Fonds

Wie der Anlegerschutz die Deutschen verwirrt

Von Martin Hock
 - 16:12

Lange Jahre hatte die Fondsbranche ganz gut damit gelebt, dass die Anleger aufgrund eines Mangels an Transparenz nicht so recht wussten, was Fonds eigentlich kosten. Die Umsetzung einer EU-Richtlinie mit Namen Ogaw, auch Ucits genannt, änderte in diesem Jahrzehnt viel. Sie brachte ein zweiseitiges Informationsblatt, das im Unterschied zu den umfangreichen früheren Prospekten die Kosten in einer einzigen Zahl ausweist.

Doch parallel zu dieser Fonds-Richtlinie entstanden zwei weitere, die diese betreffen: die vor allem für fondsbasierte Versicherungen gedachte Priips und die Finanzdienstleisterrichtlinie Mifid. Diese drei kämpfen nun gewissermaßen darum, welche die Kosten am exaktesten und transparentesten angibt. Von 2020 an droht Anlegern nun, dass sie beim Kauf eines Fonds so gut informiert werden, dass sie mehrere Informationen über Kosten erhalten, die aber nicht identisch sind.

Drei Antworten auf dieselbe Frage

Im Kern geht es um die komplexe Frage: Was genau kostet ein Fonds? Neben direkten Kosten wie Gebühren für Management oder Depotbank gibt es noch laufende Kosten. Zu diesen zählen etwa die Kosten des Kaufs oder der Leihe von Wertpapieren oder Bewirtschaftungskosten einer Immobilie. Die Erfassung solcher Kosten ist aufwendig und erhöht die Kosten des Fonds. Es stellt sich so die Frage, wie sinnvoll ihr Ausweis eigentlich ist.

Die drei Richtlinien kommen zu unterschiedlichen Lösungen: Priips versucht alle laufenden Kosten getrennt nach Transaktions- und sonstigen Kosten zu erfassen. Mifid erfasst diese Kosten ebenfalls, sie müssen aber nicht getrennt ausgewiesen werden. Ogaw wieder verzichtet ganz auf die Erfassung der Transaktionskosten. Grund ist die schwierige Erfassung der Transaktionskosten von Rentenfonds, sagt Magdalena Kuper, Regulierungsexpertin des Bundesverbandes der Investmentgesellschaften (BVI), der die aktuellen Regelungen der Priips-Richtlinie für stark verbesserungsbedürftig hält.

Beim Kauf von Anleihen fallen im Unterschied zu Aktien keine direkten Transaktionskosten an. Diese verstecken sich vielmehr in der Differenz zwischen dem Preis, zu dem eine Anleihe angeboten wird (Brief), und dem, der für sie geboten wird (Geld). Priips versucht das nun dadurch zu lösen, dass man für die Berechnung einen sogenannten „Arrival Price“ zugrunde legt. Die Transaktionskosten berechnen sich dann aus der Differenz zwischen dem Ausführungspreis und dem Mittel aus Geld- und Briefkurs zum Zeitpunkt der Auftragserteilung. „Da steckt jede Menge Marktbewegung drin“, sagt Kuper. „Marktbewegung ist aber als Kostenfaktor nicht anerkannt und von der Gesellschaft nicht beeinflussbar. Sie kann am Ende sogar die Transaktionskosten ins Negative drehen.“ Genau diese Marktbewegungen sollen aber nach Mifid wieder ausgeschlossen werden. Krasser könnte ein Widerspruch kaum sein.

„Man muss schon Fachmann sein“

Doch nicht nur die Berechnung der Kosten unterscheidet sich, sondern auch deren Ausweis. Priips weist die Kosten auf Basis der voraussichtlichen Haltedauer und des prognostizierten Ertrags in Prozent pro Jahr aus. Mifid macht dazu keine eindeutige Vorgabe, verlangt aber, Kostenschwankungen und -spitzen zu veranschaulichen. Das wird derzeit so interpretiert, dass die Kosten für das Jahr darzustellen sind, in dem sie tatsächlich anfallen. Das heißt wiederum, dass die Kosten eben nicht als jährliche (Durchschnitts-) Kosten angegeben werden.

„Letztlich erhält man exakte, aber absurde Ergebnisse“, sagt Kuper. „Man muss schon Fachmann sein, um die Zahlen richtig einzuordnen. Warum diskutiert man jahrelang über diese Richtlinien, um am Ende zu Ergebnissen zu gelangen, die mit viel Kosten und Aufwand berechnet werden, aber niemandem nützen und mehr Verwirrung stiften als aufklären?“

Was nicht passt, wird passend gemacht

Zudem verursacht die Implementierung Kosten. Gemäß Priips müssen die Transaktionskosten als jährlicher Durchschnitt der vergangenen drei Jahre ermittelt werden. Dafür aber fehlen die Daten, denn niemand hat mehr Kurse oder Zeitstempel von Orders aus dem Jahr 2015 umfassend parat. Denn niemand wusste, dass man sie brauchen würde. Deshalb darf nun mit Eröffnungs- oder Schlusskursen gerechnet werden. „Daraus ergeben sich naturgemäß gewaltige Verzerrungen, da gegebenenfalls die Marktbewegung eines ganzen Börsentages in die Rechnung mit einfließt. Das Ergebnis hat nichts mit den eigentlichen Transaktionskosten zu tun“, erklärt Kuper.

Auch andere Aspekte lassen die Angaben zweifelhaft werden. So ist etwa nicht geklärt, welcher Handelsplatz für den „Arrival Price“ zugrunde gelegt werden muss. Gerade im Rentenhandel aber können die Preise an den Handelsplätzen deutlich voneinander abweichen. „In der Praxis verwenden einige eine Datenquelle, andere gewichten Daten mehrerer Anbieter oder Handelsplätze. Für identische Transaktionen werden unterschiedliche Preise für die Berechnung angesetzt. Das passt hinten und vorne nicht zusammen.“

Missachtung der eigenen Warnungen

Der BVI möchte den für 2020 vorgesehenen Start der Priips-Pflicht für alle deutschen Publikumsfonds gern um zwei Jahre verschieben. Bislang gilt die Richtlinie nur für fondsgebundene Versicherungen. Der BVI fürchtet, dass unterschiedliche Kostenangaben in unterschiedlichen Informationsblättern Verwirrung stiften und die Rufverbesserung in puncto Transparenz gefährden. Zudem stört er sich an der Verpflichtung, vier Szenarien für die künftige Wertentwicklung aufstellen zu müssen.

Diese greifen zwangsläufig auf Daten aus der Vergangenheit zurück. Nicht umsonst aber steht in Fondsunterlagen, dass Angaben zur Vergangenheit keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zulassen. „Beispielsweise würden nach einem mehrjährigen Börsenaufschwung und anschließendem Einbruch der Kurse die Szenarien zu positiv ausfallen und damit die aktuelle Entwicklung ignorieren. Hier droht eine bewusste Fehlinformation der Anleger.“

Quelle: F.A.Z.
Martin Hock
Redakteur in der Wirtschaft.
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