Euler Hermes

Die stille Macht

Von Thomas Klemm
 - 09:51

Wenn es rumort auf der Welt, ist es eine gute Zeit für einen Kreditversicherer. Denn die allgemeine Unruhe ergreift auch deutsche Unternehmen, die sich momentan um ihre Exporte sorgen angesichts von Konflikten wie im Nahen oder Fernen Osten, protektionistischen Tendenzen in Amerika sowie politischen Turbulenzen wie in der Türkei. Um die in ihren Absatzmärkten lauernden Risiken einschätzen zu können und böse Überraschungen zu vermeiden, suchen Exportfirmen vermehrt die Rückendeckung durch Kreditversicherer.

Sie sollen ihnen sagen, in welchen Ländern, Sektoren und Unternehmen womöglich Zahlungsverzug oder gar Zahlungsausfälle wegen Firmenpleiten drohen, und am besten auch noch die Risiken für Auslandsgeschäfte absichern. Unruhige Zeiten, wie sie Amerikas Präsident Trump und der türkische Staatschef Erdogan der Welt bescheren, sind also gute Zeiten für Euler Hermes, den größten Kreditversicherer der Welt: Er verdient kräftig an der Nervosität der anderen. „Volatilität bedeutet Risiko, und Risiko hat seinen Preis“, sagt Ron van het Hof, der bei Euler Hermes die Geschäfte im deutschsprachigen Raum verantwortet: „Wir nehmen einige Risiken der Unternehmen in unsere Bilanz und bekommen dafür eine Prämie.“

Eine solche Analyse und gegebenenfalls Absicherung von deutschen Exporten leisten auch andere Kreditversicherer. Das Einzigartige an Euler Hermes dagegen ist: Sollte ihm ein Risiko als zu groß erscheinen und er eine Absicherung ablehnen, hat der Kreditversicherer sogleich eine Alternative quasi aus dem eigenen Haus parat: Denn Euler Hermes arbeitet nicht nur für Exportfirmen, sondern daneben auch exklusiv im Auftrag des deutschen Staates: Gemeinsam mit der Unternehmensberatung Pricewaterhouse Coopers bearbeitet Euler Hermes für die Bundesregierung die sogenannten Hermes-Bürgschaften. Diese Kreditgarantien ermöglichen es deutschen Exporteuren, sich gegen wirtschaftliche und politische Risiken vor allem in Ländern außerhalb der OECD abzusichern. Geht beispielsweise ein Geschäftspartner in China pleite, deckt der Bundeshaushalt die unbezahlten Rechnungen.

Herausforderungen für die deutschen Exportwirtschaft

Es mutet ein wenig merkwürdig an, dass die Bundesregierung nicht alle Fäden ihrer Außenhandelspolitik selbst in der Hand hält, sondern auf Rat und Tat eines deutsch-französischen Kreditversicherers setzt. Einem Unternehmen zumal, das an der Pariser Börse notiert ist und mehrheitlich dem Allianz-Konzern gehört. Doch zum einen mag der deutsche Staat nicht Hundertschaften von Beamten damit beschäftigen, das geschäftliche Risiko in einzelnen Ländern und Branchen penibel zu analysieren.

Zum anderen hat sich die Zusammenarbeit mit Euler Hermes, die 1949 begann und seither nie neu ausgeschrieben wurde, für den Bund bezahlt gemacht: Weil der Kreditversicherer viel mehr an Risikoprämien einnimmt, als er für Schadensfälle ausgeben muss, sind dem Bundeshaushalt seit Einführung der Hermes-Deckungen vor knapp 70 Jahren 5,4 Milliarden Euro zugeflossen. Darauf ist man in Hamburg, wo Euler Hermes seinen Deutschlandsitz hat und wo sich rund ein Drittel der 1200 Mitarbeiter mit den Hermes-Bürgschaften beschäftigen, mächtig stolz. Als „Navigator der Wirtschaft“ bezeichnet der niederländische Deutschland-Chef van het Hof sein Unternehmen. Anders ausgedrückt: Euler Hermes ist eine stille Großmacht der deutschen Exportwirtschaft.

