Amerikanische Börse

Können die Kurse wieder steigen?

Von Norbert Kuls, New York
 - 17:41

Weniger Politik, mehr Bilanzen. Die Börsianer an der Wall Street erhoffen sich in den kommenden Wochen positive Impulse von der Berichtssaison für das erste Quartal. In den vergangenen Wochen hatten die Aktienkurse wegen des drohenden Handelskonflikts zwischen Amerika und China sowie des öffentlichen Drucks auf Technologiekonzerne wie Facebook stark geschwankt. Zum Auftakt des vierteljährlichen Zahlenreigens meldeten am Freitag die Großbanken JP Morgan Chase, Wells Fargo und Citigroup überraschend stark ausgefallene Gewinne. Die Aktienkurse von JP Morgan und Citigroup reagierten im frühen Handel mit Aufschlägen, was auch den allgemeinen Tenor der Börse bestimmte. Der Aktienkurs von Wells Fargo, die immer noch unter den Folgen eines Phantomkonten-Skandals leidet, ging allerdings zurück, weil der Bank eine Milliardenstrafe wegen fragwürdiger Vertriebsmethoden droht.

Schon am Donnerstag hatten die Aktienkurse an der Wall Street getrieben von Finanztiteln deutlich zugelegt. Der KBW Nasdaq Bank Index, ein stark beachtetes Branchenbarometer, liegt in diesem Jahr um 2 Prozent im Plus und ist damit einer der Stützungsfaktoren des Aktienmarktes. Nach Einschätzung von Analysten dürften die im S&P 500 abgebildeten Finanztitel ihre Gewinne im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr insgesamt um rund 20 Prozent gesteigert haben. Die durchschnittlichen Erwartungen von Analysten für das Gewinnwachstum der S&P-500-Konzerne insgesamt liegen nach Angaben des Informationsdienstes Factset mit rund 17 Prozent zwar etwas niedriger. Sollten sich diese Prognosen erfüllen, wäre es aber dennoch das stärkste Gewinnwachstum seit sieben Jahren. Börsianer unterstellen immer ein etwas stärkeres Gewinnwachstum, weil Unternehmen bei ihren eigenen Prognosen gerne tiefstapeln, um die Erwartungen der Anleger nicht zu enttäuschen. „Es ging in den vergangenen zwei Monaten hin und her, hoch und runter“, resümierte Ed Keon, Investmentstratege beim Wertpapierhaus QMA den erratischen Trend der amerikanischen Aktienkurse. „Infolge der erwartet außergewöhnlich starken Bilanzsaison dürfte der positive Trend beständiger werden.“

Immer noch um rund 24 Prozent im Plus

Die starken Prognosen basieren auf einer ganzen Reihe positiver Entwicklungen. So hatte der amerikanische Kongress Ende 2017 die Steuern für Unternehmen und Privatpersonen deutlich gesenkt. Banken profitieren außerdem von den leicht gestiegenen Zinsen, weil die Zinserträge steigen. Der niedrige Dollarkurs macht amerikanische Exporte günstiger und der gestiegene Ölpreis dürfte die Ergebnisse der amerikanischen Energiefirmen beflügeln. Die Börsenentwicklung hängt generell von den Erwartungen für die Unternehmensgewinne ab. Da die Kurse 2017 unter anderem wegen der avisierten Steuersenkungen schon deutlich gestiegen waren, fragen sich Marktteilnehmer aber, ob die Erwartungen schon in den Kursen reflektiert sind.

Die Marktstrategen von JP Morgan glauben allerdings, das die aktuellen Kurse dem gestiegenen Gewinnpotential nicht gerecht werden. „Die positiven Auswirkungen des gestiegenen frei verfügbaren Einkommens werden nicht in den durchschnittlichen Gewinnerwartungen berücksichtigt“, schreibt der bei JP Morgan für amerikanische Aktien verantwortliche Marktstratege Dubravko Lakos-Bujas. Verbraucher seien zuversichtlicher und hätten mehr Geld in der Kasse, weil Steuern gesunken und Löhne gestiegen seien. Verbraucherausgaben spielen in Amerika eine große Rolle, weil sie zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaftsleistung ausmachen. Die Kurse von konjunktursensiblen Konsumwerten liegen gemessen an dem Indexfonds Consumer Discretionary Select Sector SPDR in diesem Jahr um etwas mehr als 3 Prozent im Plus, nachdem sie im Februar und März wie der S&P 500 gefallen waren. Der Aktienkurs des Versandhändlers Amazon liegt trotz der Rückschläge des vergangenen Monats immer noch um rund 24 Prozent im Plus. Der S&P 500 steht derzeit etwa auf dem Niveau des Jahresanfangs.

Mit mehr als dem 18-fachen der erwarteten Gewinne bewertet

Stratege Lakos-Bujas rechnet angesichts der Steuerersparnisse außerdem mit anhaltenden Rückkäufen eigener Aktien durch Unternehmen. Aktienrückkäufe gelten als Stützungsfaktor für Aktienkurse. Dazu dürften Unternehmen stärker investieren und auch mehr Geld für Übernahmen anderer Firmen aufwenden, was ebenfalls für Kursphantasie an der Börse sorgt. Attraktiver könnten Aktien auch wieder werden, weil ihre Bewertung in Relation zu den erwarteten Gewinnen gefallen ist. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des S&P 500 auf Basis der für die kommenden 12 Monate erwarteten Gewinne, einer der gebräuchlichsten Bewertungsmaßstäbe für Aktien, liegt nach Angaben von Factset aktuell bei 16,5. Damit übertrifft die Bewertung zwar immer noch den Durchschnitt der vergangenen 10 Jahre (14,3).

Ende 2017, als die Steuersenkungen noch nicht in den Prognosen erhalten waren, waren Aktien aber mit mehr als dem 18-fachen der erwarteten Gewinne bewertet worden. Wie attraktiv Aktien nun geworden sind, liegt im Auge des Betrachters. Jack Ablin, Chefanleger des Vermögensverwalters Cresset, begründet seinen positiven Ausblick für Aktien mit „annehmbaren Bewertungen der Aktienmärkte“. Ablin zählt zu einer Minderheit. Nach einer aktuellen Umfrage der kanadischen Bank RBC hält fast die Hälfte der Profianleger Aktien für teuer oder sehr teuer. Nur ein Sechstel hielten Aktien für „attraktiv“.

Quelle: F.A.Z.
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
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