Österreich

Hier gibt es zu viele Banken

Von Michaela Seiser, Wien
 - 11:28

In Österreich wimmelt es von Finanzdienstleistern. Nach Einschätzung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) gab es Ende des vergangenen Jahres 672 Banken mit rund 3900 Zweigstellen und fast 75 000 Mitarbeitern. Österreich gehört zu den Ländern mit der höchsten Bankendichte in Europa, was mit der starken Ausrichtung des Kreditwesens auf Genossenschaften und Sparkassen zusammenhängt. Das führt zu hohen Kosten für die Geldinstitute.

Zwar ist durch Fusionen und andere Strukturanpassungen seit dem Jahr 2008 die Anzahl der Kreditinstitute um fast ein Viertel gesunken. Bei den Filialen hat sich das bisher aber nicht so deutlich niedergeschlagen. Von 2008 bis Ende des Vorjahrs schrumpfte deren Netz nur um sechs Prozent, wenngleich es in den zurückliegenden fünf Jahren eine Beschleunigung gab. In Österreich kommen nach Statistiken der EZB 2100 Einwohner auf eine Bankfiliale, in Deutschland sind es schon 2400. Die Finnen liegen bei 5200 und die Niederländer gar bei 9600 Einwohnern je Bankstandort.

Auf Bankmitarbeiter umgelegt: In Österreich versorgt ein Bankmitarbeiter im Schnitt 118 Einwohner, in Deutschland sind es 126, in Italien 203 und in Finnland rund 250. Über Zielgrößen für Österreich äußert sich die Notenbank nicht. Jedoch sei die Zahl der Beschäftigten in der österreichischen Bankenindustrie ziemlich hoch, heißt es. Und offenbar gebe es Länder, in denen das Geschäft mit weniger Personal funktioniere.

Zu viel und zu teures Personal

Fest steht, dass das Verhältnis zwischen Kosten und Erträgen sinken muss – also dass die Geldinstitute profitabler werden müssen, wie neben der Notenbank etliche Fachleute fordern: Mittelfristig müsse eine durchschnittliche Geschäftsbank für jeden verdienten Euro weniger als 50 Cent ausgeben, heute sind es noch 67 Cent. Da sei noch eine ordentliche Wegstrecke zurückzulegen. Aktuelle Schnitte zum Personal- und Filialabbau wirkten in der Regel erst längerfristig, da Sparmaßnahmen zunächst einmal noch Kosten mit sich brächten.

Franz Hahn, auf Bankenforschung spezialisierter Ökonom im Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo), sieht das Problem in teuren Personalkosten, hinter denen überkommene Statuten der Branche stecken mit großzügigen Arbeitnehmerrechten und kostspieligen Aufwendungen in Informationstechnik. Er weist darauf hin, dass viel zu spät mit der Bereinigung begonnen wurde. Ein Grund dafür sei die Osterweiterung der EU gewesen. Seither sind die österreichischen Geldhäuser in den postkommunistischen Ländern maßgebliche Anbieter und haben dort goldene Jahre erlebt. Diese Ertragsquellen haben der Quersubventionierung der teuren Kostenstrukturen in Österreich gedient. „Das sind Kostenstrukturen, die unter den jetzigen Bedingungen nicht durchzuhalten sind, um die nächsten zehn Jahre zu überleben.“

Zwar haben die österreichischen Banken offenbar die schwierigsten Zeiten überwunden. Der Anteil der notleidenden Kredite fällt mit rund vier Prozent geringer aus als im restlichen Europa. Österreich ist aber nicht das Problem. Die Banken sind vor allem in Osteuropa sehr aktiv. Dort haben sie beachtliche Außenstände, und eine deutlich höhere Quote davon gilt als notleidend. Gleichzeitig haben österreichische Banken im internationalen Vergleich ein dünneres Kapitalpolster.

Gute Geschäfte in Osteuropa, Fintechs als Partner

Trotz der Zinsbaisse haben die Geldhäuser im vergangenen Jahr aufgrund geringerer Kreditvorsorgen mehr verdient. Der Jahresüberschuss legte um ein Fünftel auf 4,4 Milliarden Euro zu, fast die Hälfte davon wurde in Osteuropa verdient, wo die österreichischen Geldhäuser Platzhirsche sind. Auch zum Halbjahr scheinen sich die großen Anbieter gut zu schlagen.

