Zukunft klassischer Geldhäuser

Kurz vor der Bankendämmerung

Von Dennis Kremer
 - 12:18

Es ist ein unerhörter Gedanke: Was wäre, wenn es in der Welt keine Banken mehr gäbe? Thomas Weinmann, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Kapitalanlagegesellschaft Astorius, kann das nicht schrecken. Er erlebt tagtäglich, dass Banken längst nicht mehr die Rolle innehaben, die sie zu früheren Zeiten spielten.

Viele seiner Kunden, durchweg vermögende und eher konservative Klientel, sparen sich die traditionelle Hausbank. Sie regeln ihre Bankgeschäfte online, verzichten bei der Geldanlage auf den Bankberater und entscheiden selbst, welche Wertpapiere sie kaufen. In einer Bankfiliale schauen sie höchstens noch zum Geldabheben vorbei – das Einzige, wozu die Bank darüber hinaus noch nötig ist, ist für ein Konto. So betrachtet, ist es weniger verwegen, als es klingt, wenn Weinmann die Prognose wagt: „Das Sterben der Banken kommt erst noch richtig in Fahrt. In fünf bis zehn Jahren haben die Großbanken nur noch wenige Filialen – wer soll da auch noch hingehen?“

Weinmann ist keiner, der den Banken den Untergang wünscht, er selbst hat einst bei der Dresdner Bank gelernt. Der aktuelle Trend passt auf jeden Fall zu seiner Prognose. In der vergangenen Woche hat die Bundesbank die jüngsten Zahlen zur Entwicklung der Bankfilialen bekanntgegeben: 2017 gab es 1900 Filialen weniger in Deutschland als 2016. „Der Rückgang der Zweigstellen spiegelt auch den Trend zur Digitalisierung und vermehrten Nutzung von Online-Banking wider“, vermerkt die Bundesbank dazu.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Es geht, das zeigt dieser nüchterne Satz, um mehr als nur um einige Filialen. Die viel größeren Fragen lauten: Welche Zukunft haben die Banken noch in einer digitalisierten Welt, in der sich andere Unternehmen viel besser auskennen als sie selbst? Braucht man in Zukunft überhaupt noch Banken? Und falls ja: Was haben diese Banken noch mit den klassischen Banken gemein, wie sie die Deutschen seit Jahrzehnten kennen?

Mehr als nur schlechte Nachrichten für klassische Banken

Die Diskussion ist längst entbrannt, deutlich vernehmbar in der akademischen und publizistischen Welt (davon zeugen Buchtitel wie Jonathan MacMillans „Das Ende der Banken: Warum wir sie nicht brauchen“) – leiser, dafür aber umso besorgter, in den Vorstandsetagen der Banken. Dort verursachen Zahlen wie die jüngste Umfrage des IT-Verbands Bitkom Aufregung, wonach 20 Prozent der Deutschen überhaupt keine Bankfiliale mehr aufsuchen und 40 Prozent der Bundesbürger dafür offen wären, ihre Bankgeschäfte auch über Apple, Google und Amazon vorzunehmen, sobald möglich.

Für die klassischen Banken wie Deutsche Bank und Commerzbank sind das nicht einfach nur schlechte Nachrichten. Nein, es ist mehr als das: Früher oder später kann sie diese Entwicklung in ihrer Existenz bedrohen.

Besonders in einem Geschäftsfeld müssen sich die Banken schon seit längerer Zeit härtester Konkurrenz erwehren. Die Rede ist vom Geschäft mit Zahlungsdienstleistungen. Dahinter versteckt sich ein relativ simpler Vorgang: der elektronische Transfer von Geld von Konto A zu Konto B.

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MitnahmegeschäftKassenloses Einkaufen

Es handelt sich um eine ureigene Domäne der Banken, trotzdem ist es Diensten wie Paypal gelungen, hier mit großem Erfolg einzudringen. Paypal bietet den Kunden kein Bankkonto an. Aber die Firma hat verstanden, was Banken wohl zu spät begriffen haben – dass Bezahlen ein lästiger Vorgang ist, den sich die Menschen so einfach wie möglich machen wollen.

In seinem Paypal-Account muss man nur ein einziges Mal die Daten seiner Bankverbindung oder Kreditkarte hinterlegen. Wählt man dann bei einem Online-Einkauf Paypal als Bezahlmöglichkeit aus, braucht man nicht bei jedem neuen Online-Anbieter wieder alle seine Zahlungsdaten neu eintippen, es reicht die Eingabe des eigenen Passworts.

