Karte statt Geld

Bar zahlen? Nein, Danke!

Von Franz Nestler und Daniel Mohr
 - 13:36
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An sich sieht alles sehr normal aus. Es ist ein Café, wie es sie in deutschen Städten tausendfach gibt. Eine wuchtige Barista-Kaffeemaschine, eine große Theke aus Holz und ein umfangreiches Angebot an Kaffeespezialitäten sowie Kuchen. So weit, so normal. Doch ein kleines, schwarzes Schild weist darauf hin, dass hier bei den „Public Coffee Roasters“ in Hamburg doch etwas anders ist. Weiß auf Schwarz steht an der Kasse: „Nur Kartenzahlung möglich“. Richtig gelesen. Wer hier mit Scheinen und Münzen seinen Cappuccino zahlen möchte, wird zurückgewiesen. In China gab es schon einzelne Fälle, in denen Bargeldzahlungen abgelehnt wurden, wie diese Zeitung vergangene Woche berichtete. Aber im Bargeldland Deutschland eine unglaubliche Provokation, oder?

Doch Argin Keshishian, der mit seinem Bruder das Kaffee betreibt, hat gar nichts Dogmatisches an sich: „Wir wollen die Gesellschaft nicht belehren oder Deutschland erklären, dass Bargeld keinen Sinn macht. Für uns ist das einfach sehr vorteilhaft“, sagt der 27 Jahre alte Cafébetreiber.

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Mit Bargeld kann jeder bezahlen

Dabei liegen die Vorteile von Bargeld erst einmal auf der Hand. Denn Bargeld hat ohne Zweifel viele Stärken. Zum einen ist es anonym. Niemand kann eine Zahlung mit Bargeld nachverfolgen. Argumente, dass genau das von Kriminellen ausgenutzt wird, laufen aber ins Leere. Fast alles, was es auf der Welt gibt, kann von Kriminellen ausgenutzt werden. Auch hat über Bargeld keiner Kontrolle, es kann (noch) nicht eingezogen oder verwehrt werden.

Bargeld macht den Kapitalismus demokratischer, da jeder damit zahlen kann und jeder am Zahlungsverkehr teilnehmen kann – vom Bankier bis zum Obdachlosen. Und das unbeobachtet vom Staat oder anderen Institutionen – in der heutigen Zeit ein nicht unwichtiges Argument. Außerdem hält Bargeld zur Disziplin an: Wer die Scheine in seinem Geldbeutel schwinden sieht, gibt eher weniger Geld aus, als wenn die Ziffern sich im Online-Konto von Schwarz auf Rot drehen.

Versicherungen und zusätzliche Arbeit fallen weg

Doch für Keshishian überwiegen vier handfeste Vorteile des Bargeldverbots. „Das Zählen von Bargeld kostet jeden Mitarbeiter eine halbe Stunde am Tag – und wir haben das als sehr sinnlose Aufgabe empfunden“, sagt Keshishian. Doch nicht nur das, auch die Kosten dafür sind für den Handel nicht zu vernachlässigen. Er muss zum Beispiel große Mengen an Wechselgeld in den Läden vorhalten. Dazu muss eine aufwendige Sicherheitstechnik installiert werden.

Die Unternehmen versichern sich gegen Diebstahl und bezahlen Dienstleister, die in gepanzerten Fahrzeugen das Bargeld anliefern und wieder abholen. Daneben gibt es keine Zinsen auf das gelagerte Geld – was im aktuellen Niedrigzinsumfeld nicht mehr ganz so schwer wiegt. Aber auch alltägliche Dinge wie falsches Wechselgeld verursachen Kosten. Die Arbeitszeit für die Verwaltung des Bargeldbestandes ist nicht zu verachten. Insgesamt summieren sich die Verluste für den Handel auf etwa 6,7 Milliarden Euro, wie eine Studie der Steinbeis-Hochschule ergab.

