Technische Analyse

Was ist mit den Bundesanleihen los?

Von Wieland Staud
 - 14:05

Wenn ich hier gleich zu Beginn schreibe, dass ich ein unbedingter Fan von Komplexitätsreduktion bin, dann kann das schon als contradictio per se verstanden werden. Wer den Wunsch nach Vereinfachung mit einem Wortungetüm beschreibt und anschließend gleich noch eine lateinische Phrase nachlegt, der dürfte zu Recht auf diesen innewohnenden Widerspruch hingewiesen werden. Aber es stimmt:

Ich denke, dass man die allermeisten, für den Fachfremden nicht leicht zu erfassenden Dinge relativ einfach erklären kann. Dabei wird es zwar häufig zu der einen oder anderen Unschärfe kommen und vielleicht auch der eine oder andere Inhalt auf der Strecke bleiben. Aber der Kern der Botschaft wird erhalten bleiben. Ein gutes Beispiel dafür ist der Bund Future.

Halbwegs allumfassend erklärt, ist er ein Terminmarktkontrakt auf eine idealtypische Bundesanleihe. Grundlage ist ein fiktives Papier, das auf eine Normalverzinsung von sechs Prozent und auf eine Laufzeit von 8,5 bis 10 Jahren standardisiert ist. Der Inhaber eines Bund-Future-Kontraktes hat das Recht, zu einem festgelegten Zeitpunkt diese idealtypische Bundesanleihe im Wert von nominal 100. 000 Euro zu kaufen oder zu verkaufen. Sein Preis schwankt mit der Erwartung der Investoren, wo diese idealtypische Bundesanleihe zum festgelegten Zeitpunkt notieren wird.

Das Gegenstück zur Rendite

Dazu könnte man noch den „festgelegten Zeitpunkt“ präzisieren, die Frage der Adjustierung beim Wechsel des Frontrunners thematisieren. Im Großen und Ganzen reicht es aber auch, wenn man weiß, dass der Bund Future mit den Kursen der langlaufenden Bundesanleihen steigt und fällt. Er ist also das Gegenstück zur Rendite: Steigt sein Kurs, dann fallen die 10-jährigen Renditen, und fällt er, dann steigen die Renditen. Als Analyst bietet mir der Bund Future damit die Chance zur Gegenprobe: Deutet die Technik auf steigende Renditen hin, dann sollte ich gleichzeitig zumindest auch halbwegs klare „Fällt“-Signale für den Bund Future haben. Und genau das ist derzeit das Problem.

Ich habe im letzten Jahr hier in meinen Beiträgen keinen Zweifel daran gelassen, dass ich fest von einer langfristigen unteren Trendwende der Renditen überzeugt bin. Die deutschen Renditecharts und deren Umformungen in Indikatoren kann man auch heute noch halbwegs so interpretieren. Der Chart des Bund Futures will zu dieser Einschätzung aber rein überhaupt gar nicht mehr passen. Gefordert wären, im Sinne der „Steigt“-Prognose für die Renditen, klare Hinweise darauf, dass er fallen wird. Tatsächlich liefert er aber mehr oder weniger das glatte Gegenteil: Signale, die fast schon sonnenklar darauf hindeuten, dass er in den nächsten 6 bis 12 Monaten steigen wird. Mein erster Punkt:

Die oberste Regel der Technischen Analyse lautet, dass nichts wahrscheinlicher ist als die Fortsetzung des aktuellen Trends. Ein Blick auf den Chart des abgebildeten Bund Futures lässt kaum einen Zweifel daran aufkommen, dass sich der Bund Future genau in einem solchen Aufwärtstrend befindet. Der zweite Punkt: Seit rund anderthalb Jahren macht der Bund Future nichts anders, als in einer vergleichsweise engen Spanne zwischen 156 bis 163 Punkte hin und her zu eiern.

So unerquicklich das tägliche Miterleben einer solchen Seitwärtsphase für technische Analysten auch sein mag, so klar ist langfristig die Botschaft einer solchen Konsolidierung: In etwa 80 Prozent aller Fälle bestätigt sie den überlagernden Aufwärtstrend. Unter Wahrscheinlichkeitsaspekten – nur darum geht es der Technischen Analyse – wäre es schlicht rein überhaupt nicht zu begründen, heute diesem Aufwärtstrend sein baldiges Ende zu verkünden. Er muss fortgeschrieben werden. Ich habe keine andere Wahl.

Der Nachteil von Gegenproben

Was passieren kann, wenn solche Seitwärtskonsolidierungen abgeschlossen werden, zeigen die Jahre 2012 und 2013. Damals hing der Bund Future auch gefühlte Ewigkeiten zwischen rund 122 und 128 Punkten fest, bevor er mit aller Vehemenz nach oben ausbrach und in den beiden darauffolgenden Jahren fast 30 Prozent zulegte. Diese Entwicklung muss nicht notwendigerweise das Drehbuch für die anstehende Zukunft sein. Der Ausbruch kann auch weniger dynamisch ausfallen und seine Tragweite geringer sein. Ob so oder so: Er wird wahrscheinlich steigen. Im Umkehrschluss müssten die deutschen Renditen deutlich und länger in den negativen Bereich abdriften, als uns das lieb sein kann. Werden sie das nun doch – entgegen meiner bisherigen Erwartung?

Der Nachteil von Gegenproben ist, dass sie „falsch“ ausfallen können und damit das, was sie eigentlich bestätigen wollen, in Frage stellen. Ihr Vorteil ist, dass sie im Zweifelsfall daran hindern, gar zu selbstsicher das Falsche zu erwarten. Die ehrliche Antwort wird deshalb lauten müssen: Um die Wahrscheinlichkeit der Richtigkeit der Prognose „Die Zinswende liegt hinter uns!“ war es schon einmal deutlich besser bestellt. Das Blatt wendet sich derzeit stetig zugunsten der Aussage: „Der Abwärtstrend der Renditen wird sich signifikant fortsetzen.“

Wieder einmal möchte ich mich nicht fragen, in welcher Welt wir leben könnten, in der die Renditen beziehungsweise Zinsen dauerhaft in den negativen Bereich absinken. Im Zweifel werden wir es schon noch früh genug erfahren. Die Hoffnung bleibt, dass die Signale des Charts des Bund Futures falsch sind und damit auch seine Einschätzung. Ich würde mich freuen, wenn diese zirka 25 Prozent zum Zuge kämen.

Quelle: F.A.Z.
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