Anlegen wie die Großen

Versicherer sind in der Geldanlage fremdbestimmt

Von Philipp Krohn
 - 13:53

Wer den Erfolg von Großanlegern beurteilen will, muss ihre Ziele unterscheiden. Für große Investitionseinrichtungen wie den norwegischen Pensionsfonds oder die arabischen Staatsfonds ist die Aufgabe vergleichsweise einfach: Gemäß den eigenen Wertvorstellungen wollen sie die Rendite maximieren. Stiftungen sind überdies darum bemüht, einen zufriedenstellenden Mittelzufluss herzustellen, um ihre Aufgaben zu finanzieren. Für große Altersvorsorgeeinrichtungen dagegen stehen die Auszahlungen im Vordergrund. Sie müssen sich nicht so sehr daran messen, dass sie die höchstmögliche Rendite erwirtschaften, sondern dass sie die versprochenen Auszahlungen jederzeit leisten können. „Wir sind nicht allein Asset-getrieben und fragen nach dem besten Return, sondern sind in erster Linie Liability-getrieben“, sagt Philipp Waldstein, Mitglied der Geschäftsführung der Meag, der Anlagegesellschaft von Munich Re.

Wie ein institutioneller Investor Geld anliegt, hängt also vom Ziel, vom Anlagehorizont und von der Vertragsgestaltung ab. Zum Beispiel muss ein Versicherer mehr Liquidität vorhalten, wenn Kunden ihre regelmäßigen Einzahlungen unterbrechen dürfen. Im Fall einer Kündigung muss der Kunde seinen Rückkaufswert ausgezahlt bekommen können. „Auf die Frage, wie man Geld anlegen soll, lautet meine Gegenfrage: Wann braucht man das Geld“, sagt Andreas Gruber, Chief Investment Officer des Allianz-Konzerns. Die Antwort unterscheide sich je nachdem, ob es in einem Monat, in einem Jahr oder in 30 Jahren zur Verfügung stehen müsse. Als internationaler Versicherer muss er Kapital für die Lebens- und die Sachversicherung anlegen. Für jeden einzelnen Euro, der benötigt wird, lasse sich kurz-, mittel- und langfristig der Mittelzufluss planen. Wenn Schäden anfallen, müssen sie jederzeit in der jeweiligen Währung gedeckt werden können.

Verpflichtungen und Geldanlagen abstimmen

Die Portfolios der beiden großen Versicherer bilden deshalb geographisch genau die Struktur ihrer Verpflichtungen ab. Verarbeiten die Werkstätten Autoteile aus Bulgarien, müssen die Geldanleger im bulgarischen Währungsraum investieren und die bulgarische Inflationsrate berücksichtigen. Das kann auch dazu führen, dass überraschend hohe Anteile des Portfolios in Währungen angelegt sind, die einem herkömmlichen Investor nicht als attraktiv genug erscheinen würden. „Wir haben zum Beispiel viel Geschäft in Pfund Sterling. Andere Anleger würden sagen, das ist eine schwache Währung. Aber wir minimieren so das Risiko“, sagt Meag-Geschäftsführer Waldstein. Seine Arbeit unterscheidet sich von der eines Staatsfonds auch darin, dass sich ganze Abteilungen damit befassen, wie das Profil der Verpflichtungen aus den Policen aussieht: Welche juristischen Hintergründe liegen ihnen zugrunde? Welches Kundenverhalten beeinflusst sie?

Im Kern geht es für die Kapitalanleger der Versicherer also darum, die Verpflichtungen und die Geldanlagen optimal aufeinander abzustimmen. Dabei geht es sowohl um den Cash-flow-Bedarf als auch die Laufzeit von Verpflichtungen und Investments. Eine der anspruchsvollen Funktionen, welche die Assekuranz zu vergeben hat, ist deshalb das sogenannte Asset-Liability-Management. Ginge es ausschließlich darum, die Verpflichtungen durch passende Geldanlagen zu unterlegen, würde es reichen, ein „Replikationsportfolio“ aufzustellen, wie sie es bei der Allianz nennen.

