Schriftsteller Ingo Schulze

„Der Aktienmarkt ist pure Zockerei“

Von Thomas Klemm
 - 13:01

Herr Schulze, wir sitzen hier in Frankfurt und schauen auf Bankentürme. Was sehen Sie?

Mir gefallen Hochhäuser, auf so eine Skyline sieht man ja eigentlich gern. Was da drin geschieht, ist was anderes. Aber um es gleich zu sagen: Ich habe auch ein Girokonto.

Und Sie bekommen keine Zinsen. Dafür verantwortlich sind diejenigen, die hier in Frankfurt im Turm der Europäischen Zentralbank sitzen.

Das ist eine Enteignung der Sparer und haarsträubend, dass für die Folgen der Finanzkrise der Steuerzahler in Haftung genommen wird. Mich hat es fasziniert, wie schnell Banken in der Finanzkrise verstaatlicht werden konnten. Das waren lehrreiche Präzedenzfälle. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Verhältnisse seit 2008 grundlegend verändert hätten. Jetzt profitieren nur diejenigen, die viel Geld haben und sich mit Aktien auskennen. Die Umverteilung geht weiter.

Werden Sie von Ihrer Bank nicht beraten?

Die nette Dame, die mich betreut, hat eine Verpflichtung, mich alle paar Monate anzurufen, um mir etwas anzubieten. Aber wenn man von Vorschüssen lebt, ist man nicht besonders interessant. Selbst wenn ich wollte, hätte ich nichts. Früher hatte ich ihr mal gesagt: Sie können Ihren Chefs gerne sagen, dass Sie mich angerufen haben, ich sei stur und nicht zu überreden. Ich finde es grundsätzlich eine merkwürdige Einrichtung, wenn man sagt, man lasse sein Geld für sich arbeiten.

Sparen Sie nicht?

Ich habe eine Lebensversicherung abgeschlossen, gebe also jemandem Geld in der Hoffnung, davon später leben zu können. Ich weiß aber nicht, wie der Versicherer das Geld verdient. Das Liebste wäre mir, man bekäme eine ausreichende staatliche Rente, was als Selbständiger aber hier und jetzt schwierig ist, obwohl es gottlob die Künstlersozialversicherung gibt.

Die Titelfigur Ihres neuen Romans „Peter Holtz“ verbrennt ihr Geld am Ende und appelliert an alle, es ihm gleichzutun. Soll das eine Provokation sein?

Es ergibt sich aus der Logik seiner Sichtweise. Peter Holtz hat größte Schwierigkeiten, sein Geld mit Anstand wieder loszuwerden. Weil ihm das nicht gelingt und sich alle seine Versuche, mit dem Geld Gutes zu tun, ins Gegenteil kehren, will er verantwortlich handeln. Es gibt enorm viel überflüssiges Geld auf der Welt, und dieses Geld will sich ständig vermehren. Dieses Geld gibt der „Realwirtschaft“ den Takt vor, also in möglichst kurzer Zeit möglichst viel daraus zu machen. Für das tatsächliche Leben, für die Arbeitenden, die Produkte, die Umwelt und so weiter ist das die dümmste Maxime. Zudem finde ich es unanständig, wenn man auf Zinserträge weniger Steuern zahlt als jemand, der arbeitet. Warum tun wir uns das an? Was ist das für eine bescheuerte Politik!

Warum soll es nicht im Sinne der Marktwirtschaft sein, Geld zu vermehren?

Wenn es nur noch ums Geldverdienen geht, geht alles andere den Bach runter. Und diejenigen, die spekulieren, haben sowieso genug. Noch mehr zu kriegen, ist wie ein Sport: Wer der Drittreichste ist, will unbedingt der Zweitreichste werden.

Wollen Sie sagen, dass es im Literaturbetrieb anders ist? Da schauen doch auch alle auf Bestsellerlisten, Verkaufsrekorde, Honorare.

Der Vergleich hinkt etwas, da stelle ich ein Produkt her. Da muss noch jemand dafür arbeiten. Und selbst wenn der Bestseller ein Schundroman ist, hält sich der angerichtete Schaden in Grenzen. Beim Geld kann das ganz anders sein.

