Finanzkrise in Sicht?

„Die Situation erinnert an 2006“

Von Gerald Braunberger
 - 11:30

Ariel Bezalel ist ein Mann mit Erfahrung. Nicht nur arbeitet er seit 20 Jahren für die britische Fondsgesellschaft Jupiter, in der er heute als Leiter der Strategie für Anleihemärkte und als Fondsmanager tätig ist. Bezalel bezeichnet sich auch als einen begeisterten Leser, der Bücher über Finanzgeschichte zu seiner Lieblingslektüre zählt. Sehr weit muss der Brite allerdings in der Geschichte nicht zurückgehen, um angesichts der aktuellen Lage an den Anleihemärkten Unbehagen zu empfinden. „Die heutige Situation erinnert an das Jahr 2006“, sagte Bezalel in einem Gespräch mit der F.A.Z.. 2006 war bekanntlich das Jahr vor dem Ausbruch der jüngsten Finanzkrise.

Und ebenso wie damals sieht Bezalel heute Gefahrenpotential auf der anderen Seite des Atlantiks: „Die größten Risiken sehe ich heute in den Vereinigten Staaten, wo die Verschuldung von Konsumenten und Unternehmen hoch ist und es Anzeichen für eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums gibt. Daraus entstehen Risiken auch für den Rest der Welt, denn es gilt immer noch: Wenn Amerika hustet, wird der Rest der Welt krank.“ Diese Aussichten veranlassen die Strategen im Hause Jupiter, vorsichtig zu werden.

Das lässt sich zum Beispiel anhand des im Jahre 2012 aufgelegten und heute 10 Milliarden Euro umfassenden Fonds „Jupiter Dynamic Bonds“ zeigen, den Bezalel in seinen ersten Jahren vor allem mit Blick auf die Rendite führte. Das funktionierte auch gut, denn zwischen 2012 und 2016 weist der Fonds einen Wertzuwachs von 34,6 Prozent aus gegenüber einem Zuwachs von durchschnittlich 21,7 Prozent für ähnlich ausgerichtete große Anleihen-Fonds. Nun ändert Bezalel die Ausrichtung: „Für uns ist jetzt die Zeit gekommen, die Risiken in den Fonds zu verringern und mehr auf die Qualität der Anlagen zu achten. Daher haben wir unsere Bestände an Hochzinsanleihen reduziert.“ Zudem hält der Fonds jetzt mehr Papiere mit kurzen Restlaufzeiten – eine typische Strategie an Anleihemärkten, um Risiken zu verringern.

„Gehe davon aus, dass wir noch längere Zeit mit niedrigen Zinsen leben müssen“

Denn heute ist es ist für Fondsmanager schwierig, günstig einzukaufen. „Derzeit sind alle Anlagen teuer“, klagt Bezalel. „Das macht es schwer, Mehrwert zu liefern.“ Beispiele für Überbewertungen sind leicht zu finden: „Europäische Hochzinsanleihen rentieren so niedrig wie zehnjährige amerikanische Staatsanleihen. Das ist kein Argument für den Kauf der europäischen Anleihen.“ Ebensowenig gefällt Bezalel, was er gegenwärtig am Markt für amerikanische Unternehmensanleihen sieht, wo sich viele Unternehmen hoch verschulden können und die Gläubiger bereit sind, Unternehmen Geld zu leihen, die kein Geld verdienen. Bezalel schüttelt den Kopf, wenn er sieht, wie leicht es Unternehmen wie Tesla oder Netflix fällt, Anleihen zu begeben. Wenn überhaupt, könne man von solchen Unternehmen eher Aktien als Anleihen kaufen. Allerdings hält der Brite auch den amerikanischen Aktienmarkt für sehr teuer. Einen Grund für die hohen Preise an den Finanzmärkten sieht er in einer lockeren Geldpolitik. Den angekündigten Versuch der Notenbank Fed, bald mit der Reduzierung ihrer Anleihebestände zu beginnen, sieht er mit Argusaugen. Niemand wisse, was dann am Anleihemarkt geschehe, gibt er zu bedenken.

Aber warum werden so viele Wertpapiere zu vermeintlich zu hohen Preisen gekauft? Bezalel kennt eine Antwort: „Viele Institutionelle kaufen nicht zu diesen hohen Preisen, weil sie kaufen wollen. Sie kaufen, weil sie das Geld ihrer Kunden anlegen müssen.“ Zudem ist die Ansicht weit verbreitet, dass sich am gegenwärtigen Umfeld so schnell nicht viel ändern wird. „Ich gehe davon aus, dass wir noch längere Zeit mit niedrigen Zinsen leben müssen“, vermutet der Anlagestratege. Aber irgendwo müssen Fondsmanager Renditen erzielen. „Wenn wir heute attraktive Renditen suchen, gehen wir in die Schwellenländer. Aber Vorsicht: Nicht alle Schwellenländer sind attraktiv“, sagt Bezalel, der zum Beispiel nicht begeistert von Anleihen in Argentinien ist. Dafür findet er in Asien interessante Anlageziele: „Uns gefällt zurzeit Indien sehr gut. 8 Prozent unseres Fonds sind jetzt in Indien investiert. Dort sind trotz Wirtschaftswachstums weitere Zinssenkungen möglich, die Verschuldung ist niedrig, und die Regierung betreibt eine wirtschaftsfreundliche Politik.“

Wo könnte eine neue Krise am ehesten ausbrechen?

Wo könnte eine neue Krise am ehesten ausbrechen? Der Konsum in den Vereinigten Staaten sei seine größte Sorge, meint der Anlagestratege. Denn der Konsum trage zu rund 70 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, und im Durchschnitt seien die amerikanischen Konsumenten hoch verschuldet. Er könne in den Vereinigten Staaten Anzeichen für eine konjunkturelle Verlangsamung erkennen; offenbar befinde sich die Wirtschaft dort in der Spätphase des Konjunkturzyklus. Eine Steuerreform erscheint Bezalel zunehmend wenig wahrscheinlich.

In der Eurozone sehe es derzeit sehr gut aus. Im vergangenen Jahr habe der Fonds in Pflichtwandelanleihen europäischer Banken investiert, in der Zwischenzeit aber auch das Risiko reduziert. Denn wenn es im Moment auch gut laufe, so gebe es in der Eurozone immer auch Gründe für Sorgen. Befragt, was für ihn in einer solch unsicheren Welt als sichere Anlage angesehen werden könnte, hat Bezalel eine sehr traditionelle Antwort parat: „Die sichere Anlage unter den Wertpapieren bleiben die amerikanischen Staatsanleihen. Daneben ist es für Anleger nicht schlecht, etwas Gold zu besitzen.“

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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