Kryptowährung

Die Bitcoin-Blase

Von Thomas Klemm
 - 10:40

Sobald die Rede auf Digitalwährungen wie Bitcoin kommt, dann geht die Erzählung unter Finanzexperten oft so: Eine solche Kryptowährung, die aus einer verschlüsselten Zahlenreihe besteht, die nicht alle wichtigen Funktionen des Geldes erfüllt und die kaum jemand versteht, werde eher früher als später verschwinden. Überleben wird lediglich die hinter Bitcoin stehende Technologie, die Datenkette Blockchain. Denn sie taugt dazu, viele Prozesse einfacher, schneller und sicherer zu machen und somit die gesamte Finanzbranche nachhaltig zu verändern. Inzwischen wird allerdings immer deutlicher, dass diese in der Vergangenheit marktgängige Einschätzung nur die halbe Wahrheit widerspiegelt. Denn allen Mahnungen zum Trotz ist Bitcoin nicht totzukriegen. Im Gegenteil. Im neunten Jahr ihres Bestehens rückt die Digitalwährung immer stärker ins Blickfeld von Investoren.

Nach seiner Einführung 2008 wurde Bitcoin, der jeweils aus einem Code von 51 Zeichen besteht und von privaten Nutzern und Computernetzwerken in aller Welt geschaffen wird, zunächst nur von Technikfreaks, Anarchisten und Libertären begeistert begrüßt. Sie lehnen das von Zentralbanken geschöpfte Geld und Währungsmanipulationen von oben herab ab. Inzwischen lassen sich jedoch massenhaft Leute dazu hinreißen, in der Digitalwährung eine Geldanlage der Zukunft zu sehen. Viele derer, die seit Monaten wie wild auf den Bitcoin setzen und seinen Wert in ungeahnte Höhen treiben, verstehen allerdings bestenfalls in Ansätzen, was die Währung ausmacht und wie sie funktioniert. So etwas kann man einen Hype nennen oder eine Blase. Und man kann sich fragen: Sind diese Investoren irre geworden?

Wertzuwachs um 600 Prozent

Während in der Welt echter Devisen darüber diskutiert wird, warum der Euro in diesem Jahr gegenüber dem Dollar um 15 Prozent zugelegt hat, staunt in der digitalen Währungswelt kaum noch jemand, dass Bitcoin innerhalb eines Jahres um sage und schreibe 600 Prozent an Wert gewonnen hat. Jüngst ist ein Bitcoin erstmals mehr als 5000 Dollar wert gewesen und damit 16-mal so viel wie Anfang 2015. Und weil Bitcoin eine Art digitale Leitwährung ist, wurden ähnliche Währungen wie Ether und Ripple mitgezogen. Insgesamt 15 Milliarden Dollar haben Anleger allein in der vorvergangenen Woche in die zehn größten Kryptowährungen investiert.

Und auch die Aktienkurse von Unternehmen, die mit Digitalwährungen ihr Geld verdienen, schießen nach oben. So hat die Aktie der Bitcoin Group SE, die in Deutschland die einzige regulierte Bitcoin-Börse betreibt, allein in den vergangenen drei Monaten mehr als 600 Prozent gewonnen. An manchen Tagen der zurückliegenden Woche war sie an deutschen Börsen sogar der nach Umsatz am meisten gehandelte Wert – vor gestandenen Dax-Unternehmen wie Daimler, Deutsche Bank und Siemens. Aktuell kommt die Bitcoin Group, die im vergangenen Jahr einen Umsatz von gerade einmal 1,13 Millionen Euro auswies, auf einen Börsenwert von rund 260 Millionen Euro. Solche Bewegungen und Bewertungen wie derzeit rund um den Bitcoin erinnern verdächtig an den Neuen Markt, der Anleger um die Jahrtausendwende erst zu kühnen Träumen verleitete und dann mit einem bösen Erwachen endete.

An Mahnungen vor einer Bitcoin-Blase mangelt es nicht: Zentralbanken und Aufsichtsbehörden, die den Handel mit Kryptowährungen dulden, warnen ebenso vor dem „Spekulationsobjekt“ wie die Bundesbank und hochdekorierte Ökonomen, denen Bitcoin auch nicht geheuer ist. Als „Warner Brothers“ wird die Allianz der Skeptiker von der Bitcoin-Gemeinde verspottet. Doch so einfach lassen sich Vergleiche zwischen dem irrwitzigen Bitcoin-Boom und Finanzblasen wie der Tulpenmanie 1637 und der Internetblase 1999 nicht abtun.