Die aufstrebenden Fintechs sehen die Banken weniger als Konkurrenten denn als Partner. Von der Digitalisierung erwartet sich der Bankenverband mehr Konkurrenz und Wettbewerb, obgleich in den kommenden Jahren ein Drittel der Beschäftigung wegbrechen dürfte. Die Banken könnten in diese Partnerschaft die Sicherheit bei den Finanzdienstleistungen und die persönliche Beratung einbringen. Bereits jetzt sei die überwiegende Mehrheit der Kunden mit dem Bedienkomfort des Onlinebanking-Angebotes zufrieden. In Zukunft werde noch weiter in die Datensicherheit investiert werden.

Dabei müssten aber die gleichen Spielregeln für alle gelten. Besonders stark werde sich die Digitalisierung im Unternehmenskundengeschäft auswirken, glaubt der Vizepräsident des Bankenverbandes und Vorstandsvorsitzende der Oberbank, Franz Gasselsberger. Für die Erste Group trifft nach eigener Darstellung zu, dass etwa die Hälfte ihrer Kunden im Verlauf der zurückliegenden sechs Monaten sowohl digitale Kanäle wie auch das Filialnetz in Anspruch genommen hat; weniger als ein Drittel hat in diesem Zeitrahmen ausschließlich eine Filiale aufgesucht, während nur jeder achte Kunde ausschließlich digitale Kanäle verwendet hat. Jeder vierte Kunde der Erste Group ist bereits aktiver Nutzer des digitalen Angebots.

Digitale Kanäle spielen bei der Kredit- und Produktvermittlung eine zunehmend bedeutende Rolle: Jeder dritte abgeschlossene Konsumentenkredit in der slowakischen Tochterbank Slovenska sporitelna hatte seinen Anfang in einem digitalen Kanal. Neben dem Verkauf von Konsumentenkrediten gewinnen digitale Kanäle auch für die Eröffnung von Giro-, Spar- und Einlagenkonten sowie für die Vermittlung von Hypothekenkrediten an Bedeutung. Dieser Trend wird durch die Anwendung von elektronischer Fotolegitimierung gestärkt, da der Kunde dadurch entweder den ganzen Prozess online umsetzen kann oder lediglich ganz am Ende des Prozesses eine Filiale aufsuchen muss.

Die Raiffeisen Bankengruppe sieht sich mit 1,8 Millionen Online-Kunden als Marktführer im Land. Zwei Jahrzehnte Internet, Social Web und Smartphones haben auch im Bankgeschäft Spuren hinterlassen. Mehr als die Hälfte der täglichen elektronischen Kundenkontakte erfolgen mittlerweile schon über eine mobile Anwendung. Raiffeisen denkt auch schon an die nahe Zukunft, wie sich etwa künstliche Intelligenz auswirken wird.

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Auch die Bank Austria Unicredit kommt an der Digitalisierung nicht vorbei und investiert entsprechend. Es wird darauf Wert gelegt, dass vor allem auf das veränderte Kundenverhalten reagiert wird, zum Beispiel dass die Kunden die Bankgeschäfte des täglichen Bedarfs zunehmend online und mobil erledigen. Die Zusammenarbeit mit Fintechs werde vor allem als Chance gesehen, durch die noch leichter Zugang zu zahlreichen innovativen Lösungen zu erhalten sei. Gleichwohl bleibt die Filiale und persönliche Beratung (auch über Video) weiterhin wesentlicher Bestandteil des Bankengeschäfts. Wie rasch Österreich mit seinem dichten Bankennetz auf durchschnittliche Verhältnisse kommt, bleibt daher unklar.

Gefahren der Fintechs

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) – die Zentralbank der Notenbanken – sieht im Kreditgeschäft von Fintech-Plattformen Chancen wie Risiken. So könnten diese Internetbanken zu niedrigeren Kreditkosten führen. Gleichzeitig bestehe jedoch auch die Gefahr, dass sie den Risikoappetit der gesamten Finanzbranche steigere. Als Vorteil zählt sie vor allem tiefere Transaktionskosten und eine besseren Zugang von bisher vernachlässigten Kundengruppen zu Krediten auf. Ebenfalls ein Vorteil für das Finanzsystem könne zudem sein, dass ein größerer Marktanteil von Fintech die spezifischen systemischen Risiken verringern könne. Als Nachteil wird gesehen, dass mobile Plattformen ganz allgemein zu größerer Instabilität und zu höherer Risikoneigung in der ganzen Finanzbranche führen könnte. Fintechs könnten nämlich durch ihre vereinfachten und automatisierten Prozesse dazu führen, dass in Ländern mit bereits geringen Anforderungen zur Erlangung eines Kredits diese Standards noch weiter sinken. Gleichzeitig steige mit der Digitalisierung des Bankgeschäfts auch das Cyber-Risiko. ela.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seiser, Michaela (ela.)
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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