Unternehmensgewinne in Amerika

Wall Street ignoriert eine spektakuläre Bilanzsaison

Von Norbert Kuls, New York
 - 11:44

Amerikanische Unternehmen verdienen so viel wie lange nicht mehr, aber an der Börse kommt keine gute Stimmung auf. Die Gewinne der im breit gefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen sind im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahr um knapp 25 Prozent gestiegen. Das berichtet der Informationsdienst Factset, nachdem neun Zehntel der Gesellschaften in den vergangenen Wochen ihre Zahlen vorgelegt hatten.

Nach Angaben von Factset handelte es sich dabei um das stärkste Wachstum seit dem dritten Quartal des Jahres 2010. Die Ergebnisse übertrafen die Prognosen der Analysten. Ende März hatten diese nur mit einem Wachstum von 17 Prozent gerechnet. Die Reaktion der Anleger ist trotz des Überraschungseffekts aber überwiegend verhalten – auch wenn die Kurse einzelner Aktien wie der des Elektronikkonzerns Apple mit deutlichen Aufschlägen auf starke Quartalszahlen reagierten. Insgesamt legte der S&P 500 in den vergangenen vier Wochen parallel zur Bilanzsaison nur um 2 Prozent zu.

„Das sind spektakuläre Gewinne, aber der Markt ignoriert es“, sagte Randy Frederick, Aktienfachmann der Direktbank Charles Schwab. „Das macht mir Sorgen.“ Unternehmensgewinne sind langfristig die wichtigste Triebfeder für Aktienkurse. Nach einer seit mehr als neun Jahren währenden Hausse und einer immer noch überdurchschnittlich hohen Bewertung der Aktien sind Anleger allerdings vorsichtiger geworden.

Zu der Zurückhaltung tragen auch die starken Kursschwankungen im Februar und März bei, die die Börsianer stark verunsichert hatten. Stimmungen und Emotionen spielen an der Börse eine wichtige Rolle, und Anleger scheinen sich derzeit stärker auf negative Nachrichten zu konzentrieren und positive Meldungen auszublenden.

S&P 500

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„Der Markt belohnt positive Überraschungen unterdurchschnittlich und bestraft negative Überraschungen überdurchschnittlich“, resümiert John Butters, Analyst bei Factset. Die Aktienkurse von Unternehmen, die ihre Prognosen für das erste Quartal übertroffen hatten, sind in den zwei Tagen vor dem Berichtszeitpunkt bis zu den zwei Tagen danach im Durchschnitt nur um 0,2 Prozent gestiegen. Das liegt deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt. Nach Berechnungen von Factset waren die Kurse in den vergangenen fünf Jahren in diesem Zeitfenster um durchschnittlich 1,1 Prozent gestiegen.

Die Kurse von Unternehmen, die ihre Aktionäre mit verfehlten Prognosen enttäuschten, sackten dagegen in den vier Tagen um den Publikationstermin um 2,8 Prozent ab. Anleger bestrafen Enttäuschungen zwar generell. Die Abschläge lagen in den vergangenen fünf Jahren aber nur bei durchschnittlich 2,4 Prozent, also knapp einen halben Prozentpunkt niedriger. Für die größten Überraschungen der Bilanzsaison sorgten nach Angaben von Factset Technologiewerte, zyklische Konsumtitel und Energieunternehmen.

In der Technologiebrache hinterließ eine schlagzeilenträchtige Datenaffäre kaum Spuren im Geschäft des Internetkonzerns Facebook, und die mit Bangen erwarteten iPhone-Verkaufszahlen des Elektronikkonzerns Apple fielen solide aus. Technologiewerte, die gemessen am Börsenwert ein Viertel des S&P 500 ausmachen, waren in den vergangenen Jahren die wichtigste Triebfeder der amerikanischen Börsen. Bei zyklischen, also konjunkturabhängigen Konsumtiteln punkteten abermals der Online-Händler Amazon und der TV-Streaming-Dienst Netflix. Energiewerte profitierten von den gestiegenen Ölpreisen.

Dollar-Aufwertung verunsichert

Insgesamt profitierten im ersten Quartal überwiegend Unternehmen mit einer starken internationalen Präsenz. Die Gewinne von Unternehmen, die mehr als die Hälfte ihrer Umsätze außerhalb der Vereinigten Staaten erwirtschaften, waren um fast 30 Prozent gestiegen. Die Gewinne von Konzernen, die stärker von der amerikanischen Wirtschaft abhängen und weniger als die Hälfte der Umsätze im Ausland machen, stiegen nur um rund 23 Prozent.

Vor diesem Hintergrund sorgt der jüngste Anstieg der Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen auf zuletzt 3 Prozent und die Aufwertung des amerikanischen Dollars gegen den Euro und andere Währungen für Unsicherheit. Steigende Zinsen verunsichern Aktienanleger aus mehreren Gründen. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen ist eine Richtgröße für eine ganze Reihe von Finanzprodukten, die sowohl Unternehmen als auch Verbraucher betreffen.

Für Unternehmen verteuert sich dadurch die Fremdkapitalaufnahme, und Privatleute müssen höhere Zinsen für Hypotheken und Autokredite einkalkulieren. Das könnte sich negativ auf das Wachstum auswirken, weil Unternehmen dann weniger investieren und Verbraucher weniger Geld in der Haushaltskasse haben.

Ein höherer Außenwert des Dollars verteuert die Exporte amerikanischer Produkte. „Der Dollar ist parallel zu den Renditen gestiegen, was darauf hindeutet, dass die Renditen ein Niveau erreichen, ab dem weitere Aktienkursgewinne begrenzt werden“, schreibt Chris Metli, Aktienstratege der Investmentbank Morgan Stanley. Die verhaltene Reaktion auf positive Quartalsgewinne ist für Metli ein Signal, dass die Erwartungen schon sehr hoch waren.

Der S&P 500 wird aktuell mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 16,5 auf Basis der in den kommenden zwölf Monaten erwarteten Gewinne bewertet, kalkuliert Factset. Dieser Bewertungsmaßstab liegt klar über dem zehnjährigen Durchschnitt von 14,3. Für die kommenden Quartale rechnen Analysten weiter mit zweistelligem Gewinnwachstum. Für das Gesamtjahr 2018 liegen die Prognosen bei rund 19 Prozent. Um weiter steigende Kurse zu rechtfertigen, müssen die Ergebnisse diese Zahl aber wohl deutlich übertreffen.

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Quelle: F.A.Z.
Norbert Kuls
Freier Autor in der Wirtschaft.
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