Digitalwährung Ripple

Mit Kryptogeld zum Milliardär

Von Thomas Klemm
 - 09:18
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Auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt tauchte in diesem Jahr weit oben ein Name auf, von dem bis dahin kaum jemand gehört hatte. Dass Herren wie Jeff Bezos, Bill Gates und Warren Buffett zu den Multimilliardären zählen, das ist jedem längst geläufig. Aber wer ist jener Chris Larsen, dem urplötzlich ein Vermögen von 59 Milliarden Dollar zugeschrieben wurde und der damit Facebook-Gründer Mark Zuckerberg vorübergehend vom fünften Platz der Forbes-Liste verdrängte? Und wie ist dieser Mann, den so gut wie niemand kennt, so unheimlich schnell an so ein unglaublich großes Vermögen gekommen?

Die Antwort lautet schlicht: Chris Larsen hat zu Jahresbeginn extrem davon profitiert, dass sich alle Welt plötzlich für sogenannte Kryptowährungen begeisterte. Zwar wurde vor allem Bitcoin zu einem Spekulationsobjekt von digitalen Glücksrittern in aller Welt, die den Preis gewaltig nach oben trieben. Doch im Zuge dieses Hypes gewannen auch andere Digitalwährungen extrem an Wert. Zum Beispiel XRP, die im Sprachgebrauch oft Ripple genannt wird, nach dem amerikanischen Unternehmen, das diese Kryptowährung erfunden hat und dessen Mitbegründer eben jener Chris Larsen ist.

„Die Welt braucht wahrlich keine neue Währung“

Weil Ripple XRP im Laufe des Jahres 2017 sage und schreibe 36.000 Prozent an Wert gewann und damit Bitcoin und alle anderen Kryptowährungen ausgestochen hat, wurde Larsen zum Multimilliardär – zumindest auf dem Papier. Er besitzt nämlich 5,19 Milliarden XRP und damit knapp ein Zwanzigstel des gesamten Vorkommens. Zwar erzielte ein einzelner XRP niemals einen so hohen Preis wie ein Bitcoin, der zum Jahreswechsel fast 20.000 Dollar kostete. Aber in der Spitze 3,77 Dollar reichten aus, um Larsen zeitweise zum Multimilliardär zu machen.

Wer sich mit Chris Larsen trifft, der ist augenblicklich überrascht. Der Kalifornier, der in Stanford seinen Management-Abschluss gemacht und anschließend einige erfolgreiche Start-ups gegründet hat, erscheint in Hemd und Sakko und mit Seitenscheitel. Äußerlich hat er wenig gemein mit anderen Gründern aus der Kryptowelt, die sowohl beim Programmieren wie beim Repräsentieren gerne T-Shirt und Turnschuhe tragen.

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Was ist eine Kryptowährung?
© Reuters, Deutsche Welle

Auch räumlich geht Larsen auf Abstand. Das Unternehmen Ripple sitzt nicht im Silicon Valley, sondern im Herzen seiner Geburtsstadt San Francisco. Und noch etwas unterscheidet den 57-Jährigen vom Rest der digitalen Währungswelt: Das Spekulantentum rund um Bitcoin, von dem Larsen selbst profitiert hat, ist ihm noch nie geheuer gewesen. Die Kryptowährung Bitcoin, die nicht von Zentralbanken geschöpft wird, sondern von Nutzern an ihren Computern, sei viel weniger bedeutsam als die Technologie, die dahintersteckt. „Die Welt braucht wahrlich keine neue Währung“, sagt Larsen. „Was die Welt braucht, sind bessere Wege, um Geld über Grenzen hinweg zu bewegen.“

Geschäftsmodell nicht darauf ausgelegt, Banken überflüssig zu machen

Damit ist Larsen bei seinem Lieblingsthema. Oder besser gesagt: bei seiner Mission. Mit seinem Kompagnon Jed McCaleb ist er 2012 angetreten, rund um die Welt ein Ripple-Netzwerk zu spannen und damit Auslandsüberweisungen schneller, sicherer und günstiger abzuwickeln. Das alles soll mit Hilfe ebenjener Technologie geschehen, die auch hinter Bitcoin steht: der Blockchain, einer Art Datenbank, die dezentral auf vielen Rechnern geführt wird und in der Manipulationen schwer möglich sind. In der Datenkette werden die Transaktionen aller Teilnehmer gespeichert und beglaubigt. Bisher sind Auslandsüberweisungen, die über Banken laufen, langsam und teuer. Um dies zu veranschaulichen, werden Larsen und seine Leute gerne ironisch: Um heutzutage Geld aus Europa möglichst schnell und günstig in die Vereinigten Staaten zu überweisen, packe man am besten Bargeld in einen Umschlag und verschicke ihn per Kurierdienst.