Beim Blick auf die Hermes-Bürgschaften könnte man sich allerdings ein wenig Sorgen machen: Denn obwohl Deutschlands Firmen stark exportieren, gehen die staatlichen Deckungen seit Jahren zurück. Wurden 2010 noch Ausfuhren im Wert von 32,5 Milliarden Euro abgesichert, so waren es im vergangenen Jahr nur noch 20,6 Milliarden Euro. Muss man also um den Erfolg der deutschen Exportwirtschaft fürchten? „Sie kämpft mit Herausforderungen“, sagt Edna Schöne, im Vorstand von Euler Hermes für die Hermes-Deckungen zuständig. Eine große Herausforderung ist die Türkei: Weil die Beziehung zu Erdogan angespannt ist, hat die Bundesregierung jüngst beschlossen, die Hermes-Bürgschaften für Türkei-Geschäfte auf 1,5 Milliarden Euro zu begrenzen. Das ist eine Mahnung an Erdogan, dass politische Provokation Folgen für die Investitionen hat, die die Türkei dringend braucht.

Vor allem Unternehmen aus China und Griechenland

Dass das Volumen der staatlichen Exportkreditgarantien insgesamt zurückgegangen ist, liegt vor allem daran, dass deutsche Firmen bei internationalen Großprojekten, beispielsweise in der Erdgasförderung oder beim Bau von Flugzeugen oder im Stahlwerksbau in letzter Zeit oft das Nachsehen haben. Ein Grund hierfür ist, dass Unternehmen aus anderen Ländern, allen voran aus Asien, deutlich günstigere Konditionen bieten, bei Investitionen in andere Länder zu vielen Zugeständnissen bereit sind und schnell handeln. Zudem stellen andere Länder weniger hohe Anforderungen bei der Exportfinanzierung. In Deutschland wird ein Projekt in der Regel nur dann gefördert, wenn 51 Prozent der Wertschöpfung im Inland erzielt werden. Um der forschen internationalen Konkurrenz zu trotzen, erlaubt die Bundesregierung in Ausnahmefällen allerdings auch einen höheren Auslandsanteil, vor allem um „strategische Großaufträge“ zu unterstützen.

So bedeutend für Euler Hermes die Mitarbeit an der staatlichen Ausfuhrförderung ist: Den überwiegenden Teil des Umsatzes von zuletzt 2,6 Milliarden Euro macht das Unternehmen, das am kommenden Samstag sein 100-jähriges Bestehen feiert, direkt mit den Unternehmen. Allein in Deutschland sind Auslandsgeschäfte von 220 Milliarden Euro versichert. Allerdings liefen die Geschäfte des Kreditversicherers in den vergangenen Jahren eher mäßig, weil die wichtigsten Märkte im deutschsprachigen Raum sowie in Frankreich und Nordeuropa ziemlich gesättigt sind.

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Die Erholung der Weltwirtschaft kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in einer Reihe von Ländern wie China und Brasilien sowie manchen Branchen rumpelt. Zwar ist die Zahl der Insolvenzen in der Welt in den vergangenen drei Jahren deutlich zurückgegangen. Doch im ersten Quartal dieses Jahres haben 74 Konzerne Insolvenz angemeldet und damit 30 mehr als im Vorjahreszeitraum. Vor allem Konglomerate, die wegen ihrer Größe bisher als stabil galten, geraten öfter ins Wanken und ziehen andere Dienstleister mit sich. Von daher sei es nötig, „Unternehmen frühzeitig zu warnen, dass ihr Weg womöglich geradewegs in den Fluss führt und dass dabei die Gefahr besteht, nass zu werden oder unterzugehen“, sagt Ron van het Hof.

Hinzu kommt, dass es um die Zahlungsmoral in vielen Ländern nicht gut bestellt ist. Vor allem Unternehmen aus China (89 Tage) und Griechenland (88 Tage) lassen sich laut Euler Hermes reichlich Zeit, um Forderungen zu erfüllen. Solch eine Verzögerung kann Exportunternehmen aus Deutschland in eine unangenehme Lage bringen, gegen die sie sich wappnen wollen. Gut für Euler Hermes: Jahrelang standen die Versicherungsprämien unter Druck, weil die geopolitischen Risiken vorhersagbar schienen. Nun stabilisieren sich die Prämien der Kreditversicherer, der neuen globalen Unruhe sei Dank.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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