Es verfolgt nicht den Anspruch, eine überdurchschnittliche Rendite abzuwerfen, sondern beide Seiten perfekt aufeinander abzustimmen. In einem zweiten Schritt wird dieses Portfolio deshalb in eine Investitionsstrategie übersetzt. Für sieben Grundanlagearten entwickeln die Allianz-Anleger 50 Strategien, für die jeweils einzelne Mitarbeiter verantwortlich sind. Im nächsten Schritt werden konkrete Mandate ausgeschrieben. Die 50 Assetmanager wählen in diesem Rahmen Anleihen und Aktien, die sie für am besten geeignet halten. Im fünften Schritt ergründet ein Monitoring, ob die vorgegebenen Ziele erreicht worden sind.

Nicht alle festverzinslichen Papiere sind risikofrei

Die Allianz verwaltet 650 Milliarden Euro für Kunden, 100 Milliarden davon sind für Sachversicherungen vorgesehen, 500 Milliarden für Lebensversicherungen. Die restlichen 50 Milliarden entfallen auf die Krankenversicherung und das Pensionsfondsgeschäft. 88 Prozent liegen in Rentenpapieren, 8 Prozent in Aktien, 2 Prozent in Immobilien, 2 Prozent in Bargeld und sonstigen Anlagen. „Das sieht auf den ersten Blick extrem konservativ aus“, sagt Andreas Gruber. „Aber verzinsliche Anlagen sind nicht alle risikoarm.“ Unter den festverzinslichen Papieren zum Beispiel liegen 100 Milliarden Euro in alternativen Anlagen: 17 Milliarden sind beispielsweise Baufinanzierungsdarlehen, 7 Milliarden Infrastrukturfinanzierungen, 5 Milliarden Private Equity, 4 Milliarden Wind- und Solarenergie. „Nicht alles, was nicht Aktie ist, ist risikofrei oder mit geringer Rendite“, sagt Gruber.

Was die Versicherer in der Vergangenheit vor allem in festverzinsliche Papiere getrieben hat, sind Zinsgarantien, die sie ihren Kunden zugesagt haben. In der Sachversicherung sind die Laufzeiten der Verpflichtungen oft geringer, denn eine Autodelle oder ein Leitungswasserschaden wird sofort beglichen, anders ist es mit Haftpflichtschäden, die häufig noch viele Jahre nach Eintritt eine Zahlung auslösen. In der Lebensversicherung aber ist so gut wie jede neu eingegangene Verpflichtung langfristig. Durch den lange Zeit weitverbreiteten Mindestzins der Lebensversicherer haben sie nur wenige Optionen in der Kapitalanlage. „Versicherer werden in die Fixed Income Assets gedrängt. Das lässt sich nicht über Nacht auflösen“, sagt Waldstein.

Kein Vergleich mit dem arabischen Staatsfonds

260 Milliarden Euro beträgt das Anlagevermögen der Meag, davon 60 Prozent Erstversicherung, 40 Prozent Rückversicherung, in der das Geld stark im Dollar-Währungsraum investiert ist. Die Erstversicherung der Tochtergesellschaft Ergo ist zu 95 Prozent ein Euromarkt. 15 Milliarden Euro legt die Meag für fremde Kunden an. Allzu viele Freiheitsgrade sieht Waldstein nicht. „Ein Versicherer wird über die Kapitalunterlegung aufsichtsrechtlich gesteuert“, sagt er. Volatile Kapitalanlagen wie Aktien müssen stärker mit Eigenmitteln unterlegt werden als Staatsanleihen – egal, ob sie ausfallgefährdet sind wie jene aus Griechenland oder Italien oder stabil wie aus Deutschland oder Finnland.

Zumindest branchenintern müssen Allianz und Munich Re den Vergleich nicht scheuen. Analysen der Anlageerfolge zeigen, dass die beiden deutschen Versicherer langfristig nicht schlecht abschneiden. Mit den arabischen Staatsfonds dagegen wollen sich die Kapitalanleger Gruber und Waldstein nicht messen lassen. „Man muss aufpassen und Risiken sauber streuen, um Einzelrisiken wie japanische Aktien auszuschließen“, sagt Allianz-Chefanleger Gruber. Japanische Aktien seien heute nur halb so viel wert wie vor drei Jahrzehnten, obwohl es der dortigen Volkswirtschaft gut gehe. Auf solche Wertentwicklungen aber könne er die Altersvorsorge von Millionen Lebensversicherungskunden nicht stützen.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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