Altlasten

Versteckte Risiken der Deutschen Bank

Von Tim Kanning
 - 13:56

Die Deutsche Bank kämpft an allen Fronten damit, die Märkte von ihrer Stabilität zu überzeugen. Nach dem rasanten Kursverfall der vergangenen Monate haben nun sowohl der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing als auch sein Finanzvorstand James von Moltke ihr Bestes gegeben, die aus ihrer Sicht robusten Finanzkennzahlen der Bank darzulegen. Seit der Finanzkrise sei allein das harte Kernkapital von 28 auf 56 Milliarden Euro gestiegen, seien die Liquiditätsreserven von damals 65 Milliarden auf nun 279 Milliarden erhöht worden, hoben beide hervor.

Vor allem eine Frage interessierte die Investoren, als von Moltke am Mittwochabend auf einer Konferenz in Frankfurt zu ihnen sprach: Wie viele versteckte Risiken schlummern in der Deutschen Bank? Die Summe von strukturierten Finanzprodukten, für die sich nicht einfach ein Marktpreis feststellen lässt – im Bankerjargon Level-3-Assets genannt – ist laut der Präsentation der beiden Manager seit dem Jahr 2007 von 88 auf nun noch 22 Milliarden Euro verkleinert worden.

Geheimnisvolles Portfolio

Doch als die Bank im März 2017 eine Kapitalerhöhung über 8 Milliarden Euro angestoßen hatte, hatte der damalige Vorstandsvorsitzende John Cryan von einem Portfolio an Altlasten von stolzen 60 Milliarden Euro gesprochen – darin enthalten konstruierte Finanzprodukte und -verträge, die nicht mehr ins Geschäftsmodell der Bank passten, die aber teilweise erst 2030 auslaufen sollten, und welche die Profitabilität der gesamten Investmentbank um immerhin 2 Prozentpunkte nach unten drückten. Und was viele Anleger noch mehr beunruhigte: Seither hatte sich nie wieder jemand zu dem geheimnisvollen Portfolio geäußert. Bis zum Mittwochabend: „Ich bin froh darüber, dass ich das hier mal entmystifizieren kann“, sagte von Moltke da auf die Frage eines Investors hin und versicherte, dass dieses Altlasten-Portfolio inzwischen deutlich verringert worden sei. Mit rund 30 Milliarden Euro (leveraged exposure) habe sich die Summe des Portfolios gegenüber der zuletzt genannten Zahl in etwa halbiert. Die darin befindlichen risikogewichteten Aktiva – sprich: der nach dem jeweiligen Risiko der einzelnen enthaltenen Finanzprodukte gewichtete Wert – lägen inzwischen bei etwa 9 Milliarden Euro.

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FehlanreizWenn Boni zum Problem werden

Damit sei man absolut im Plan, betonte von Moltke, auch wenn einige der enthaltenen Werte in der Tat noch lange Laufzeiten hätten. „Das ist ein Portfolio, das ganz einfach ausläuft. Ich bewerte es nicht als toxisch“, sagte von Moltke und bezog sich damit auf die in der Finanzkrise gängig gewordene Bezeichnung für Finanzprodukte, für die es keine Märkte mehr gab, die mithin weitgehend wertlos geworden waren. „Die Sache ist also viel kleiner, als sie an den Märkten gemacht wird“, findet von Moltke.

Analysten eher verhalten

Die Märkte zeigten sich am Donnerstag dann etwas freundlicher gegenüber der zuletzt schwer gebeutelten Deutschen Bank. Im frühen Handel legte der Kurs zeitweise um mehr als 3 Prozent zu, gab am Nachmittag allerdings wieder einige Zugewinne ab. Bei 9,70 Euro ist sie zwar inzwischen zumindest prozentual schon wieder ein ganzes Stück weit entfernt von den 9,07, mit denen sie in der vorigen Woche einen historischen Tiefststand markierte. Für einen Sprung zurück über die 10-Euro-Marke reicht es aber noch nicht.

Analysten reagierten eher verhalten auf die Vorträge von Sewing und von Moltke. Daniele Brupbacher von der UBS bezeichnete das Ziel einer Kapitalrendite von 10 Prozent bis 2021 als „optimistisch“ und beließ sein Kursziel bei 10,20 Euro. Von Moltke hatte in seinem Vortrag zwar genauer auseinanderdividiert, wie das Renditeziel zu erreichen sei. Er hatte aber auch gesagt, dass die Bank dafür noch „einigen Rückenwind“ brauche, etwa durch ein höheres Zinsniveau in Europa. Noch stecke die Bank in einem Teufelskreis aus sinkenden Erträgen bei stagnierenden Kosten und den höheren Refinanzierungskosten durch das gesenkte Rating.

Angekündigter Stellenabbau

Jernej Omahen von Goldman Sachs sieht das Kursziel zwar bei 12,70 Euro, gibt aber wie Brupbacher auch nur eine „neutrale“ Empfehlung ab – rät also weder zum Kauf noch zum Verkauf der Aktie. Omahen hob vor allem hervor, dass von Moltke noch einmal die zurückhaltenden Äußerungen Sewings zum Geschäftsverlauf im laufenden Quartal auf der Hauptversammlung bekräftigte. Die Bank werde vermutlich etwas schlechter abschneiden als ihre Wettbewerber, sagte von Moltke. „Wir sehen ein Marktumfeld, das widerspiegelt, was unsere Wettbewerber bereits erklärt haben, und wir erwarten, dass wir uns etwas schlechter geschlagen haben, angesichts der Übergangsphase, die wir gerade durchlaufen.“

Bei dem angekündigten Stellenabbau drückt die Bank daher nun noch einmal deutlich aufs Tempo. Schon bis Ende diesen Jahres sollen 4000 Stellen wegfallen, wie in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe schon zu lesen war. Eines stellte von Moltke aber ebenfalls klar: An den Boni für die verbleibenden Investmentbanker wolle man nicht sparen. „Wir wollen weiter wettbewerbsfähig entlohnen, wo es die Leistung rechtfertigt.“

Quelle: F.A.Z.
Tim Kanning
Redakteur in der Wirtschaft.
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