Amerikanische Unternehmen

Der Wall Street gehen die Börsengänge aus

Von Norbert Kuls, New York
 - 11:15

Den amerikanischen Börsen scheint der Nachschub auszugehen. Zwar brechen die Aktienkurse an der Wall Street immer neue Rekorde und vergleichsweise junge Unternehmen wie Apple, Alphabet, Amazon oder Facebook führen die Ranglisten der wertvollsten Aktiengesellschaften an. Aber es gibt nur wenig neue Börsengänge. Im vergangenen Jahr war die Zahl der Börsendebüts auf den niedrigsten Stand seit der Finanzkrise gefallen. Nur 105 Unternehmen hatten 2016, verunsichert vom Votum der Briten für den Austritt aus der EU und den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, den Schritt an die Börse gewagt.

Der Markt hat sich in diesem Jahr zwar etwas erholt. Nach Angaben des Wertpapierhauses Renaissance Capital sind seit Anfang des Jahres schon Aktien von 106 Unternehmen erstmalig an einer amerikanischen Börse gehandelt worden – etwas mehr als 40 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Bis zum Jahresende könnten es rund 150 werden. Auch das bei den Börsengängen aufgenommene Eigenkapital hat sich mehr als verdoppelt. Aber von Normalität ist der Markt noch weit entfernt. „Kein einziges wachstumsstarkes amerikanisches Technologieunternehmen bereitet den Börsengang vor“, schreiben die Analysten von Renaissance Capital in ihrem Marktausblick für den Herbst. Dabei gibt es genügend potentielle Kandidaten wie den Fahrtenvermittler Uber oder den Wohnungsvermittler Airbnb – Unternehmen, die mit zweistelligen Milliarden-Dollar-Beträgen bewertet werden.

Auch im längerfristigen Vergleich wird der Schrumpfungsprozess deutlich. Im Jahr 1996, während der Hochphase der Internethausse, waren nach Angaben der Unternehmensberatung EY in Amerika 624 Unternehmen an die Börse gegangen – ein bis heute geltender Rekord. Die Hausse stellte sich im Jahr 2000 allerdings als spekulative Blase heraus, und viele der schnell an die Börse gegangenen Unternehmen verschwanden wieder vom Kurszettel, weil sie entweder pleitegingen oder den Standards der Börsen nicht mehr genügten. Nach Angaben von Jay Ritter, Fachmann für Börsengänge an der Universität von Florida, waren zwischen den Jahren 1980 und 2000 im Durchschnitt 310 Unternehmen jährlich an die Börse gegangen. In den Jahren danach lag der Durchschnitt bei 111 – betrug also fast nur noch ein Drittel. Auch die Gesamtzahl der börsennotierten amerikanischen Unternehmen ist gesunken. Nach der Studie von EY ist die Zahl von 1996 bis 2016 von mehr als 8000 um fast die Hälfte auf 4330 zurückgegangen.

Immer längeres Abwarten vor dem Börsengang

An der Wall Street gilt die nachlassende Attraktivität von Erstnotierungen, den „Initial Public Offerings“ (IPO), als Problem, weil es die Bedeutung der Börsen für Unternehmen und Anleger in Frage stellt. Für Unternehmen waren Börsen traditionell der Ort, wo sie sich mit der Ausgabe von Aktien das Eigenkapital für die Finanzierung ihres Wachstums besorgten. Für Investoren war das eine Möglichkeit, frühzeitig von den Wachstumschancen junger Firmen zu profitieren. Das spielt in Amerika eine große Rolle, weil die Anlage in Aktien verbreiteter als in Deutschland und für Vermögensaufbau und Altersvorsorge wichtig ist. Der neue Vorsitzende der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Jay Clayton, hat das Thema daher ganz oben auf seine Agenda gesetzt. „Es ist klar, dass unsere Börsen für Unternehmen weniger attraktiv sind als in der Vergangenheit“, hatte Clayton gleich im März bei seiner Anhörung vor dem Senat gesagt. „Anlagemöglichkeiten für Kleinanleger sind deswegen eingeschränkt. Es gibt bedeutenden Raum für Verbesserungen.“

Clayton, der zuvor als Wirtschaftsanwalt an Börsengängen mitgearbeitet hat, will die Regulierung lockern, um die Zahl der Börsengänge zu steigern. So können seit Juli alle Unternehmen ihren Antrag auf Börsengang geheim stellen. Clayton weitete damit eine Initiative der Obama-Regierung aus, die es kleineren Unternehmen ermöglichte, den Antrag zu stellen ohne öffentliches Aufsehen zu erregen. Das sollte Unternehmen eine größere Flexibilität über den Zeitpunkt der Erstnotierung bieten und Wettbewerber im Dunkeln lassen.

