Zahlungsdienstleister

Wirecard hängt an der Deutschen Börse alle ab

Von Hanno Mußler
 - 10:20
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Haben Sie in der Schlange vor der Ladenkasse auch schon erlebt, dass jemand vor Ihnen mit dem Smartphone bezahlt? In China ist das bereits gang und gäbe, in Deutschland haben nach einer Untersuchung der Bundesbank 2017 gerade einmal 7 Prozent der Deutschen schon einmal mit dem Handy bezahlt, in einem Laden sogar nur 2 Prozent. Aber viele Banker, allen voran ING-Diba-Chef Nick Jue, erwarten durch das Smartphone die nächste Entwicklungsstufe im Banking. Dahinter könnten auch für Anleger große Chancen stecken, wenn sie die richtigen Aktien kaufen.

Da der Online-Handel wohl weiter wachsen und auch an der Ladenkasse künftig vermutlich weniger bar bezahlt wird, wächst die Bedeutung der Finanzdienstleister, die im Hintergrund die Zahlungen zwischen Händlern und Endkunden abwickeln. Doch mit den deutschen Finanzinstituten an der Börse, allen voran mit Deutsche Bank und Commerzbank, ist derzeit kein Staat zu machen. Mit allen deutschen Banken? Nicht ganz. Eine nicht mehr ganz so kleine Adresse aus der Gemeinde Aschheim nordöstlich von München leistet nicht nur Widerstand gegen den Kurssturz der Bankaktien. Die Aktie der Wirecard AG kennt kein Halten – nach oben.

Der Zahlungsdienstleister aus dem Technologieaktienindex Tec-Dax ist der Börsenstar der vergangenen Monate. Die Aktie steigt und steigt. Wer vor fünf Jahren Wirecard-Aktien kaufte, hat seinen Einsatz verdreifacht. Allein in diesem Jahr hat der Kurs gut 40 Prozent zugelegt. 125 Prozent ging es seit einem Jahr aufwärts, so kräftig wie für keine andere der 110 größten deutschen Aktiengesellschaft. Wirecard hat den Marktwert der Commerzbank nun um 40 Prozent überflügelt – mit 4450 Mitarbeitern, etwa einem Zehntel der Commerzbank-Belegschaft.

WIRECARD

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Was macht Wirecard genau? Das Unternehmen arbeitet oft im Namen anderer, taucht in der Öffentlichkeit selten auf. Aber es mischt auf dem fragmentierten Markt für Zahlungsverkehr international vorn mit. Immerhin 40 Prozent seines Umsatzes von 1,5 Milliarden Euro im Jahr 2017 erlöste Wirecard in Asien. Seit dem vergangenen Jahr etwa ist Wirecard ein Kooperationspartner der chinesischen Online-Dienste Wechat und Alipay. Wenn immer Chinesen in Europa mit Hilfe dieser Apps über Smartphone durch QR-Code im Einzelhandel bezahlen, bündelt Wirecard die Transaktionen und wickelt die Zahlungen ab. Da Wirecard auch eine Banklizenz hat, kann das Unternehmen nicht nur für Händler etwa in der Tourismusbranche wie die Fluglinie KLM (seit 2014) oder den Reisekonzern TUI (seit 2017 Kartenzahlungen und Risikomanagement vornehmen. Wirecard besetzt auch die andere Seite des Kartenmarktes, darf an Verbraucher Kreditkarten ausgeben. Dies nutzen gern Fintechs, die sich neu in den Zahlungsverkehr einmischen, ohne eine Banklizenz zu haben. Die 2015 gegründete N26 Bank etwa, die heute mehr als 800.000 Kunden hat, setzte anfangs auf die Wirecard Bank.

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Wirecard existiert schon seit 1999

Wirecard selbst ist, anders als oft vermutet, kein junges Fintech. Gegründet schon 1999 führte das Unternehmen bis März 2005 den Namen Infogenie. Damit ist Wirecard durchaus vergleichbar mit der GZS. Dieser Zahlungsdienstleister der deutschen Kreditwirtschaft wurde lange nicht weiter entwickelt und vor einem Jahr von den deutschen Banken an die Finanzinvestoren Bain und Advent verkauft. Dass Wirecard dagegen heute mit Fintechs wie dem vor einem Milliardenbörsengang stehenden niederländischen Unternehmen Adyen mithalten kann und mit 30 Prozent Umsatzwachstum jährlich schneller wächst als Konkurrenten wie die amerikanischen Unternehmen Global Payment und Worldpay, führen Analysten wie Knut Woller von der Baader-Bank auf ein führendes IT-System mit leicht zugänglichen Schnittstellen und kluge Partnerschaften zurück.

Dagegen kaufte der französische Konkurrent Wordline, hinter dem der IT-Dienstleister Atos steht, vor wenigen Tagen das Kreditkartenzahlungsgeschäft des Schweizer Börsenbetreibers Six für 2,75 Milliarden Franken und wird nun mit der Eingliederung des IT-Systemen zu kämpfen haben. Auch Wirecard kauft manchmal zu, von der Citigroup etwa erst das Geschäft mit Prepaid-Karten, dann Ende 2017 das Kreditkartenakzeptanz-Geschäft in elf asiatisch-pazifischen Märkten. Vor allem aber gibt Wirecard neue Partnerschaften bekannt, zuletzt mit den Großbanken Mizuho aus Japan und Crédit Agricole aus Frankreich. Das Ziel: mehr Volumen. 2017 wickelte Wirecard 120 Milliarden Transaktionen ab und strich damit so viele Gebühren ein, dass der Gewinn (Ebitda) 413 Millionen Euro betrug.

Für 2020 hat sich Wirecard 210 Milliarden Transaktionen als Ziel gesetzt. Dieses Ziel wurde schon drei Mal erhöht, was den Aktienkurs treibt. Für DZ-Bank-Analyst Harald Heider sind die guten Ertragsperspektiven aber nun im am Freitag erreichten Rekordkurs von 133 Euro „zum großen Teil“ reflektiert. Viele Analysten zweifeln auch daran, dass Wirecard bei steigendem Umsatz die Ebitda-Marge wie geplant zwischen 30 und 35 Prozent halten kann.

Metzler-Analyst Holger Schmidt dagegen wittert, dass den Partnerschaften mit Mizuho und Crédit Agricole bald weitere folgen werden: „Wirecards Wachstum ist ungebrochen. Der im April vorgelegte Wachstumsplan wirkt heute schon wieder konservativ“, sagt Schmidt. Wirecard habe seine Gebühreneinnahmen im ersten Quartal auf 1,57 Prozent des organisch um rund 25 Prozent gestiegenen Umsatzes erhöhen können. 2020 nehme das Unternehmen nur ein Bruttoentgelt von 1,33 Prozent an. „Das wirkt vorsichtig“, sagt Schmidt.

Damit ist Wirecard eine Seltenheit an der Börse: Ein deutscher Finanzdienstleister, der profitabel wächst, dessen Aktienkurs auf Rekord steht und dem zumindest manche weitere positive Überraschungen zutrauen. Behalten sie recht, dürfte Wirecards Aufstieg in den Dax nicht mehr lange auf sich warten lassen.

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Quelle: F.A.Z.
Hanno Mußler
Redakteur in der Wirtschaft.
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