Regierung und Notenbanken haften nicht für die Währung

Schließlich garantieren – anders als beim herkömmlichen Geld – weder Regierungen noch Notenbanken für die privat geschöpfte Währung. „Naiv“ seien deshalb alle diejenigen, die viel Geld in Bitcoin steckten, schrieb der amerikanische Starinvestor Howard Marks unlängst an die Kunden seiner Vermögensverwaltung Oaktree Capital. Etwas zu kaufen, ohne sich um den Wert und den angemessenen Preis zu scheren, sei nichts als Zockerei, die einer Mode folgt.

Auch Starökonom Robert Shiller, wie Marks jenseits der 70 und damit kein Kind des digitalen Zeitalters, erkennt eine Blase. Allzu viele Leute ließen sich faszinieren von der Bitcoin-Story, die mit dem mysteriösen Erfinder Satoshi Nakamoto beginnt und in einer digitalen Verunsicherung mündet, sagte Nobelpreisträger Shiller dieser Tage in einem Interview. Shillers Wort wird stets gehört, da er einer der führenden Forscher zur Entwicklung von Kapitalmarktpreisen ist. Aber erhört werden seine Mahnungen vor einer Bitcoin-Blase längst nicht von allen.

Anleger kaufen einfach weiter. Warum sie das tun, das lässt sich zumindest fundamental nicht erklären. Anders als herkömmliche Währungen entwickelt sich der Wert von Bitcoin unabhängig von Inflations- und Wachstumserwartungen; eine Geldpolitik existiert nicht in dem dezentralen System. Eine mögliche Erklärung für den Hype ist, dass die japanische Zentralbank im Frühjahr Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel anerkannt hat. Seither können Japaner in immer mehr Geschäften mit der Digitalwährung bezahlen und haben an den Bitcoin-Börsen die Chinesen als eifrigste Käufer und Verkäufer der Welt abgelöst. Auch die australische Notenbank steht kurz davor, Bitcoin zu erlauben und nicht nur zu dulden.

Investoren reagieren demonstrativ entspannt

Dass die massive Nachfrage nach Bitcoin, aus welchen Gründen auch immer, derzeit eine Blase entstehen lässt, das bestreiten nicht einmal diejenigen, die mit dem Handel von Digitalwährungen ihr Geld verdienen. Allerdings reagieren sie nicht mit Alarmismus, sondern demonstrativ entspannt. Blasen, sagt Oliver Flaskämper von Deutschlands einziger regulierter Börse Bitcoin.de, habe die Digitalwährung in ihrer Geschichte schon einige hinter sich. Sie sind geplatzt, als kriminelle Machenschaften von Hackern, Verbindungen zur virtuellen Drogenszene oder Pleiten von Bitcoinbörsen bekannt wurden. „Es wird auch immer wieder Übertreibungen und Korrekturphasen geben“, sagt der deutsche Börsenchef Flaskämper, „doch die Schwankungen werden schwächer.“ Kurseinbrüche von 30 Prozent oder mehr, die vor ein, zwei Jahren noch üblich waren, sind seither passé. Die geringere Volatilität hat für DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier auch damit zu tun, dass viele Länder angefangen haben, Bitcoin zu regulieren und dadurch den Markt transparenter zu machen. Doch bleiben „die Schwankungen im Vergleich zu anderen Währungen weiter hoch“, sagt Bielmeier. Für Anleger, die ein verlässliches Finanzprodukt suchen, bleibt Bitcoin ungeeignet, ein wahres Teufelszeug.

An schlechten Nachrichten, die den Bitcoin-Kurs hätten abstürzen lassen können, hat es in den vergangenen Monaten nicht gemangelt. Anfang August endete ein in der Bitcoin-Gemeinde lange schwelender Streit mit einer Abspaltung. Seither gibt es zusätzlich zu Bitcoin auch die Digitalwährung Bitcoin Cash. Vor der Abspaltung war davon ausgegangen worden, dass es zu einem heftigen Kurssturz und nachhaltigen Vertrauensverlust kommen würde. Aber passiert ist das Gegenteil: Nach einer vorübergehenden Korrektur stieg der Bitcoin-Kurs auf neue Rekordhöhen. Auch als die chinesische Zentralbank vor wenigen Tagen ein Machtwort sprach und es Unternehmen untersagte, sich über neu geschaffene Digitalwährungen Mittel zu beschaffen, zuckten die Anleger nur kurz.