Clayton verspricht sich davon ein größeres Angebot für Kleinanleger, neue Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum. Kritiker bemängeln eine nachlassende Transparenz des Marktes. Die Frage, ob regulatorische Lockerungen den IPO-Markt beleben können, greift aber möglicherweise zu kurz. Zwar sind die Auflagen für börsennotierte Unternehmen seit der Jahrtausendwende härter geworden – unter anderem eine Konsequenz des schweren Bilanzbetrugs des Energiehändlers Enron sowie der Finanzkrise. Aber die Zahl der Börsengänge und die Zahl der börsennotierten Unternehmen war schon vorher zurückgegangen – was vor allem aus der Zurückhaltung kleinerer Unternehmen nach den Übertreibungen der Internethausse resultierte. Der durchschnittliche Marktwert börsennotierter Unternehmen ist aktuell viel höher als in den neunziger Jahren.

Vor der Jahrtausendwende warteten die meisten Unternehmen nicht lange mit dem Börsengang. Der Computerbauer Apple, mit einem Börsenwert von rund 785 Milliarden Dollar heute das wertvollste Unternehmen an der Wall Street, emittierte 1980 nur viereinhalb Jahre nach seiner Gründung erstmals Aktien. Der Online-Einzelhändler Amazon ging 1997 nur drei Jahre nach der Gründung an die Börse. Das Internetunternehmen Google, das später in Alphabet umgetauft wurde, wartete schon sechs Jahre bis zum IPO im Jahr 2004. Das soziale Netzwerk Facebook existierte acht Jahre, bis es 2012 an die Börse ging.

Verschiedene Gründe für Zurückhaltung

Für die wachsende Zurückhaltung bei Börsengängen gibt es verschiedene Gründe. Zum einen verfügen die Risikokapitalgesellschaften und außerbörslichen Beteiligungsgesellschaften (Private Equity), die junge wachstumsstarke Unternehmen finanzieren, über viel Geld, das sie anlegen müssen. Dazu machen die niedrigen Zinsen auch die Finanzierung mit Fremdkapital günstig. Unternehmen wie Uber stehen daher nicht unter Druck, an die Börse zu gehen. Ein Beispiel: Facebook nahm vor dem Börsengang über einen Zeitraum von sieben Jahren (2005 bis 2011) in mehreren Finanzierungsrunden insgesamt 2,2 Milliarden Dollar auf. Nur fünf Jahre später gelang es Uber, über einen gleich langen Zeitraum (2010 bis 2016) fast 13 Milliarden Dollar von Investoren zu bekommen. Das Unternehmen wurde zuletzt mit 68 Milliarden Dollar bewertet, und ein Börsengang steht frühestens im Jahr 2019 auf der Agenda. „Start-Ups mit einer Bewertung vom mehr als 1 Milliarde Dollar – sogenannte Einhörner – können es sich häufig leisten, die Zeit für einen Börsengang auf Basis ihrer spezifischen Umstände zu wählen“, heißt es in der EY-Studie.

Die aktuelle Gründergeneration scheint im Gegensatz zu früheren Unternehmensgründern auch mehr Wert auf Kontrolle und strategische Flexibilität zu legen. Die ist nach einem traditionellen Börsengang eingeschränkt, weil Analysten und Investoren mitreden. Dazu kommen aufwendige Berichtspflichten, die auch Konkurrenten in die Karten sehen lassen. Zumindest das Problem der Kontrolle lösen manche Unternehmensgründer wie bei Alphabet mit Aktienkonstruktionen, die ihnen weiterhin Mehrheitsstimmrechte zugestehen.

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Nach Einschätzung von Renaissance Capital verzögern Unternehmen und Risikokapitalgeber Börsengänge derzeit auch, weil sie sinkende Bewertungen fürchten. „Die schlechte Kursentwicklung von Börsenneulingen mit hohem Profil wie Snap und Blue Apron, hat möglicherweise zur Zurückhaltung geführt“, schreiben die Analysten. Der Aktienkurs des sozialen Netzwerks Snap ist seit dem IPO Anfang März um fast 20 Prozent abgesackt. Die Aktien des Kochboxenversenders Blue Apron haben seit dem Börsengang Ende Juni um fast 50 Prozent an Wert verloren.

Ein weiterer Grund für die sinkende Zahl von Börsengängen sind Übernahmen. IPO-Fachmann Ritter von der Universität von Florida glaubt, dass Unternehmen insgesamt schneller übernommen werden. So übernahm der Netzwerkausrüster Cisco Systems im Januar das Softwareunternehmen AppDynamics kurz vor dessen geplantem Börsendebüt. Alphabet hat die potentiellen Börsenkandidaten Nest und Waze übernommen. Facebook akquirierte Instagram und Whatsapp. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 4800 nicht börsennotierte Unternehmen übernommen – mehr als doppelt so viele wie auf dem Höhepunkt des IPO-Booms vor zwanzig Jahren, heißt es bei EY.

Die Unternehmensberatung hält die amerikanische Börse trotz der Veränderungen übrigens weiterhin für den „attraktivsten Aktienmarkt der Welt“. Obwohl es insgesamt weniger Börsengänge gebe als vor 20 Jahren, seien die Börsendebütanten heutzutage fundamental stabiler. Zwar sei in diesem Jahr nicht mit einer langen Parade von Einhorn-IPOs zu rechnen. „Dennoch wäre es nicht überraschend, wenn mehrere bekannte Adressen ihre heißerwarteten Börsenpläne umsetzen, solange die Marktlage robust bleibt.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuls, Norbert (nks.)
Norbert Kuls
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