Was wäre die Alternative zur Geldvermehrung?

Im Gegensatz zur marktkonformen Demokratie könnten demokratiekonforme Märkte dagegen schützen, dass Unternehmen gegen den Willen der Beschäftigten aufgekauft und zerschlagen werden. Oder eine deutliche Finanztransaktionssteuer. Oder dass gegen eine Währung spekuliert wird. Wir machen doch die Gesetze, oder?

Waren Sie schon mal an einer Börse?

Ein enger Freund war Broker in Chicago und hat mich sogar mal aufs Parkett des Trade Market mitgenommen. Dort geht es um Bohnen, Rüben, Weizen, Mais, und es gibt Lehrfilme, die mir wie besser gemachte DDR-Propaganda vorkamen. Darin wurde erklärt, wozu die Börse da ist: Ein Bauer sichert einem Händler vertraglich zu, 1000 Säcke Weizen zu liefern, und der sagt, wie viel er dafür zahlt. Das bietet beiden Seiten Sicherheit. Wenn es so eine reale Deckung gibt und das Geld einem Warenaustausch dient, ist es wunderbar. Von dieser ursprünglichen Idee hat sich der Markt aber weit entfernt. Der Aktienmarkt und alles, was da dranhängt, ist pure Zockerei und direkt oder indirekt oft auf Kosten des Gemeinwesens.

Wer Aktien besitzt, ist nicht zwangsläufig ein Spekulant, sondern zunächst einmal Miteigentümer eines Unternehmens!

Wenn Beschäftigte an ihrem eigenen Betrieb beteiligt werden, finde ich das gut. Aber auf dem Aktienmarkt geht es doch nicht mehr um Verantwortung. Oder?

Als Anteilseigner liegt es in meinem Interesse, dass die Firma gute Geschäfte macht.

Ja, aber wie? Als Normalverdiener haben wir doch keinerlei Einfluss darauf, was da passiert. Das ist nicht mal bei der Riester-Rente so.

Sie haben einmal gesagt 1990, als Sie 28 Jahre alte waren, haben Sie erstmals über Geld nachgedacht. War das vorher in der DDR gar kein Thema?

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Ich habe Altphilologie studiert, und mein Vater, der in den Westen geflüchtet war und als Physiker arbeitete, sagte: Was hast du dir denn da für eine brotlose Kunst gewählt? Ich habe erst gar nicht verstanden, was er damit meinte. Die Universität war ja verpflichtet, mir einen Arbeitsplatz zu garantieren, und ich hätte nicht weniger verdient als jemand, der Biologie studiert hat oder Ingenieurwesen. In dem Moment, als die D-Mark eingeführt wurde, war es etwas vollkommen anderes. Als wir eine Zeitung gegründet haben, um die Demokratisierung zu begleiten, dachten wir, die neuen politischen Kräfte würde uns unter die Arme greifen, lachhaft! So wurden wir Unternehmer ohne Startkapital. Aber das ging. Ich habe da viel über die Verhältnisse und über mich gelernt. Ich wusste ja nicht mal, was Cash bedeutet oder was eine Mehrwertsteuer ist.

Spürten Sie bei Ihrem „Altenburger Wochenblatt“ den Druck, unbedingt Geld zu verdienen?

Wir waren nicht als Journalisten und Verleger angetreten, sondern als politisch engagierte Leute. Wir wollten zu Beginn gar keine Anzeigen im Blatt haben, sondern nur Inhalte. Einige Monate später haben wir ein Anzeigenblatt gegründet. Es drehte sich bald nur noch ums Geld, auch weil unsere Anfangsintention, also eine Art sozialistische Demokratie zu begleiten, spätestens mit der Währungsunion passé war. Mir gingen auch die Wörter aus.

Was haben Sie mit dem Geld gemacht als Unternehmer?

Ich habe damals alle im Stillen verachtet, die sich sicher sein konnten, am Monatsende ihr Geld zu bekommen. Wir wussten nie, ob wir das schaffen. Meine größte Angst war, zwanzig Leute zum Arbeitsamt zu schicken und selbst mit ein paar hunderttausend Mark Schulden dazustehen.

