Enorme Wertsteigerung

Eurofins ist Europas beste Aktie

Von Christian Schubert, Paris
 - 11:23

Wer träumt nicht davon, vor vielen Jahren eine Apple- oder eine Amazon-Aktie gekauft zu haben, um heute auf eine sagenhafte Wertsteigerung zu blicken? Doch man braucht Amerika für traumhafte Renditen gar nicht – in Europa finden sie sich auch.

Eurofins Scientific SE, eine Labor-Gruppe für Analyseverfahren in der Pharma-, Nahrungsmittel-, Umwelt- und Konsumgüterindustrie, kommt auf ähnlich gute Ergebnisse: Die gesamte jährliche Wertsteigerung für die Eurofins-Aktionäre (Kurserhöhungen und Dividenden) erreichte in den vergangenen zwanzig Jahren durchschnittlich 33,3 Prozent.

Keine andere europäische Aktie hat sich in diesem Zeitraum besser entwickelt. Wer 1997 die Summe von umgerechnet 3500 Euro investierte, genießt heute ein Vermögen von einer Million Euro. 1997 kam die Eurofins-Aktie zum Kurs von umgerechnet 1,83 Euro an die französische Börse, heute ist sie rund 540 Euro wert und verleiht dem Unternehmen mit seinen 30.000 Mitarbeitern eine Kapitalisierung von knapp 9,2 Milliarden Euro.

Die Londoner Beratungsgesellschaft Marten & Co hat im Auftrag von Eurofins alle börsennotierten Unternehmen in 24 Ländern Europas sowie in den Vereinigten Staaten durchforstet – insgesamt 24.000 Papiere. Sie fand nach eigenen Angaben keine bessere europäische Aktie als Eurofins.

Marten bezeichnet sich als unabhängige Research-Firma, die von ehemaligen Investmentbankern 2012 gegründet wurde und heute 35 Mitarbeiter beschäftigt. Nach ihren Berechnungen schlägt das Eurofins-Papier mit seiner durchschnittlichen Wachstumsrate pro Jahr von einem Drittel im weltweiten Vergleich selbst Amazon und Google. Nur zwei Aktien liefen in den vergangenen 20 Jahren nach Angaben von Marten besser: Monster Beverage, ein amerikanischer Getränkehersteller, und die amerikanische Biotech-Firma Celgene.

Pferdefleisch und Schwermetalle

Was ist das Geheimnis von Eurofins? Nach Ansicht seines Gründers ist es die Verbindung aus Wissenschaft und Geschäftssinn, ein großes Talent fürs Aufspüren von Übernahmekandidaten sowie deren erfolgreiche Integration in eine dezentrale Unternehmensstruktur.

Die Mitarbeiter werden dabei auch reichlich beteiligt. Eurofins hat durch seine Aktienbeteiligungen mehr als 100 Führungskräfte nach eigenen Angaben zu Millionären gemacht. Vor wenigen Tagen feierte das Unternehmen, das seinen Sitz in Brüssel hat, dreißigjähriges Gründungsjubiläum und 20 Jahre Börsennotierung. „Ich hätte nie geahnt, dass wir einmal einen solchen Weg machen würden“, sagte der Konzerngründer und Großaktionär Gilles Martin, im Gespräch mit dieser Zeitung.

Ob Pferdefleisch in der Lasagne, gentechnisch veränderte Organismen oder Schwermetalle aufgespürt werden müssen, ob DNA-Analysen, Untersuchungen an Föten oder Bluttests vorzunehmen sind, Eurofins steht mit mehr als 130.000 Analyseverfahren zur Verfügung. Die Konstanz im Management seit der Gründung ermögliche dem Unternehmen eine Strategie mit langem Atem, meinen die Analysten von Marten & Co.

Dabei blieb Eurofins immer seiner Kerntätigkeit der Analyse treu und expandierte nicht wie die Konkurrenten in das Geschäft der Inspektion und des Zertifizierens. Das Unternehmen arbeitet eng mit Krankenhäusern und der Industrie zusammen und steckt jährlich die hohe Summe von fünf Prozent seines Umsatzes in die Forschung.

Gewachsen ist Eurofins organisch und durch eine Vielzahl von Übernahmen. Allein in diesem Jahr waren es bis zum Herbst nicht weniger als 40 Akquisitionen, darunter etwa zuletzt das deutsche Institut Nehring und seine 70 Mitarbeiter mit Sitz in Braunschweig, das sich unter anderem auf die Lebensmittelkontrolle spezialisiert.

Der größte Zukauf der Eurofins-Geschichte stellte in diesem August die Übernahme des amerikanischen Konkurrenten EAG Laboratories für 780 Millionen Dollar dar. Mehr als 400 Institute in 41 Ländern gehören heute somit zu Eurofins. Das Unternehmen ist in Frankreich entstanden, wo es auch börsennotiert ist, hat sein Hauptquartier aber in Brüssel, weil es dort – anders als in Frankreich – internationaler zugehe, wie der 54 Jahre alte Martin findet.

Er ist selbst ein Globetrotter, hat in den Vereinigten Staaten und drei Jahre in Nürnberg gelebt. Zwischen 2005 und 2016 verdreifachte sich der Umsatz von Eurofins alle drei Jahre. „Die Firma hat pro Jahr zwischen 12 und 20 Übernahmen vorgenommen. Die erfolgreiche Integration dieser Unternehmen ist etwas Außergewöhnliches“, urteilen die Analysten von Marten & Co.

Halbjahresergebnisse „etwas enttäuschend“

Eurofins-Chef Martin räumt ein, dass sein Unternehmen jetzt aber den Fuß etwas vom Gaspedal nehmen muss, denn der Kaufrausch müsse konsolidiert werden. Doch die Wachstums-Story will er fortschreiben. Der für dieses Jahr erwartete Umsatz von 2,9 Milliarden Euro soll bis 2019 auf vier Milliarden Euro klettern. Damit würde diese Grenze ein Jahr früher erreicht als im vorherigen Strategieplan.

Im französischen Nantes, wo Eurofins seinen Anfang nahm, hat das Unternehmen gerade eine Investition von 22 Millionen Euro für ein neues Labor zur Lebensmittelkontrolle auf den Weg gebracht. „Wir raten weiter zum Kauf der Aktie“, sagt der Analyst Christophe-Raphaël Ganet vom französischen Bankhaus Oddo, auch wenn er die Ergebnisse des ersten Halbjahres „etwas enttäuschend“ fand.

Der Grund: Eurofins wachse weiter, habe keine Schwierigkeiten mit der Finanzierung und integriere seine Zukäufe gut. Eine Kapitalerhöhung von rund 300 Millionen Euro in dieser Woche hat der Titel ohne größeren Schaden überstanden.

Wie weit die Eurofins-Aktie noch klettern kann, ist heißer Diskussionsstoff unter den Analysten. Goldman Sachs hält 660 Euro für möglich, ein Fünftel über dem aktuellen Stand. Für Oddo ist der Höchststand dagegen jetzt fast schon erreicht. „Ob Eurofins sein aktuelles Wachstumstempo organisch und durch Zukäufe halten kann, ist eine wichtige Frage. Und wenn ja, braucht die Firma dann größere Akquisitionen und muss sie sich diversifizieren?“, fragen die Experten von Marten & Co, ohne dafür eine Antwort zu liefern. Von 14 durch Reuters befragte Analysten plädieren fünf für Halten, sechs für Übergewichten oder Kaufen und drei für Verkaufen oder Untergewichten.

Quelle: F.A.Z.
Christian Schubert - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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