Das Clevere aus Sicht von Paypal daran ist: Für das reibungslose Auslösen einer Überweisung kassiert die Firma von den Online-Händlern eine Gebühr – denn die Händler wollen es ihren Kunden verständlicherweise so bequem wie möglich machen, bei ihnen zu bezahlen. Dies ist mit Paypal möglich und dies garantiert, dass die Kunden wiederkommen. Erst mit gehöriger Verspätung haben die deutschen Banken erkannt, welches Geschäft sie sich da entgehen lassen, und mit „Paydirekt“ ein eigenes Angebot entwickelt. Freundlich formuliert, hält sich der Erfolg bislang in Grenzen.

Was macht Banken eigentlich zu Banken?

Nun lässt sich allein daraus noch nicht der baldige Untergang der Banken ableiten. Gefährlicher wird es, wenn die Banken in ihrem Kern attackiert werden, was zu der Frage führt: Was genau ist dieser Kern? Oder anders formuliert: Was macht Banken eigentlich zu Banken?

Darüber kann man ganze Bücher schreiben, aber ganz grundsätzlich beruhe das Bankgeschäft auf zwei Dingen, sagt Bankenprofessor Jan-Pieter Krahnen von der Frankfurter Goethe-Universität. „Es geht um Vertrauen und um Informationen.“ Leicht vereinfacht, kann man sagen: Um Vertrauen geht es, weil die Kunden der Bank ihre Spareinlagen anvertrauen. Auch wenn dies vielen nicht bewusst ist, sind es unter anderem diese Einlagen, die die Bank als Kredite ausreicht.

Und es geht auch um Informationen, weil Kredite eben nur derjenige erhält, den die Bank vorher auf seine Kreditwürdigkeit geprüft hat. Der Kreditnehmer vertraut dabei darauf, dass die Bank die Informationen, die sie im Rahmen ihrer Prüfung über ihn bekommt, für sich behält („Bankgeheimnis“). Die Kreditgeber, also letztlich alle Sparer, vertrauen wiederum darauf, dass die so gewonnenen Informationen richtig verarbeitet werden – dass also nur derjenige einen Kredit erhält, der in der Lage sein wird, diesen auch zurückzuzahlen. „Dies war lange Zeit der Wettbewerbsvorteil, der klassische Banken so unentbehrlich gemacht hat“, sagt Finanzprofessor Andreas Hackethal. „Sie hatten bessere Informationen als andere, und sie wussten besser damit umzugehen.“

Dieser Wettbewerbsvorteil aber ist längst dahin: Denn im digitalen Zeitalter der Informationstechnologie sind es eben die sogenannten Technologiefirmen, die am cleversten mit Informationen umgehen können oder zumindest am meisten damit verdienen. Gemeint sind Amazon oder Google, aber beispielsweise auch der chinesische Online-Händler Alibaba.

Auch wenn diese Unternehmen nicht offen als Konkurrenten der Banken auftreten, spricht es doch Bände, wenn Vorstandschefs wie Ralph Hamers von der niederländischen Großbank ING sagen: Für ihn sei nicht die Frage, ob Google, Amazon oder Alibaba in das Bankgeschäft stärker eindrängen, sondern nur, wie weit der Vorstoß gehen werde.

Die Welt traut den Technologiefirmen alles zu

Dass die Welt diesen Unternehmen alles zutraut, zeigt ein Blick auf die Aktienkurse: Während Technologiefirmen an der Börse zu den wertvollsten Aktiengesellschaften überhaupt zählen, sind viele Banken, insbesondere die deutschen, nur noch einen Bruchteil früherer Zeiten wert. Der Markt hat sein Urteil also längst gesprochen.

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Um zu verstehen, worin die Technologiekonzerne den herkömmlichen Banken schon heute überlegen sind, hilft es, das Beispiel Amazon zu betrachten: Amazon weiß schon jetzt viel mehr über seine Nutzer als Banken über ihre Kunden. Die meisten nutzen Amazon sehr intensiv zum Online-Einkauf, was heißt: Aus den Daten jedes Einzelnen lassen sich Vorlieben gut herauslesen.

Amazon weiß aber noch viel mehr: Anhand der Bestellungen seiner Kunden erfährt das Unternehmen auch eine ganze Menge über die Firmen, deren Waren die Kunden bestellen. Welches sind die beliebtesten Produkte, wie oft werden sie bestellt und wann? Welche Produkte will keiner haben? Auf welche Weise wird bezahlt?

Dieses Wissen lässt sich ganz konkret für Bankgeschäfte einsetzen. Man könnte sich zum Beispiel folgendes vorstellen: Die Bücher eines bestimmten Autors sind auf Amazon immer in Windeseile vergriffen – warum nicht dem Autor oder seinem Verlag eine Finanzierung für das nächste Buch anbieten?

