Frankfurts große Chance

Wie Big FFM es mit Greater London aufnehmen will

Von Tim Kanning
 - 19:21

Die Briten sind bekannt für ihren Humor, die Frankfurter eher nicht so. Insofern wurde ein Standortfaktor im Werben um die Banker nach dem Brexit bislang völlig zu Unrecht vernachlässigt, den die volkswirtschaftliche Abteilung der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) nun herausgestrichen hat: Nicht nur sind im Schauspiel und der Oper in der jüngsten Spielzeit 10 Prozent der Sitzplätze frei geblieben – es gibt mithin noch reichlich Platz für kulturbeflissene Banker samt Ehepartnern. In dem kleinen nichtstädtischen Haus „Die Komödie“ blieb sogar jeder dritte Platz frei. Die Londoner haben also zumindest die Möglichkeit, dem Frankfurter Humor eine Chance zu geben.

Die Argumente, mit denen im Ringen der europäischen Finanzplätze für Frankfurt geworben wird, werden kreativer. Aber nach den Entscheidungen mehrerer Großbanken über ihre Pläne für den Brexit sieht sich Frankfurt ohnehin schon als klarer Favorit unter den Metropolen. Mit unter anderem der Citigroup, Morgan Stanley und Goldman Sachs sowie mehreren japanischen Großbanken haben sich inzwischen nach Angaben der Helaba insgesamt 15 Banken dafür entschieden, nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union Geschäft und Mitarbeiter von der Themse an den Main zu verlagern. Die übrigen Standorte, die in Betracht kommen, konnten dagegen bislang nur wenige konkrete Zusagen gewinnen. Für Dublin und Luxemburg haben sich demnach jeweils erst drei Banken entschieden, für Amsterdam zwei, und zum ärgsten Konkurrenten Paris zieht es bislang nur die HSBC.

„We hope for the best and plan for the worst“

Damit rechnen die Frankfurter zunehmend mit einem erheblichen Zuzug von Bankern sowie anderen Dienstleistern in den nächsten Jahren. Die Chefvolkswirtin der Helaba, Gertrud Traud, die am Donnerstag eine Studie zu den Folgen des Brexits vorlegte, sagte dazu: „Wir erwarten, dass mindestens die Hälfte der aus London abwandernden Finanzjobs nach Frankfurt verlegt wird. Das entspricht über einen Zeitraum von mehreren Jahren mindestens 8000 Mitarbeitern.“

Dabei rechnet Traud damit, dass die Zahl der Bankbeschäftigten erst von 2019 an merklich steigen wird. Im nächsten Jahr dürften die Zuzüge noch nicht die Zahl der Stellen kompensieren, welche die Deutsche Bank, die Commerzbank und andere Frankfurter Institute derzeit abbauen wollten. Ende 2019 könnten dann mit 65.000 Bankern in Frankfurt aber schon 2500 mehr arbeiten als im Moment. „Die Wahrscheinlichkeit, dass es mehr wird, ist dabei deutlich höher, als dass es weniger wird“, sagte Traud.

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Eine entscheidende Rolle spielt aber dabei, ob das Euroclearing – also die Abwicklung von Euro-Derivategeschäften – von London nach Frankfurt oder in eine andere Stadt verlagert wird. Die Deutsche Börse gilt derzeit durch die Unklarheiten um ihren Vorstandsvorsitzenden Carsten Kengeter, gegen den immer noch wegen des Verdachts auf Insiderhandel ermittelt wird, als wenig schlagkräftig im Werben um das wichtige Geschäft. Auf der anderen Seite buhlt vor allem auch die Pariser Börse um den Zuschlag, durch den viele Arbeitsplätze an den Standort verlegt werden dürften. „Wenn die Franzosen es schaffen, sich hier deutlich nach vorne zu schieben, wird der Wettbewerb härter“, räumte Traud ein.

Wie drängend die Entscheidungen für die Banken langsam werden, machte sich am Mittwochabend auf dem Empfang der Auslandsbanken in Deutschland in der Frankfurter Alten Oper bemerkbar. Der Verbandsvorsitzende Stefan Winter, der zugleich das Investmentbanking der UBS in Deutschland leitet, sprach von vielen Kunden, die von ihren Banken inzwischen klare Aussagen dazu verlangten, wie sie sie nach dem Brexit weiter bedienen wollten. „We hope for the best and plan for the worst“, sagte Winter – die Banken hofften zwar weiter das Beste, bereiteten sich aber in Bezug auf den weiter unklaren Ausgang der Brexit-Verhandlungen auf den schlimmsten Fall vor.

In der Pole Position im Rennen um die Brexit-Banker

Sein Verband gehe inzwischen davon aus, dass vor allem die größeren Banken, die nach Frankfurt kommen wollten, zunächst mit jeweils 200 bis 300 zusätzlichen Mitarbeitern kämen. Alles in allem dürften seiner Ansicht nach in den nächsten zwei, drei Jahren 5000 zusätzliche Banker nach Frankfurt ziehen – plus die vierstellige Zahl von Mitarbeitern, welche die Deutsche Bank voraussichtlich nach Frankfurt verlagert. Der Präsident der Bankenaufsicht Bafin, Felix Hufeld, warnte indes auf dem Empfang, dass manche New Yorker Bank ihre Londoner Einheiten auch gleich zurück in die Vereinigten Staaten oder aber nach Asien verlagern könnten, sollten sich die EU und Großbritannien allzu lange streiten.

Helaba-Chefvolkswirtin Traud fand neben den freien Plätzen in den Frankfurter Theatern auch noch eine Reihe weiterer Standortargumente für Frankfurt; oder vielmehr für die Region „Big FFM“, welche sie für ihre Studie kreiert hat. Dafür haben die Helaba-Volkswirte die Stadtgrenzen von Greater London einmal virtuell über das Rhein-Main-Gebiet gelegt. Heraus kommt eine Region, die von Mainz bis Hanau und von Bad Homburg bis Darmstadt reicht und deren Größenordnungen dann nicht mehr ganz so weit von denen Londons entfernt sind. So wohnen in dem Gebiet 2,3 Millionen Einwohner, der Finanz- und Versicherungssektor kommt immerhin auf 118.000 Mitarbeiter. Dementsprechend sieht Traud auch nicht nur Frankfurt selbst in der Pflicht, neuen Wohn- und Büroraum für die möglichen Zuwanderer zu schaffen. Die aktuellen Pläne Frankfurts, ein ganz neues Stadtviertel am westlichen Stadtrand zum Taunus hin aufzubauen, begrüßte Traud. Frankfurt stehe in der Pole Position im Rennen um die Brexit-Banker. „Selbstgefälligkeit ist nun nicht angebracht.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenpoträt / Kanning, Tim (kann.)
Tim Kanning
Redakteur in der Wirtschaft.
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