ING-Aktie

Hollands Banker machen’s besser

Von Thomas Klemm
 - 11:36

Die Holländer sind in hellem Aufruhr, und schuld daran sind wieder einmal die Banker. Regierung, Parlament, Gewerkschaften und Öffentlichkeit – alle sind empört, alle reden von Gier und Dreistigkeit wie vor einem Jahrzehnt, zu Zeiten der Finanzkrise. Als anstößig empfunden wird das Vorhaben der niederländischen Großbank ING, ihrem Vorstandsvorsitzenden Ralph Hamers eine saftige Gehaltserhöhung von 50 Prozent zu gewähren. Der Aufsichtsrat meint, Hamers habe das Geld verdient, schließlich habe er die Bank erfolgreich umgekrempelt und gehöre auch künftig mit drei Millionen Euro im Jahr nicht zu den Spitzenverdienern bei europäischen Großbanken.

Egal, wie man zu Hamers’ üppiger Entlohnung steht, ob man sich fürchterlich aufregt oder kühl mit den Achseln zuckt: Die Bank hat gute Argumente, die Arbeit ihres Chefs zu honorieren. Seit Hamers im Oktober 2013 die Führung übernahm, hat die Aktie der ING Groep, zu der auch der deutsche Ableger ING Diba gehört, um 70 Prozent zugelegt. Das Geschäft läuft prächtig, zumal im Vergleich mit den deutschen Großbanken, die unter alten Lasten, mäßigen Erträgen und internen Umstrukturierungen ächzen. Während die Deutsche Bank im dritten Jahr nacheinander ein Minus schreibt und die Commerzbank zuletzt 100 Millionen Euro verdient hat, sprudeln bei den Niederländern die Gewinne: 4,9 Milliarden hat das Nettoergebnis der ING 2017 betragen, das sind 5,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rund ein Fünftel des Gewinns hat die ING Diba, die drittgrößte Bank Deutschlands, beigesteuert. Insgesamt waren die Zahlen überzeugend, aber nicht imposant genug für viele Anleger. Sie hatten von der Bank, die ihre Eigentümer nach überstandener Finanzkrise verwöhnt hat, noch mehr erwartet.

Experten halten ING für langfristigen Gewinner

Das Gute an den daraufhin erfolgten Kursabschlägen der ING-Aktie ist: Sie ist gegenüber vergleichbaren Banken nicht mehr so hoch bewertet wie zuvor. Manche Marktbeobachter halten die niederländische Bank für einen langfristigen Gewinner, der in jedes Portfolio mit Bankenwerten gehört. Außerdem schüttet die ING – anders als viele andere Banken in Europa – regelmäßig an ihre Aktionäre aus. Für 2017 sind es 67 Cent je Aktie. Das entspricht einer stattlichen Dividendenrendite von fast fünf Prozent. Langfristig orientierte Anleger sollten sich wenig darum kümmern, dass die Zahlen der ING im letzten Quartal 2017 nicht sensationell waren, sondern „nur“ gut. Und dass die Bank 900 Millionen Euro aufwenden musste, um regulatorische Vorschriften zu erfüllen. Eher ist darauf zu achten, wie die Bank für die Zukunft aufgestellt ist. In dieser Hinsicht steht die ING außerordentlich gut da.

Die Bank setzt vor allem auf das Privatkundengeschäft. Wie die Commerzbank, so treibt auch die ING ihr Kundenwachstum mit Marketingaktionen voran. Allein im letzten Quartal 2017 hat sie eine halbe Million Neukunden gewonnen, kommt nun auf insgesamt 37,4 Millionen Kunden vorwiegend in den Benelux-Ländern und in Deutschland. Die enormen Spareinlagen werden zwar belastet durch die negativen Zinsen der Europäischen Zentralbank. Doch wird dies mehr als wettgemacht durch die steigende Zahl vergebener Kredite, vor allem zur Baufinanzierung, die in den Niederlanden öfter gefragt ist als in Deutschland. Zudem sind die Kredite recht wenig ausfallgefährdet, die Risikovorsorge ist auf einem historisch niedrigen Stand.

Konsequente Digitalstrategie

Was die ING Groep besonders hervorhebt aus der europäischen Konkurrenz, ist ihre konsequente Digitalstrategie. „Sie hat frühzeitig erkannt, dass die Digitalisierung die Geschäftsmodelle der Banken extrem verändert“, sagt Alexandra Schadow, Analystin der Landesbank Baden-Württemberg. Mit der spanischen Bank BBVA gehört die ING laut Schadow „zur Speerspitze der Digitalisierung“. Die Finanzszene erkennt die Leistung der Niederländer mehr oder weniger neidlos an. Hamers wurde 2016 zum Banker des Jahres gewählt, sein für die Informationstechnik zuständiger Kollege Ron van Kemenade zum CIO des Jahres 2017.

Mobiles Banking, digitale Vermögensverwaltung, Zahlungsabwicklung und anderes mehr hat die ING vorangetrieben und durch Zukäufe verstärkt. Die Bank ist auf dem Weg, ein Technologieunternehmen mit Banklizenz zu werden, wie es Hamers vorschwebt. So gibt es Überlegungen, dass die Bank nicht nur Hypothekendarlehen vergibt, sondern zugleich Dienstleistungen wie Umzug und Wohnungseinrichtung über ihre Plattform anbietet. „Agil“ ist das neue Zauberwort, auch bei der ING.

Niederländer sind kostenbewusst

Das zeigt sich auch intern bei der täglichen Arbeit: Großraumbüros ohne festen Arbeitsplatz sowie kleine Gruppen statt großer Abteilungen, wie es innovative Start-ups wie der Streamingdienst Spotify vorgemacht haben. In den Niederlanden arbeiten herkömmliche Banker und IT-Experten Seite an Seite.

Außerdem sind die Niederländer kostenbewusst. Um einen Euro zu verdienen, muss die ING nicht einmal 56 Cent aufwenden – von einer solchen Quote sind die großen deutschen Banken weit entfernt. Trotzdem will Hamers weiter sparen: auch an Personal, obwohl die Erträge gut sind und die Kernkapitalquote (14,7 Prozent) schon deutlich über den Anforderungen für 2019 liegt. Auch darin ist die ING Groep ihrer Zeit voraus.

Quelle: F.A.S.
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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