Kommission sieht das ähnlich, schließlich will sie mit der PSD2-Richtlinie den Wettbewerb im Zahlungsverkehr stärken. Doch dem stehen die im Sommer von den Bankenaufsehern der EBA vorgelegten technischen Standards entgegen, die den Zugang zu den Konten nach Ansicht der Fintechs zu sehr einschränken. Sie sind für das sogenannte „Screen Scraping“, worunter das maschinengesteuerte Auslesen von Websites verstanden wird. Was die Fintechs auf die Palme bringt, lobt Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. Die technischen Standards der EBA tragen seiner Ansicht nach den Datenschutzinteressen des Kunden Rechnung und fördern das Vertrauen in die neuen Dienste. Für ihn darf es beim Datenschutz keine Hintertürchen geben.

Ist das Auslesen von Kontodaten rechtens?

Online-Zahlungsdienstleister wie Paypal oder die schwedische Klarna (Sofortüberweisung) sehen aber darin ihre Geschäftsmodelle beeinträchtigt. Denn sie würden so in eine technologische Abhängigkeit von den Banken gebracht, die ähnlich wie Türsteher den Zugang zu den Daten regeln können. In Bankenkreisen wird schon darüber gestöhnt, dass die Fintechs in Brüssel eine sehr wirkungsvolle Lobbyarbeit betreiben. Unter der „Future of European Fintech Alliance“ haben sich mehr als 70 europäische Fintech-Unternehmen versammelt. Die zum Teil noch sehr jungen Unternehmen (Start-ups) fürchten um ihre Existenz, sollte die Kommission doch noch auf die Kritik der Banken und der Aufsicht einschwenken. Ihrer Ansicht nach ist das Screen Scraping ungefährlich.

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Dagegen spricht der Dachverband der Banken und Sparkassen von einem technisch überholten Verfahren. Nach Ansicht der Deutschen Kreditwirtschaft werden die Rechte der Konsumenten nicht geschützt und Sicherheitsziele im Zahlungsverkehr nicht unterstützt. „Screen Scraping“ wird schon heute eingesetzt, wenn der Kunde seine Anmeldedaten für das Online-Banking seiner Hausbank an einen Drittanbieter weitergibt. Dieser kann dann im Hintergrund die Kontodaten des Kunden lesen und sie auf der App anzeigen. Screen Scraping ist üblich bei Apps, die Ausgaben analysieren oder Geldüberweisungen von Smartphone zu Smartphone ermöglichen. Die Fintechs sind der Ansicht, dass diese Methode den Anforderungen der im Mai 2018 in Kraft tretenden EU-Datenschutzverordnung entspricht.

Die Kommission hat die Vorgaben der EBA geändert. Stein des Anstoßes ist die Ersatzlösung, die sie den Banken vorschreibt, damit die Fintechs Zugang zu den Konten auch dann erhalten, wenn die erste und übliche Variante ausfällt. Die sogenannte Fallback-Version sorgt für heftige Kritik der Banken, Aufseher und der Verbraucherschützer. Sie sehen dadurch den Datenschutz gefährdet.

Jeder Zweite ist bereit Konten verknüpfen zu lassen

Die Ängste der Fintechs vor einem von den Banken stark beschränkten Zugang sind nicht unbegründet. Denn der Versuch der deutschen Kreditwirtschaft, mit Paydirekt den enteilten Online-Zahlungsdiensten ein Konkurrenzprodukt entgegenzustellen, hat bislang wenig gefruchtet. Den niederländischen Banken ist dies mit „iDeal“ geglückt, weil sie reagiert haben, bevor der Markt verteilt war. Noch immer gehört Paydirekt nicht zu den Zahlungsanbietern für Online-Käufe von Fahrkarten der Deutschen Bahn. Paypal oder Klarnas Sofortüberweisung sind dagegen dabei. Für sie wahren die Vorschläge der Kommission den Datenschutz. Sie kritisieren die Banken, weil sie den Datenschutz als Schutzargument verwenden, um den Wettbewerb im Zahlungsverkehr auch in Zukunft über einen sehr eng definierten Kontozugang zu kontrollieren.

Im Streit um mehr Wettbewerb oder Datenschutz ist es wichtig, was die Kunden darüber denken. Zu diesem Zweck hat die auf Finanzdienstleistungen spezialisierte Beratungsgesellschaft Oliver Wyman rund 2000 Bankkunden befragen lassen. Demnach ist das Vertrauen in die Hausbank nach wie vor groß, aber die Bereitschaft, sich für neue Angebote zu öffnen, ist ebenfalls zu erkennen, wie aus den der F.A.Z. exklusiv vorliegenden Ergebnissen hervorgeht.

Der Umfrage zufolge ist jeder zweite Bankkunde bereit, seine Konten bei verschiedenen Banken durch seine Hausbank verknüpfen zu lassen. Ihre Finanzdaten für maßgeschneiderte Angebote auswerten lassen wollen 58 Prozent durch ihre Hausbank und 13 Prozent durch eine Bank, deren Kunde sie noch nicht sind. „Die Kunden sind offen dafür, ihr Konto Dritten zu öffnen. Sie wollen aber sichergehen, dass der Datenschutz gewahrt wird“, sagte René Fischer, Partner von Oliver Wyman.

Von der PSD2-Richtlinie erwartet er tiefgreifende Veränderungen. Bislang hätten Zahlungsdienstleister nicht die Möglichkeit, die Bankkonten ihrer Kunden zu analysieren. Denn die Online-Zahlungen erfolgen in der Regel über das Lastschriftverfahren oder über die Weiterleitung von der Website des Zahlungsdienstleisters auf die Seite der Hausbank. Vom kommenden Jahr an haben Online-Bezahldienste aber die Möglichkeit, auf das Bankkonto zuzugreifen, wenn ihnen der Kunde zuvor dazu die Genehmigung erteilt hat. „Damit erhalten sie auch Einblick auf die Kontohistorie und können diese Informationen für maßgeschneiderte Angebote nutzen“, sagt Fischer. Von ihrer Hausbank erwarten die Kunden seiner Ansicht nach banknahe Dienstleistungen wie einfache Überweisungen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Frühauf, Markus (maf.)
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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