Bitcoin erweist sich als zählebig

Allen Zweiflern zum Trotz erweist sich Bitcoin bislang nicht nur als zählebig, sondern erfreut sich sogar unter professionellen Vermögensverwaltern zunehmender Beliebtheit. Es ist halt viel Geld auf dem Markt, das irgendwie investiert werden will. Einen Teil des Kapitalstroms will die Liechtensteiner Investmentgesellschaft Incrementum zu sich leiten, indem sie wohl noch in diesem Jahr den ersten europäischen Kryptowährungsfonds auflegt. Darin werden verschiedene Digitalwährungen gebündelt, um ein Mindestmaß an Diversifikation zu garantieren. Denn auch wenn sie alle in die gleiche Rubrik fallen, unterscheiden sich Sinn und Zweck der Kryptowährungen doch mitunter sehr. Bitcoin wurde ursprünglich als Zahlungsmittel erfunden, hat sich aber im Laufe der Jahre zu einer Anlageklasse entwickelt. Die zweitgrößte Währung Ether dagegen ist im Prinzip nur dazu gedacht, die Plattform Ethereum zu unterhalten, über deren Blockchain Verträge aller Art digital abgebildet und kontrolliert werden können. Die viertgrößte Währung Ripple der gleichnamigen Firma fungiert nur als Brückenwährung im internationalen Zahlungsverkehr.

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Der Liechtensteiner Fonds wird ausschließlich professionellen Anlegern vorbehalten sein, ebenso wie ein Schweizer Kryptowährungsfonds, der bereits einige institutionelle Investoren für sich gewinnen konnte und auf die Start-Genehmigung durch die Börsenaufsicht wartet. Und in den Vereinigten Staaten arbeiten die Winklevoss-Zwillingsbrüder Cameron und Tyler weiter beharrlich daran, von der New Yorker Aufsichtsbehörde im nächsten Anlauf die Genehmigung für ihren Bitcoin-ETF zu erhalten. Sollte es so weit kommen, ist sich Flaskämper sicher, werde dies enorme Auswirkungen auf die Wertsteigerung von Bitcoin haben: „Denn ein ETF eröffnet Möglichkeiten, Bitcoin ins normale Wertpapierdepot zu legen.“

Mutige Anleger glauben nicht an Modeerscheinung

Auch Flaskämper selbst bekommt es immer öfter mit institutionellen Anlegern und Family Offices zu tun, die das Geld hochvermögender Familien anlegen und nach lukrativen Vermögensklassen suchen. Dabei stoßen sie auf das „digitale Gold“, von dem die Bitcoin-Verfechter so gerne sprechen, und empfehlen, fünf bis zehn Prozent eines Portfolios in Bitcoin anzulegen. Quasi als eine Depot-Absicherung, wie sie auch Gold verspricht. Der Vergleich zwischen einem unbegreiflichen Zifferncode und dem seltenen Edelmetall mag ein wenig verrückt klingen, ist aber nicht ganz abwegig: Wie Gold, so hat auch die auf 21 Millionen begrenzte Bitcoinmenge keinerlei wechselseitige Beziehung zu anderen Anlageklassen wie Aktien, Anleihen oder Rohstoffen. Das heißt, wenn Aktien- oder Anleihemärkte abstürzen, bleiben die Auswirkungen auf Bitcoin überschaubar. Wer also meint, dass digitales Geld zu einer digitalen Welt gehört, der kann sein Portfolio mit Bitcoin etwas breiter aufstellen. Aber Achtung, mahnt der Experte Flaskämper: „In Bitcoin sollte wirklich nur investieren, wer das System versteht und daran glaubt.“

Mutige Anleger gehen außerdem eine Wette darauf ein, dass Kryptowährungen keine Modeerscheinung sind, die viele Investoren eine Zeitlang schick finden, sondern dass sie auch in Zukunft noch existieren. Sicher ist das keineswegs. Zwar werden die Digitalwährungen aufgrund ihrer geringen Bedeutung von den Regierungen und Zentralbanken noch geduldet. Aber sollte der Krypto-Markt an Größe und im Finanzsystem an Bedeutung gewinnen, dann könnten die jetzt schon argwöhnischen Politiker und Geldpolitiker prompt reagieren und Bitcoin den Garaus machen. Dann wäre der Spaß vorbei. Oder der Spuk, je nachdem, von welcher Seite man es sieht.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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