Südamerika

Argentinien und Brasilien ringen um Stabilität

Von Carl Moses, Buenos Aires
 - 13:27

Zum Jahresanfang sah alles noch höchst vielversprechend aus für die Börsen in Brasilien und Argentinien. Die beiden größten Volkswirtschaften Südamerikas schienen auf gutem Weg zu einer kräftigen Konjunkturerholung. Doch inzwischen ticken beide Märkte abermals im Krisenmodus.

Die Konjunktur bricht ein. Der brasilianische Real hat seit Jahresanfang 12 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet, Argentiniens Peso gar um 40 Prozent. Am Montag allein gab der Peso gegen den Dollar um 2,7 Prozent auf 26 Pesos nach.

Brasilianische Aktien haben in Dollar 18 Prozent an Wert verloren, argentinische Titel sind mit minus 23 Prozent noch stärker getroffen. Schuld an dieser Entwicklung ist nicht allein der Anstieg der Zinsen in Amerika und die globale Aufwertung des Dollars, die auch andere Schwellenländer in Bedrängnis gebracht hat. In Argentinien und vor allem in Brasilien sind es mehr noch interne Faktoren, die den Finanzmarkt aus dem Tritt gebracht haben.

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Argentinien war aufgrund seiner hohen Defizite im Staatshaushalt und in der Leistungsbilanz von jeweils rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) durch steigende Zinsen in den Vereinigten Staaten besonders verwundbar. Entscheidend verstärkt wurde diese Verwundbarkeit allerdings durch dürrebedingte Ernte- und Exportausfälle, eine erratische Geld- und Währungspolitik sowie durch einen Frontalangriff der peronistischen Oppositionsmehrheit im Parlament auf die Sparpolitik des konservativen Präsidenten Mauricio Macri.

Verfrühter Hilferuf an den IWF?

Als Macri im Mai überraschend den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe bat, machte sich erst recht Krisenstimmung breit. Ein kalter Hauch von 2001, dem Jahr der schwersten Wirtschaftskrise Argentiniens, wehte durch das Land. Doch nach der unerwarteten großzügigen Kreditzusage durch den IWF in der vergangenen Woche hat sich der Horizont für die Anleger in Argentinien schon wieder aufgehellt.

Mit den 50 Milliarden Dollar, die der Währungsfonds bereitstellt, wäre Argentiniens Finanzbedarf bis zum Ende der Amtszeit Macris im Dezember 2019 selbst dann gedeckt, wenn das Land überhaupt keinen Zugang zum freien Kapitalmarkt mehr hätte.

So schwarz sah es freilich gar nicht aus für das Pampaland. Etliche Ökonomen schimpfen sogar, die Regierung habe den IWF verfrüht angerufen und damit die Bevölkerung und die Investoren verschreckt, zumal der Fonds in Argentinien einen denkbar schlechten Ruf hat. David Tawil, Präsident von Maglan Capital, halt das IWF-Paket sogar für kontraproduktiv. Es stellten sich Fragen, warum so ein großes Paket notwendig sei und ob Argentinien die Bedingungen des IWF werde einhalten können und es langfristig dem Land nicht eher schade als nutze.

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Inzwischen überwiegt freilich die Zustimmung zu Macris politisch mutigem Schritt. Zumal die mit dem IWF vereinbarten Inflations- und Haushaltsziele für die nächsten Jahre als ambitioniert, aber durchaus erreichbar gelten. Am ersten Handelstag nach der Verkündung des IWF-Abkommens erholten sich die Aktienkurse um mehr als 4 Prozent.

Der Wechselkurs des Peso, der jetzt nicht mehr von der Zentralbank gestützt werden soll, gab freilich weiter nach. Etliche Ökonomen halten den Peso immer noch für hoch bewertet. Das IWF-Paket sei „eine positive Überraschung“, kommentierte Pilar Tavella, Argentinien-Fachfrau bei Barclays. Jetzt komme es allerdings darauf an, dass die Regierung bei der Opposition Rückhalt für das IWF-Abkommen finde, erklärte Tavella. „Das ist unsere Hauptsorge.“

Auf den Straßen drohen Streiks und Blockaden, im Parlament droht die Ablehnung des IWF-Programms durch die Oppositionsmehrheit. Allerdings gibt es auch Stimmen in der Opposition, die den Gang zum IWF zwar kritisieren, aber bereit sind, „der Regierung die nötigen Instrumente in die Hand zu geben, damit es dem Land gutgeht“, wie es der peronistische Präsidentschaftsbewerber Juan Manuel Urtubey ausdrückte.

Argentinien MerVal

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Zur Nagelprobe wird die Verabschiedung des Haushalts für 2019. Am argentinischen Aktienmarkt sehen Fachleute jetzt eine Bodenbildung und Einstiegsmöglichkeiten für mutige Anleger. Mit Spannung erwartet wird überdies, ob die Indexfirma MSCI Argentinien demnächst wieder von einem „marginalen Markt“ zum „Schwellenmarkt“ heraufstuft. Das würde mittelfristig Zuflüsse von 5 Milliarden Dollar an die Börse von Buenos Aires bewirken, meint der Börsenhändler Cohen.

In Brasilien ist von Entwarnung bisher keine Spur. Zwar verfügt die Zentralbank über ausreichende Reserven und Instrumente, um den Kursverfall des Real zu stoppen. Doch der elftägige Streik der Fernfahrer hat nicht nur der Wirtschaft großen Schaden zugefügt, sondern auch das politische Klima mit Blick auf die im Oktober anstehenden Präsidentenwahl zusätzlich aufgeheizt.

Die Unsicherheit über den Ausgang der Wahl und den darauffolgenden Kurs der brasilianischen Wirtschaftspolitik ist so groß wie nie zuvor seit der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie. Die von Börsianern bevorzugten Kandidaten des konservativen Lagers erzielen bislang miserable Umfragewerte. Dem Risiko, dass ein Extremist von der rechten oder der linken Seite die Wahlen gewinnt, wird inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent beigemessen.

Je nach dem Ausgang der Wahl könne der Bovespa-Leitindex von aktuell rund 73.000 Punkten bis Jahresende auf 45.000 Punkte fallen oder auf 170.000 Zähler steigen, schätzt der Vermögensverwalter Canepa Asset Management. Sollte am Ende ein Kandidat der politischen Mitte vorne liegen, könnten mutige Anleger mit brasilianischen Aktien ihr Kapital in einem halben Jahr in Dollar mehr als verdoppeln, im ungünstigen Fall aber fast halbieren. Favoriten der Analysten sind exportstarke Unternehmen wie der Zellstoffproduzent Suzano oder der Bergbaukonzern Vale.

Quelle: F.A.Z.
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