Wenn ein Mäzen Ihnen heute einen hohen Geldbetrag anböte, würden Sie ihn nehmen?

Das wäre gut und schön, aber ich kann mir zum Glück das Geld noch selbst verdienen. Ich würde automatisch in eine Abhängigkeit geraten und mich unfrei fühlen.

Aber Sie könnten schreiben, was Sie wollen und wie lange Sie wollen.

Wie für jeden anderen wäre es auch für mich eine große Verführung. Mir bot einmal ein freundlicher und gebildeter Sparkassendirektor aus dem Süddeutschen 10.000 D-Mark für eine Lesung. Ich fand den Betrag unverhältnismäßig, deshalb habe ich ihn für „Writers in Prison“ gespendet. Jetzt stehe ich als Angeber da.

Wenn jemand so viel Geld für die Lesung bietet, ist das Ihr Marktwert!

Da würde ich mit Peter Holtz zurückfragen: Hat der Markt immer recht? So eine Frage, die dem üblichen Denken widerspricht, kann erst mal nur ein Naivling stellen, aber ich finde sie nicht abwegig. Westeuropa lebt von der Ausplünderung armer und ärmster Staaten.

Sie haben vor Jahren den Thüringer Literaturpreis zurückgewiesen. Warum haben Sie auf die 6000 Euro verzichtet?

Ich habe ihn nicht abgelehnt. Ich habe nur darüber gesprochen, dass ich zum Werbeträger von Eon werden muss, wenn ich einen Thüringer Preis annehmen will. Wenn es ein Eon-Literaturpreis gewesen wäre, wäre das eine klare Sache gewesen. Die Eon-Leute haben das verstanden und gelächelt, nur der damalige Kulturbeauftragte der Landesregierung hat getobt.

Was passierte mit den 6000 Euro?

Ich habe gesagt, ich stifte die 6000 Euro, wenn das Land die Sache in die eigenen Hände nimmt, und das ist auch passiert. Ich war damals in der Lage, darauf zu verzichten, weil ich ein von uns Steuerzahlern gezahltes Stipendium in der Villa Massimo hatte. Ich würde nie jemandem einen Vorwurf machen, der das Geld annimmt.

Wie kommt man als Schriftsteller überhaupt über die Runden, wenn man nur alle paar Jahre einen Roman schreibt wie Sie?

Da muss ich ein Loblied auf den gescholtenen Literaturbetrieb anstimmen. Jedes Land macht es ja anders: Die Amerikaner stellen ihre Autoren an den Universitäten an und lassen sie kreatives Schreiben unterrichten, in anderen Ländern sind die Schriftsteller Lehrer. Bei uns, das ist wirklich sensationell, verdienen wir Autoren, die nicht nur Bestseller schreiben, unser Geld mit Lesungen. Menschen nehmen sich einen Abend frei, sind neugierig, bezahlen Eintritt. Außerdem gibt es Verlage, die sich wirklich um ihre Autoren kümmern.

Sie standen mit Ihrem neuen Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, sind aber nicht mehr auf der Shortlist. Wie schwer wiegt es, dass Sie keine Chance mehr haben, 25.000 Euro zu gewinnen?

Das war eine Enttäuschung. Aber wenn man mitspielt, muss man akzeptieren, dass man nicht zu den Gewinnern zählt. Jede Schriftstellerin, jeder Schriftsteller fragt sich natürlich angesichts der Verkaufszahlen auch: Wie viel Zeit kann ich mir fürs nächste Buch nehmen, muss ich andere Sachen machen? Ich habe bis Mitte Dezember an fast jedem Wochentag eine Lesung, die Familie bekommt mich also kaum zu Gesicht. Andererseits: Als Schriftsteller zu klagen ist Quatsch. Ich habe mich ja freiwillig dafür entschieden. Aber es ist schon ein Privileg, von der Schreiberei leben zu können.

Der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard empfand nach Preisverleihungen Selbstekel und schrieb: „Ich bin geldgierig, ich bin charakterlos, ich bin ein Schwein.“

So etwas sagen nur Moralisten.

Soll das heißen, die meisten Schriftsteller kennen keine Gier?

Selbstverständlich! Wir sind ausnahmslos Engel!

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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