Eine Bank hat im Zweifel weniger Informationen zur Verfügung. Natürlich sieht sie die Kontoabbuchungen, aber sie erkennt oft nicht, wofür der Kunde sein Geld ausgegeben hat. Das ist zum Beispiel bei Bargeldabhebungen der Fall oder auch dann, wenn jemand mehrere Kreditkarten von verschiedenen Banken verwendet.

Auch vor Start-ups müssen sich Banken in Acht nehmen

Wenn es beim Bankgeschäft im Kern tatsächlich auf Informationen und Vertrauen ankommt, dann zeigt sich, wie unangenehm Technologiefirmen für die Banken noch werden können: Denn sie haben die Informationen, und sie haben, das zeigt allein die Zahl ihrer weltweiten Kunden, das Vertrauen.

Tatsächlich sind Amazon & Co. gar nicht mehr so weit davon entfernt, eine Bank zu werden: Zumindest Bezahldienste haben viele Technologiekonzerne längst entwickelt. Es gibt Amazon Pay, Alibabas Alipay und Apple Pay, um nur einige zu nennen. Facebook testet sogar bereits Geldüberweisungen ganz ohne Bankkonto: In Indien können Privatleute sich über den Kurzmitteilungsdienst Whatsapp, der zu Facebook gehört, Geld zuschicken. Ein Testlauf für die Welt von morgen?

Amazon.com

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Nicht nur vor diesen Giganten müssen sich die Banken in Acht nehmen. Das Gleiche gilt für Start-ups, die sich selbst gerne als „Fintechs“ (die Verbindung von Finanzen mit Technologie) bezeichnen. Natürlich geht nicht von jedem einzelnen Fintech eine Gefahr aus, aber gemeinsam setzen sie die Banken unter Zugzwang. „Fintechs entwickeln viele technische Innovationen, die Bankgeschäfte vereinfachen“, sagt Sascha Steffen von der Frankfurt School of Finance and Management. „Sie sind agile Antreiber, die die Banken dazu zwingen, digitaler und kosteneffizienter zu werden.“

DT. BANK

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Bei solchen Innovationen kann es sich um eine einfache Kontoführungs-App handeln, aber auch um viel mehr: Sogar im Kreditgeschäft mischen Fintechs mit. Sie vermitteln Kredite zwischen Privatpersonen und auch an Firmen.

Anders als die klassischen Banken führen sie dabei keine persönlichen Gespräche mit potentiellen Schuldnern, sondern bedienen sich eines Algorithmus. Dieser schätzt, vereinfacht gesagt, die Kreditwürdigkeit eines Menschen anhand einiger weniger Parameter wie Einkommen und Wohnort automatisch ein. Man kann sich darüber streiten, ob dies besser ist als ein persönliches Gespräch. Aber schneller geht es auf jeden Fall.

Sogar in der Geldanlage machen Fintechs den Banken Konkurrenz: Sogenannte Robo-Advisor bieten eine automatisierte Vermögensverwaltung an – ein weiterer Trend, den die Banken verschlafen haben.

So stehen die Banken von allen Seiten unter Druck. Nicht einmal für Börsengänge werden sie noch gebraucht: Der Börsengang des Musikstreamingdienstes Spotify fand im April weitgehend ohne die Mithilfe von Bankern statt. Kampflos ergeben will man sich jedoch nicht: Oft kooperieren die Banken mit Fintechs oder kaufen sie.

Außerdem beginnen sie damit, die Daten ihrer Kunden auch anderen Anbietern über Plattformen zugänglich zu machen und damit Geld zu verdienen. Eine solche Plattform, über die die Kunden Zinsangebote von anderen Banken erhalten, baut beispielsweise gerade die Deutsche Bank auf. Es gibt nur ein Problem: Um sich ernsthaft zur Wehr zu setzen, fehlt es insbesondere den deutschen Banken am nötigen Kapital. Die vergangenen Jahre war man so sehr mit dem eigenen Überleben beschäftigt, dass kaum Geld da ist für große technologische Investitionen.

Was zu einem ironischen Schlusspunkt führt: Nur eines hält nach Meinung der Experten die großen Technologiekonzerne davon ab, ganz offiziell eine Bank zu werden und eine Banklizenz zu beantragen – sie fürchten die damit einhergehende Regulierung durch Aufsichtsbehörden. „Die Regulierung wirkt wie ein Schutzschild“, sagt Bankenprofessor Jan-Pieter Krahnen.

Dies zeigt, wie schlimm es um die Banken eigentlich steht: So weit ist es gekommen, dass ausgerechnet die verhassten Aufsichtsbehörden als letzte Verteidigungslinie herhalten müssen.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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