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Ernüchternde Bilanz

Ein Phantom namens Paydirekt

Von Franz Nestler
 - 22:45
Besonders bei den Händlern hat Paydirekt noch Schwierigkeiten sich durchzusetzen. Bild: dpa, F.A.Z.

In wenigen Tagen ist es so weit: Das Online-Bezahlsystem Paydirekt feiert seinen zweiten Geburtstag. Sektkorken dürfte man dabei aber nirgendwo knallen hören. Denn das Projekt der Deutschen Kreditwirtschaft läuft nicht so, wie sich die beteiligten Banken das vorgestellt haben. Die Bilanz fällt sehr nüchtern aus.

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Bisher haben sich nach eigenen Angaben 1,2 Millionen Kunden bei Paydirekt angemeldet. Aber: Wie aussagekräftig diese Zahlen sind, dazu kann kaum einer etwas sagen. Paydirekt verweigert jegliche Auskunft darüber, wie aktiv diese Kunden sind oder wie viele Transaktionen durchgeführt werden. Es gibt schon deutliche Anzeichen dafür, dass sich das Wachstum verlangsamt, wie zum Beispiel das Bargeldlosblog berichtete: Demnach ging die Zahl der Neuanmeldungen von Sparkassenkunden im April deutlich zurück. In einem Schreiben wurde schon davor gewarnt, dass die selbstgesteckten Ziele nicht erreicht werden.

Auf Händlerseite sieht es nicht viel besser aus: Bei mehr als 1000 Händlern soll man schon per Paydirekt zahlen können. Darunter sind auch bekannte Namen wie Saturn oder Deichmann, aber die Mehrzahl ist unbekannt. Nur 45 Online-Shops gehörten zu den 1000 umsatzstärksten im Online-Handel, vermeldete das Kölner Handelsforschungsinstitut EHI. Eine enttäuschende Zahl. Damit nicht genug: Mit dem Möbelhändler Reuter hat auch ein erster größerer Online-Shop Paydirekt wieder abgeschaltet. Und der Grund tut weh: Zu wenig Kunden würden die Bezahlart nutzen. Reuter schließt zwar nicht aus, bei gesteigerter Nachfrage Paydirekt wieder in Betracht zu ziehen – aber das ist auch schon alles. In der Branche geht schon der Spott vom Phantom Paydirekt um. Dank der millionenschweren Werbekampagnen kennen es viele Leute, doch sichten kann man es in freier Wildbahn kaum.

Paypal bleibt Branchenprimus

Dabei ist das bisherige Wachstum für dieses Start-up durchaus in Ordnung. Es muss sich nur mit den selbstgesteckten Zielen messen. Und diese sind, gelinde gesagt, überambitioniert. 7 Millionen Kunden sollen es bis zum Jahresende sein – nachdem man erst 1,2 Millionen Kunden von sich überzeugen konnte. Das heißt für den Rest des Jahres: Eine Million neue Kunden jeden Monat, ansonsten werden die selbstgesteckten Ziele nicht erreicht und es gibt lange Gesichter. Bis zum Jahr 2020 will man dann, was die Anzahl der Kunden angeht, sogar auf Augenhöhe mit Paypal sein – das dürften dann 20 Millionen Kunden sein. Eine neuerliche Rechnung erübrigt sich.

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An sich würde sich der Vergleich mit dem Branchenprimus Paypal auch verbieten. Denn der Branchenprimus ist bereits seit dem Jahr 2004 in Deutschland tätig. In Internetzeiten ist das eine Ewigkeit. Aber wenn Paydirekt ihn sogar selbst zieht, muss man sich die Zahlen auch anschauen. Aktuell hat Paypal in Deutschland mehr als 19 Millionen Kunden, die in 50.000 Online-Shops bezahlen können.

Und für Paypal ist da noch lange nicht Schluss. Neuerdings dringt der amerikanische Bezahldienst auch in den stationären Handel. So kann man schon bei Shell mit Paypal zahlen. Mit dem Kreditkartenanbieter Visa kooperieren die Amerikaner im großen Stil. Bald kann Paypal selbst Visa-Konten anbieten.

Paydirekt leidet an Kinderkrankheiten

Und Paydirekt? Da scheint man sich in wesentlichen Fragen nicht einig zu sein. Das neueste, leidige Thema dreht sich um die Funktion, Geld zu versenden. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die der Branchenprimus Paypal und andere Start-ups schon bestens beherrschen. Nach längerem Ringen konnten sich zumindest einige Banken dazu durchringen, dazu zählten auch die Deutsche Bank und ihre Tochtergesellschaft Postbank, die Commerzbank mit der Comdirect und die Hypo Vereinsbank. Wer aber vorerst außen vor ist, sind die Sparkassen. Die haben mit Kwitt schon längst diese Funktion in ihrer herkömmlichen Sparkassen-App integriert, eine knappe halbe Million Kunden nutzen diese Funktion bereits. Aktuell läuft eine Prüfphase, ob man Kwitt mit Paydirekt verknüpfen kann. Hier krankt der Bezahldienst wieder an seiner Kinderkrankheit: Wenn 23 deutsche Banken – von Commerzbank über Deutsche Bank bis zu den Sparkassen – in einem Projekt mitreden, dauert die Kompromissfindung lange. Und damit ist man auf Dauer nicht wettbewerbsfähig.

Das ist an sich schade. Denn das entwickelte Produkt ist tatsächlich gut. Es funktioniert sehr einfach, das Design ist zweckmäßig und minimalistisch. Was den Datenschutz angeht, muss man sich keine Sorgen machen, dass die eigenen Daten zu Werbezwecken abgegriffen werden. Und doch scheint Paydirekt immer einen Schritt hinterherzuhinken.

Ein Grund ist, dass Datenschutz eben gerade in der Zielgruppe vielen kein hohes Gut ist. Auf Facebook, Twitter und Snapchat wird das Private tagtäglich öffentlich gemacht. Durch Handy-Spiele wie Pokémon Go haben Millionen Spieler von sich Tag für Tag Bewegungsprotokolle erstellen lassen. Und unabhängig davon: Noch muss Paydirekt auch beweisen, dass es tatsächlich sicher ist. Auch die Beteiligten Banken wie Commerzbank und Deutsche Bank standen mit der Sicherheit schon auf Kriegsfuß: Die Commerzbank musste wegen eines Datenlecks schon einmal 15.000 Kreditkarten umtauschen, die Deutsche Bank hatte mit Buchungspannen zu kämpfen, und bei Comdirect waren auch schon fremde Konten zu sehen.

Doch am meisten hat Paydirekt am Henne-Ei-Problem zu knabbern: Was braucht es zuerst: Viele Leute, die mit Paydirekt zahlen wollen, oder doch viele Händler, bei denen gezahlt werden kann? Für die Händler ist es oftmals jedenfalls zu teuer. Allein die variablen Gebühren sollen bei Paydirekt zwischen 1 und 1,6 Prozent liegen, dazu kommen noch mal Transaktionsgebühren um die 35 Cent. Viel zu teuer, wenn man bedenkt, dass mit Kreditkarte und Girokarte günstiger gezahlt werden kann.

Quelle: F.A.Z.
Franz Nestler
Redakteur in der Wirtschaft.
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