Bezahlen per Smartphone

In China verweigern die ersten Geschäfte das Bargeld

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
 - 09:07

Beim Bezahlen per Smartphone ist China dem Rest der Welt weit voraus. Während in Deutschland das Zahlsystem „Apple Pay“ des kalifornischen iPhone-Herstellers immer noch nicht verfügbar ist, zahlen die Chinesen mit ihren heimischen Systemen „Alipay“ aus dem Hause Alibaba und der „Wechat“-App des Internetgiganten Tencent seit nunmehr fast drei Jahren alles: die Flasche Wasser am Eckkiosk, das Mittagessen, die Kinokarte, die Strom-, Wasser- und Gasrechnung, die Miete, den Urlaub, das neue Auto.

Während des chinesischen Neujahrfestes seien über Wechat in fünf Tagen 46 Milliarden Zahlungen abgewickelt worden, verriet jüngst ein Manager der amerikanischen Bank JP Morgan vor ein paar Tagen voller Ehrfurcht auf einer Veranstaltung in Hongkong. Während der amerikanische Kreditkartenanbieter Vias in einer Sekunde 25.000 Zahlungen verarbeiteten könne, seien es beim chinesischen Alipay-System doppelt so viele Zahlvorgänge pro Sekunde. Alipay und Wechat haben jeweils zwischen 500 und 600 Millionen Kunden, die die Bezahlsysteme nutzen.

Chinas Regierung will das

Um die Verbreitung des Smartphone-Zahlens noch stärker zu fördern, haben die beiden großen Anbieter in den vergangenen Tagen gewaltige Werbeaktionen aufgelegt. In der bis Dienstag laufenden „Bargeldlosen Woche“ von Alipay lockte der Zahlungsdienst mit Rabatten von bis zu 4888 Yuan (622 Euro; die Ziffer 8 gilt als Glückszahl in China), wenn Kunden mit der App einkaufen gingen. Zudem wurden in Städten wie Hangzhou, wo Alipay und der Mutterkonzern Alibaba zuhause sind, den Kunden zwölf freie Busfahrten versprochen, wenn diese die App herunterluden. Der Tencent-Konzern bot ebenfalls Vergünstigungen an, wenn mit seiner Wechat-App gezahlt wurde.

Nun sind in chinesischen Medien Berichte erschienen, nach denen geschlussfolgert werden darf, dass die komplette Verdrängung des Bargelds in der Milliardennation China nicht mehr lange auf sich warten dürfte. Demnach haben unter anderem Angestellte der Lebensmittelkette Hema Xiansheng in der „bargeldlosen Woche“ von Alipay gegenüber Kunden die Zahlung per Bargeld verweigert. In der bekannten und als seriös geltenden Pekinger Zeitung „Jingji Guancha“ („Wirtschaftsbeobachter“) berichteten die „Opfer“ der Marketingaktion, dass die Kassierer von Hema Xiansheng sie gedrängt hätten, man solle doch bitteschön die Smartphone-App von Alipay auf sein Telefon laden und mit dieser bezahlen. Die Ladenkette gehört wie der Bezahldienst Alipay zum Alibaba-Konzern.

Alipay, das zum Imperium des reichsten Chinesen Jack Ma gehört, hat zu Beginn des laufenden Jahres angekündigt, es werde China innerhalb von fünf Jahren in eine „bargeldlose Gesellschaft“ verwandeln. 6 Milliarden Yuan (764 Millionen Euro) will der Konzern dafür innerhalb dieses Zeitraums investieren. Um sein Ziel zu erreichen, hat Alipay bereits mit den Lokalregierungen mehrerer chinesischer Millionenmetropolen wie Hangzhou und Tianjin unweit der Hauptstadt Peking Kooperationen vereinbart.

Chinas Zentralregierung ist grundsätzlich sehr am bargeldlosen Bezahlen interessiert. Bietet dieses doch das perfekte Kontrollinstrument, um nachzuverfolgen, was die Bürger in Beruf und Freizeit so alles anstellen und erwerben.

Der Pekinger Zentralbank wurde der Wirbel in der „Bargeldlosen Woche“ von Alipay und Wechat dann dennoch zu viel. In Chinas Internet ist eine Anweisung aufgetaucht, in der die Währungshüter den lokalen Verwaltungen der Zentralbank in Chinas Provinzen aufgetragen haben, sicherzustellen, dass die Verweigerung von Bargeld nicht mehr vorkommt. An der Werbeaktion hatten landesweit über 10 Millionen Einzelhändler teilgenommen. Die Zentralbank schreibt, dass das Drängen auf das Bezahlen per Smartphone den Geldkreislauf in China stören könne.

Alipay hat unterdessen die Berichte zurückgewiesen, dass an der Aktion teilnehmende Händler die Bargeldzahlung verweigert hätten. Auch die zum Alibaba-Konzern gehörende Lebensmittelkette hat beteuert, man akzeptiere selbstverständlich auch die Zahlung per Scheinen und Münzen.

Quelle: FAZ.NET
Hendrik Ankenbrand - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenChinaAlibabaJPMorgan ChaseBargeldSmartphone