Auch für das Finanzamt wird es einfacher

Als zweiten Grund nennt Keshishian einen Hygienevorteil. Forscher der New York University fanden heraus, dass sich auf jedem Schein bis zu 3000 unterschiedliche Bakterien-Typen befinden. Hunderte davon werden übertragen, wenn ein Schein den Besitzer wechselt. Britische Forscher fanden heraus, dass auf sechs Prozent der Banknoten so viele Ecoli-Bakterien haften wie sonst an einer Toilettenbrille. Essener Forscher meinten allerdings, dass diese keine direkte Gefahr für den Menschen darstelle und auch erst vom Geld in den menschlichen Organismus gelangen müsste. Kupfergeld tötet Bakterien sogar ab.

Der dritte Grund ist für Keshishian dann eher ein moralisches Argument. „Gerade in der Gastronomie wird mit Schwarzgeld so viel Unfug getrieben. Wir wollen uns daran nicht beteiligen“, sagt der Cafébesitzer. Eng damit zusammen hängt dann auch der vierte Grund: „Wir ersparen uns viele Kopfschmerzen mit dem Finanzamt und unserem Steuerberater“, sagt Keshishian.

Rechtlich unproblematisch

Die Kunden nehmen das nach eigenen Angaben sehr positiv auf. Lediglich drei Gäste hätten dann bevorzugt, lieber zu gehen, als mit Karte zu zahlen. Keshishian glaubt übrigens, dass sich das bargeldlose Zahlen in Deutschland durchsetzen wird: „Wenn man einmal die Vorteile betrachtet und sich von der Datenschutzproblematik löst, dann ist das deutlich besser als die Barzahlung.“ Und wer dann immer noch sein Bargeld loswerden möchte, der kann das auch – allerdings nur für das Trinkgeld. Eine Prepaid-Karte, damit nicht jede einzelne Abbuchung einsehbar ist, ist übrigens schon in Arbeit.

Rechtlich ist das vollkommen unproblematisch: In Deutschland gilt das Prinzip der Vertragsfreiheit. Das ermöglicht es den Beteiligten, also auch dem Café und seinem Kunden, den Inhalt ihres Geschäftes frei zu bestimmen. Es ist daher auch möglich, eine bestimmte Art der Bezahlung zu vereinbaren oder auszuschließen. So akzeptieren einige Kioske oder Bäckereien keine Kredit- oder Girokarten. Tankstellen und andere Geschäfte weisen oft darauf hin, dass sie keine 500-Euro-Scheine annehmen. Der Deutsche Einzelhandelsverband betont jedoch, dass es nicht im Interesse der Händler ist, einen Geschäftsabschluss an der Art der Bezahlung scheitern zu lassen, und deshalb nur selten Einschränkungen vorgenommen werden.

Kritik an Diskussion über Beschränkung der Barzahlung

Bei den großen Scheinen können Einzelhändler oft nicht garantieren, genügend Wechselgeld vorrätig zu haben und schließen sie deshalb aus. Die Bezahlung mit allzu vielen Münzen verlangsamt den Geschäftsablauf deutlich. Dazu gibt es sogar eine EG-Verordnung, wonach kein Einzelhandelsunternehmen verpflichtet ist, mehr als 50 Münzen bei einer einzelnen Zahlung anzunehmen. Und die Gebühr für Kredit- und EC-Karten ist manchen Unternehmen schlicht zu hoch.

Kampf gegen Geldwäsche
Die Dänen zahlen kaum noch mit Bargeld
© picture-alliance/dpa, Deutsche Welle

Barzahlungen generell gesetzlich zu beschränken, wie dies derzeit auf EU-Ebene diskutiert wird und was in manchen Ländern schon beschlossen wurde und wofür auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) anfänglich Sympathien zeigte, wird aus juristischer Sicht jedoch kritisch gesehen. Nicht zuletzt Hans-Jürgen Papier, von 2002 bis 2010 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, hat unter anderem auf den Widerspruch zur Vertragsfreiheit hingewiesen, wonach es den Vertragspartnern eben freistehe, sich auf eine Zahlungsform zu einigen. Klagen auf ein Recht auf Bargeldzahlungen von GEZ-Gebühren wurden jedoch wiederholt zurückgewiesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Nestler, FranzDaniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Franz Nestler
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft.Redakteur in der Wirtschaft.
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