Industrie-Skandal

Tiefe Kratzer am „Made in Japan“

Von Patrick Welter, Tokio
 - 06:41

Japans Wirtschaft wird von einem Skandal erschüttert, dessen Umfang noch nicht auszumachen ist. Autohersteller, Flugzeugbauer und Rüstungsunternehmen sind eifrig bemüht, mögliche Schäden zu erfassen. Kommentatoren warnen, dass der gute Ruf des „Made in Japan“ in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Im Mittelpunkt der Aufregung steht Kobe Steel, der drittgrößte Stahlhersteller des Landes, der nach zwei Verlustjahren in diesem Jahr endlich wieder Tritt fassen wollte.

Kobe Steel gestand am Wochenende ein, im vergangenen Jahr Zertifikate gefälscht zu haben, damit rund 20.000 Tonnen Aluminium und Kupfer den geforderten Spezifikationen der Kunden entsprachen. Nach den ersten Erkenntnissen soll das Fehlverhalten schon vor zehn Jahren begonnen haben. Kobe Steel lieferte das Metall nach eigenen Angaben an rund 200 Kunden, gibt deren Namen aber nicht bekannt. Das Unternehmen untersucht die Vorfälle weiter, um dem Fehlverhalten der Mitarbeiter auf den Grund zu gehen.

Sieben japanische Autobauer, von Toyota Motor über Honda Motor bis Nissan Motor haben schon eingestanden, entsprechende Lieferungen von Kobe Steel verwendet zu haben. Sie prüfen nun, ob es Sicherheitsrisiken gibt. JR Central verbaute die Metalle im Tokaido Shinkansen, Mitsubishi heavy nutzt sein Regionalflugzeug MRJ. Auch in der Mitsubishi-Rakete, die gerade den Satelliten Michibiki 4 ins All befördert hatte, war Metall von Kobe Steel verarbeitet. Japanische Waffenbauer haben dem Verteidigungsministerium berichtet, dass die Produkte von Kobe Steel auch in Rüstungsgüter verwendet wurden. Der Stahlhersteller betont bislang, dass keine Sicherheitsmängel durch die gefälschten Zertifikate bekannt seien.

An der Börse wurde Kobe Steel heftig bestraft. Am Mittwoch gab die Aktie 18 Prozent auf 878 Yen ab. Kobe Steel erklärte, dass die falschen Daten vielleicht auch das Produkt Eisenpulver beträfen. Seit Ende vergangener Woche hat der Anteilsschein von Kobe Steel 35 Prozent eingebüßt.

Der Skandal ist ein weiterer Schlag gegen das weit verbreitete Bild, dass „Made in Japan“ mit besonderer Qualität und tadellosen Verhalten verbunden ist. Doch fügt Kobe Steel sich ein in eine Reihe von Vorfällen, die in den vergangenen Jahren das Vertrauen in die Unternehmen erschütterten.

„Die Dauerhaftigkeit des Geschäfts beruht auf der Qualität.“

Betrug könne Japans Unternehmen besonders stark treffen, weil sie seit vielen Jahren auf den Ruf guter Qualität bauten, sagte Nichoals Benes der Nachrichtenagentur Bloomberg. Benes ist Direktor des Board Director Training Institutes in Japan. „Japanische Industrieunternehmen sind sich ihrer Marken und ihrer Reputation sehr bewusst“, sagt Benes. „Die Dauerhaftigkeit des Geschäfts beruht auf der Qualität.“ Um so stärker ist seiner Ansicht nach der Wille, Fehlverhalten selbst aufzuräumen.

In den vergangenen Jahren haben sich in Japan eine Reihe von Skandalen angesammelt. Der Autozulieferer Takata ging in die Insolvenz, weil seine Airbags unter bestimmten Bedingungen zu heftig auslösten und Menschenleben forderten. Mitsubishi Motors kam 2016 zum zweiten Mal in anderthalb Jahrzehnten in die Bredouille. Hatte das Unternehmen früher Produktionsfehler vertuscht, mußte es nun eingestehen, dass es über viele Jahre Abgas- und Verbrauchswerte falsch berechnet hatte. Das Unternehmen schlüpfte in der Renault-Nissan-Allianz unter, um sich fundamental neu aufzustellen und das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen.

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Ausgerechnet Nissan Motor, das sich bei Mitsubishi Motors einkaufte, aber steht nun auch am Pranger. Nissan musste eingestehen, bei den Endabnahmen seiner Autos entgegen der Vorschriften unzureichend qualifiziertes Personal eingesetzt und das Fehlverhalten auch noch vertuscht zu haben. Nach den Angaben des Unternehmens gab es keine Qualitätsmängel der Produkte. Allein das Kontrollpersonal entsprach nicht den staatlichen Vorgaben. Doch wer so schummelt, verliert das Vertrauen generell.

In die Reihe der Negativschlagzeilen gehören ferner die großen Bilanzskandale bei Olympus und bei Toshiba, die das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Japan belasten. Auch die Bauwirtschaft erlebte Skandale mit landesweiten Schlagzeilen. Asahi Kasei baute wackelige Stützpfeiler in bis zu 3000 Häusern und Wohnblöcken in Japan, Toyo Tire & Rubber fälschte Daten über Schockdämpfer für Häuser. Deren Erdbebensicherheit ist nun vielleicht nicht mehr ganz so sicher.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Welter, Patrick (pwe.)
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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