Amsterdamer Börse

Drei Börsengänge und der Traum vom KLM-Alleingang

Von Michael Stabenow, Brüssel
 - 18:11

Seit 146 Jahren existiert die niederländische Großhandels- und Vertriebsgesellschaft B&S Group. An der Amsterdamer Börse gehört das in Dordrecht nahe Rotterdam ansässige Unternehmen wie auch der auf Ladestationen für Elektroautos spezialisierte Hersteller Alfen sowie die Haager Geschäftsbank NIBC dagegen zu den Neulingen. Am Damrak bewegt sich die B&S-Aktie freilich seit dem 23. März wie ein Fisch im Wasser.

Nicht nur Analysten der Großbanken ING, ABN Amro und der Deutschen Bank, die beim Börsengang behilflich waren, empfahlen nun die Aktie abermals zum Kauf. Auch Strategen des Analysehauses Kepler Cheuvreux, die mit einem Anstieg des Kurses von zuletzt rund 15 auf 17 Euro rechnen, äußerten sich lobend über die Perspektiven des Logistikspezialisten, der weltweit Lebensmittel, Kosmetika oder auch Elektronikprodukte vertreibt.

Die ING-Analysten trauen dem Börsenneuling mittelfristig sogar einen Kursanstieg auf 20,50 Euro je Aktie zu. Der Jahresumsatz – zuletzt rund 1,5 Milliarden Euro – dürfte bis 2020 demnach jährlich um mehr als 7 Prozent steigen. Der Branchendurchschnitt dürfte 5,5 Prozent betragen. Für das zur Bewertung der operativen Ertragskraft und das aus Anlegersicht wichtige Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) nennt ING für die kommenden drei Jahre 12 Prozent. Noch günstiger könnte die Entwicklung ausfallen, sollte B&S Group die finanziellen Spielräume für weitere Unternehmenszukäufe nutzen.

Analysten bleiben optimistisch

Zwei weitere, ebenfalls für das Frühjahr erwartete Börsengänge blieben aus. Dass das Energieunternehmen Varo Energy und der auf Fuhrparkmanagement spezialisierte Finanzdienstleister Leaseplan jetzt davon abgesehen haben, erklären Analysten einerseits mit dem zuletzt ungewisser erscheinenden Börsenumfeld; andererseits seien beide Unternehmen derzeit nicht dringend auf Geldgeber an der Börse angewiesen. Die Leaseplan-Anteilseigner, die auf Pensionsgeschäfte spezialisierte Genossenschaft PGGM, die britische Beteiligungsgesellschaft TDR Capital sowie die Investmentbank Goldman Sachs, die das 1963 gegründete und im niederländischen Almere beheimatete Unternehmen 2015 für 3,7 Milliarden Euro übernommen haben, sollen nach Erkenntnissen von Branchenkennern auf eine – derzeit wohl nicht zu erreichende – Börsenkapitalisierung von bis zu 7,4 Milliarden Euro gehofft haben.

Insgesamt befindet sich die Amsterdamer Börse in einer guten Verfassung. Natürlich gibt es dort – wie anderswo – durchaus besorgte Blicke auf die transatlantischen Handelsstreitigkeiten, den Konflikt um das iranische Atomabkommen oder auch die Entwicklung der Rohölpreise. Der AEX-Index lag indes zuletzt um rund 5 Prozent höher als vor Jahresfrist. Eine Mehrheit der Analysten rechnet nach den jüngsten Quartalsberichten von Börsenriesen wie Shell, Unilever, Philips, Heineken oder auch dem Spezialchemiekonzern DSM damit, dass der Aufwärtstrend bis auf weiteres ungebrochen bleibt.

An Philips und ING scheiden sich die Geister

Eine vom Fachdienst „belegger.nl“ fortlaufend aktualisierte Übersicht von Bewertungen der AEX-Schwergewichte enthielt zuletzt nur in Ausnahmefällen Empfehlungen zum Verkauf von Aktien. Aber selbst an alteingesessenen AEX-Unternehmen wie Philips oder ING scheiden sich die Geister. Während für Aktien der Amsterdamer Großbank Experten von Crédit Suisse oder der belgischen KBC-Gruppe zum Verkauf raten und mit einem Kurs nahe 13 Euro rechnen, sehen Fachleute der amerikanischen Investmentbank Jefferies & Co, die Notierung mittelfristig bei knapp 20 Euro. Am Donnerstag notierte die Aktie mit 13,23 Euro.

PHILIPS

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Ähnlich vielfältig sind die Meinungen zum verstärkt auf Medizintechnik und -dienstleistungen setzenden Philips-Konzern. Jos Versteeg, Philips-Fachmann der Privatbank Insinger Gilissen, riet nach der Veröffentlichung insgesamt durchaus positiver Geschäftszahlen für das erste Quartal weiter vom Kauf der Aktie ab. Er erhöhte aber das mittelfristige Kursziel von 24 auf 30 Euro. Versteeg verwies darauf, dass Philips besonders in den Bereichen Diagnose und Behandlung der deutschen Konkurrenz von Siemens Healthineers hinterherhinke. Am Donnerstag kostete die Philips-Aktie 36,10 Euro. Es gibt aber auch Analysten, die eine rosige Zukunft für Philips erwarten. So rechnen die Fachleute der Deutschen Bank mit einem Anstieg auf 39 Euro je Aktie, während die Goldman-Sachs-Experten ähnlich zuversichtlich ein Kursziel von 38 Euro nennen.

Ein weiteres niederländisches Traditionsunternehmen beflügelt derzeit die Phantasien mancher Anleger. So soll es die Versuchung geben, die erfolgreiche Fluggesellschaft KLM aus der 2004 eingegangenen Verbindung mit der zuletzt in einige Turbulenzen geratenen französischen Gesellschaft Air France herauszulösen. „Tagträume zu einem Alleingang“, titelte die Wirtschaftszeitung „Financieele Dagblad“ am Wochenende auf ihrer ersten Seite. Ein Traum – mehr wohl nicht, wie die Zeitung sogleich erläuterte: „Die Wahrheit ist, dass KLM auch dank der Fusion mit den Franzosen erfolgreich ist. Ein Alleingang ist eine Illusion.“

Quelle: F.A.Z.
Michael Stabenow
Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.
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