Nebenwerte im Portrait (13)

Blue Prism bringt den Roboter ins Büro

Von Marcus Theurer, London
 - 11:49

Der Begriff sagt nur Fachleuten etwas: Robotics Process Automation heißt das Geschäft, in dem der britische Softwarehersteller Blue Prism aktiv ist. Fotos von Robotern, die in Montagehallen von Industrieunternehmen Autokarosserien zusammenschweißen, hat jeder schon einmal gesehen. Die „Software-Roboter“, die Blue Prism programmiert, machen quasi dasselbe, nur nicht am Fließband, sondern im Büro. Sie sollen menschliche Sachbearbeiter ersetzen, die in Unternehmen und Behörden monotone, stark regelgeleitete Verwaltungstätigkeiten mit geringen Entscheidungsspielräumen erledigen – nur mit dem Unterschied, dass die Roboter-Kollegen fehlerfrei, rund um die Uhr und ohne zu ermüden arbeiten. Zu den Kunden von Blue Prism zählen Großunternehmen wie der Telekommunikationskonzern O2 und die britische RWE-Tochtergesellschaft N Power.

Blue Prism wurde 2001 gegründet und ist damit einer der Pioniere auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz. Seit März 2016 ist das Unternehmen im Start-up-Segment AIM der Londoner Börse notiert. Die Kursentwicklung seither ist spektakulär: Beim Börsengang wurde das Unternehmen mit 57 Millionen Pfund bewertet, die Erstnotiz betrug 1,02 Pfund je Aktie. Heute ist das Blue Prism gut 900 Millionen Pfund wert, der Aktienkurs hat sich, trotz Einbußen in den vergangenen Wochen, auf mehr als 13 Pfund vervielfacht. Davon profitiert haben institutionelle Anleger wie die Versicherung Old Mutual und der Vermögensverwalter Schroders, die Großaktionäre von Blue Prism sind. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende Alastair Bathgate hält weiterhin 9 Prozent am Unternehmen.

Der Umsatz ist immer noch bescheiden

Die Kursgewinne sind also schwindelerregend. Aber sind sie auch gerechtfertigt? Der Umsatz steigt zwar rasant, ist aber immer noch bescheiden: Für das erste Halbjahr 2016/2017 (30. April) weist Blue Prism Erlöse von 9,4 Millionen Pfund aus. Das ist mehr als doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum und annähernd so viel im Gesamtjahr 2015/2016. Neuere Geschäftszahlen wurden bisher nicht veröffentlicht. Profitabel ist Blue Prism aber noch lange nicht. Im Gegenteil: die Verluste steigen stark. Für das erste Halbjahr meldete das Unternehmen netto einen Fehlbetrag von 3,1 Millionen Pfund.

Für das Gesamtjahr stellte der Softwarehersteller kürzlich einen operativen Verlust (Ebitda) von gut 7,3 Millionen Pfund in Aussicht. Das Management begründet die Verluste vor allem mit hohen Wachstumsinvestitionen. So ist Blue Prism in den Vereinigten Staaten stark auf Expansionskurs. Die Geschäftszahlen zeigen allerdings auch: An der Börse haben die Briten und ihr Heer der Software-Roboter jede Menge Vorschusslorbeer eingeheimst.

European Small and Midcap Award

Die Europäische Kommission hat sich die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen zum Ziel gemacht. Dazu vergibt sie unter anderem jährlich gemeinsam mit dem europäischen Börsenverband FESE und Europeanissuers, dem Verband der börsennotierten Unternehmen die „European Small and Midcap Awards“.

Blue Prism wurde im November der „Star of Innovation“ verliehen. Dieser geht an ein neu börsennotiertes, mittleres Unternehmen, das „Innovation in das Zentrum seiner strategischen Entwicklung stellt“.

Quelle: F.A.Z.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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