Erfolgreiche Fintechs

Deutsche Finanz-Start-ups streben ins Ausland

Von Tim Kanning
 - 21:28

Die ersten deutschen Fintechs entwachsen mehr und mehr ihren Kinderschuhen. Einige der jungen Unternehmen, die in den vergangenen Jahren mit neuen digitalen Ideen die Bankwelt aufgewirbelt haben, brechen nun zu neuen Ufern und in neue Größenordnungen auf. Vor allem Robo-Advisor, die Anlegern vollautomatisch das für sie passende Depot aus kostengünstigen Indexfonds (ETF) zusammenstellen, nehmen Fahrt auf.

So will der Frankfurter Anbieter Ginmon über eine Kooperation mit der chinesischen Großbank China Everbright Kunden aus dem Reich der Mitte für seine automatisierte Geldanlage gewinnen, wie diese Zeitung erfuhr. Zielgruppe sind die etwa 200 Millionen Chinesen, die am Kapitalmarkt aktiv sind und die eine Alternative zu den hochvolatilen Aktienmärkten dort suchen. „Viele Chinesen haben bereits Vermögen in Dollar oder Euro angelegt“, sagte Lars Reiner, Gründer und Geschäftsführer von Ginmon, dieser Zeitung. „Schätzungen gehen hier von etwa 5 bis 10 Prozent des chinesischen Privatvermögens aus.“ Für sie biete die automatisierte Anlage in internationale ETFs aus Sicht von Reiner eine sehr attraktive Anlagemöglichkeit.

Neue Märkte im Monatstakt

Als Vorteil wollen die beiden Kooperationspartner insbesondere die strengen deutschen Regularien herausstreichen, die Technik selbst ist in China schon bekannt. „Vor allem, dass Geld, das in Fonds investiert ist, im Falle einer Insolvenz der Bank in Deutschland als Sondervermögen geschützt ist, ist weltweit eine Seltenheit“, sagte Reiner. Gleiches gelte für den strengen Datenschutz. Das Geld, das die Kunden der Everbright Bank über Ginmon investieren, landet nach Angaben von Reiner auf Depots der deutschen Bank DAB, die wiederum eine Tochtergesellschaft der französischen BNP Paribas ist und von der deutschen Bankenaufsicht kontrolliert wird. Bei den Zielen gibt sich Reiner ganz unbescheiden: „Wir haben nicht den Anspruch, der größte Anbieter in China zu werden. Aber von den ausländischen Vermögensverwaltern wollen wir schon der stärkste sein“, sagt er – und räumt ein: „Was in der traditionellen Welt größenwahnsinnig klang, ist in der digitalen Welt machbar.“

Wie schnell sich eine Technik, die in einem Markt funktioniert, auch im Ausland ausrollen lässt, probiert das bekannteste deutsche Fintech, die reine Smartphone-Bank N26, gerade aus. Gefühlt im Monatstakt ruft der Gründer und Chef des Berliner Unternehmens, Valentin Stalf, neue Märkte aus, in die er expandieren will. Im nächsten Sommer will er auch in den Vereinigten Staaten an den Start gehen, wie Stalf Ende Oktober auf einer Konferenz in Las Vegas bekanntgab. Interessenten können sich schon jetzt bei N26 registrieren für ein Smartphone-Girokonto mit Karte, Überweisungen und Barabhebungen. Um die amerikanische Regulatorik soll sich eine Partnerbank kümmern.

Hochinteressant für internationale Investoren

Schon in der ersten Jahreshälfte 2018 will N26 auch in Großbritannien starten, wie sie vor wenigen Tagen bekanntgab. In 17 Ländern hat die Bank ihre App nun schon freigeschaltet, mehr als 500000 Kunden erledigen darüber nach Angaben der Berliner ihre Bankgeschäfte. Allein in Frankreich hätten sich innerhalb kurzer Zeit 100000 vor allem junge Kunden für die Bank entschieden, die seit dem vergangenen Jahr über eine eigene Lizenz der Bafin verfügt und seitdem nicht mehr auf eine Partnerbank angewiesen ist. Im Markt kursieren Gerüchte, wonach N26 vor einer äußerst großen Finanzierungsrunde über bis zu 75 Millionen Dollar steht. Dazu will sich N26 aber derzeit nicht äußern. Es wäre eine der größten Summen, die ein deutsches Fintech bisher von Investoren einsammeln konnte.

Dass der digitale Finanznachwuchs für internationale Investoren nach wie vor hochinteressant ist, zeigen die jüngsten Zahlen der Beratungsgesellschaft KPMG: 3,3 Milliarden Dollar investierten Risikokapitalgeber demnach allein von Juli bis September in Fintechs in aller Welt – 10 Prozent mehr als in dem Quartal davor. Durch den Ausstieg aus früheren Finanzierungen nahmen solche Investoren im gleichen Zeitraum 930 Millionen Dollar ein. „Die Investoren konzentrieren sich dabei zunehmend auf reifere Unternehmen, deren Geschäftsmodelle sich bereits bewährt haben“, sagt KPMG-Partner Sven Korschinowski. Die Hoffnung, dass sich Technologien aus einem Markt auch in anderen Ländern einsetzen lässt, gerät dabei zunehmend in den Fokus.

Auch die Nummer eins im deutschen Markt für die automatisierte Anlageberatung, Scalable Capital, hat am Donnerstag kräftige Wachstumszahlen vorlegen können. Seit Mitte September hat die größte deutsche Direktbank ING-Diba den Anlageroboter in ihr Online-Banking integriert. 7000 Depots haben die Kunden dort innerhalb von zwei Monaten eröffnet und nach Angaben der Bank schon 150 Millionen Euro auf diese Art in ETFs investiert. Die Kooperation des Start-ups mit der Bank soll nun auch auf andere Länder ausgeweitet werden, in denen die niederländische ING Gruppe tätig ist.

Insgesamt konnte der vor drei Jahren in München gegründete Robo-Advisor sein verwaltetes Vermögen in zehn Monaten verfünffachen, auf nun 500 Millionen Euro. „Ich glaube, unsere Partnerschaft mit der ING-Diba ist der Durchbruch für die automatisierte Geldanlage in Deutschland“, sagt Erik Podzuweit, Gründer und Geschäftsführer von Scalable.

Quelle: F.A.Z.
Autorenpoträt / Kanning, Tim (kann.)
Tim Kanning
Redakteur in der Wirtschaft.
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