Dass es auch anders geht, davon will Ripple die Finanzwelt überzeugen. Denn das Netzwerk macht es möglich, dass Überweisungen direkt von A nach B vonstattengehen, ohne dass zwischendrin eine Korrespondenzbank eingeschaltet wird wie bisher und diverse Konten nötig sind. Weit mehr als 100 Kunden hat Ripple bisher für sein Netzwerk gewonnen, 89 davon sind zum Teil namhafte Banken wie die Bank of America oder Santander. Die Spanier haben in der vergangenen Woche als erste europäische Großbank eine App gestartet, die auf Ripple-Technologie beruht und Millionen Privatkunden ermöglicht, mit dem Smartphone schnell und zu geringen Gebühren Geld ins Ausland zu überweisen. Fünf Sekunden soll eine Transaktion dauern – und nicht mehr Tage wie bisher.

Anders als andere Start-ups aus der Finanztechnologie ist Ripples Geschäftsmodell nicht darauf ausgelegt, Banken überflüssig zu machen. Weshalb Chris Larsen auch dem immer noch von forschen Gründern benutzten Begriff „disruptiv“ nichts abgewinnen kann. „Ripple ist kein Zerstörer, sondern ein Brückenbauer“, sagt Larsen. Dienstleistung statt Disruption: Diese Haltung hat den Ripple-Gründer in der Kryptowelt, die sich gerne ein bisschen anarchistisch gibt, zu einem Geächteten gemacht.

Unternehmen mit 410 Millionen Dollar bewertet

Auch die Berater, die Larsen angeheuert hat, stehen für das Establishment. Einer davon hat es in Deutschland zu gewisser Berühmtheit gebracht: Karl-Theodor zu Guttenberg, bis 2011 schillernder Verteidigungsminister. Als Gründer der Beratungsgesellschaft Spitzberg Partners macht sich Guttenberg seit einigen Jahren für Ripple stark. Ein „Internet der Werte“ schwebt Larsen und seinen Mitstreitern vor. Denn über das Ripple-Netzwerk können nicht nur Euro oder Dollar gehandelt werden, sondern auch Rohstoffe oder gesammelte Flugmeilen. Außerdem können Unternehmen auf diese Weise untereinander und unmittelbar ihren Zahlungsverkehr abwickeln: eine deutsche Bank mit dem chinesischen Bezahldienst Alipay beispielsweise. Auf diese Weise will Ripple einen Mehrwert bieten zu dem etablierten Überweisungssystem Swift, in dem mehr als 11.000 Banken, Broker und Börsen zusammengeschlossen sind.

An dieser Stelle kommt die Kryptowährung XRP ins Spiel. Sie soll als eine Art Brückenwährung dienen, um Liquidität zwischen verschiedenen Währungen zu schaffen. Das heißt, bei einer Überweisung von Indien nach Mexiko werden Rupien in XRP umgewandelt und XRP anschließend in Pesos. Die Branche reagiert darauf eher verhalten. Eigentlich sei die Kryptowährung XRP bei Transaktionen unnötig und diene nur dazu, das Geschäft von Ripple zu finanzieren, behaupten Banker.

Gründer Chris Larsen hat sich aus dem Tagesgeschäft bei Ripple zurückgezogen. Nun helfe er dem Unternehmen als Vorstandsvorsitzender, wo immer er könne. Schließlich hält er immer noch 17 Prozent Anteile an Ripple, das mit 410 Millionen Dollar bewertet ist. Worauf Larsen weniger Einfluss hat, ist der Wert seines XRP-Vermögens. Kryptowährungen sind nicht mehr so stark gefragt wie zu Jahresbeginn. Der Preisverfall von Bitcoin, XRP und Co. hat dazu geführt, dass Larsen auf der Forbes-Liste nicht mehr weit oben steht, sondern nur noch auf Platz 456. Sein geschätztes Vermögen von immer noch 4,6 Milliarden Dollar kann sich aber weiterhin sehen lassen.

Quelle: F.A.S.
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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