Erklärung der Finanzkrise

Die portugiesischen Zombies

Von Philipp Krohn
 - 13:56

Ökonomen sehen sich oft dem Vorwurf ausgesetzt, wenig zur Erklärung der Finanzkrise beigetragen zu haben. Das hat in den wissenschaftlichen Zirkeln tiefgreifende Debatten ausgelöst: Volkswirte haben den Anspruch, die realen Phänomene zu verstehen. Und sie haben ihre Aufgabe angenommen. Das zeigt eine Vielzahl von Untersuchungen zur Rolle der Banken für die Volkswirtschaften. Eine junge Generation von Forschern arbeitet sich an sehr aktuellen Fragestellungen ab, die auch das wirtschaftspolitische Instrumentarium prägen. Auch das ist ein Anspruch, den gute Ökonomen seit jeher zu erfüllen versuchen.

Laura Blattner ist Teil dieser jüngeren Generation. Nach einem Abschluss in „Philosophy, Politics and Economics“ in Oxford sitzt sie seit dem Jahr 2013 in Harvard an ihrer Dissertation. Arbeitstitel: „Essays on Financial Economics and Misallocation“. Im Mai soll die Arbeit fertig werden. Danach kann sie sich aussuchen, ob sie als Juniorprofessorin nach Chicago oder ans Massachussetts Institute of Technology, nach Princeton oder Stanford geht. Überzeugt hat sie in jüngerer Vergangenheit mit einer Untersuchung, die Erklärungen dafür gefunden hat, dass die portugiesische Wirtschaft im Jahr 2012 an Produktivität verloren hat, nachdem die Europäische Bankenaufsicht (Eba) im Herbst 2011 neue Eigenkapitalanforderungen an die Institute gestellt hatte. Die Arbeit vom Januar dieses Jahres hat jüngst den Young Innovators Award der Finanzberatung Plansecur gewonnen, der mit 2.500 Euro dotiert ist.

Ausgangspunkt der Untersuchung war ein Gespräch mit einem Berater des portugiesischen Finanzministers. Darin wies er auf portugiesische Banken hin, die regelmäßig Kredite nicht abschrieben, die von Ausfällen bedroht waren. Nachfragen bei der Bankaufsicht und bei Mitarbeitern der Notenbank in Lissabon folgten. „Der wirtschaftliche Aufschwung funktionierte nicht wie erhofft. Die Frage war: Wie kann man das kausal nachweisen?“, sagt Blattner.

Eigentlich kurz vor der Insolvenz

Für ihre Untersuchung, in die sehr viel Datenmaterial der portugiesischen Zentralbank und der dortigen Finanzbehörden einging, hat sie zwei Mitstreiterinnen der portugiesischen Zentralbank gewonnen: Luísa Farinha und Fransisca Rebelo. Die drei Autorinnen ordnen ihre Arbeit in die Debatte über „Zombie“-Unternehmen ein. Diese wurden in den neunziger Jahren in Japan von Banken weiterhin mit Krediten versorgt, obwohl sie kurz vor der Insolvenz standen. Bislang hat die Wissenschaft keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem schlechten Zustand der Banken und der fallenden Produktivität der japanischen Wirtschaft nachweisen können. Die Untersuchung von Blattner und ihren Mitautorinnen zeigt nun für den portugiesischen Fall, dass die Schwäche der Banken, unterstützt durch höhere Kapitalanforderungen, zu einer Schwächung der Produktivität beigetragen hat. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Wirtschaft gerade die schlimmsten Folgen der Euro-Krise zu verkraften hatte und in der zusätzliches Eigenkapital die Kreditinstitute eigentlich stabilisieren sollte. „Unsere Ergebnisse lassen wichtige Schlussfolgerungen zur Debatte über eine Bank-Rekapitalisierungspolitik zu“, schreiben die Autoren.

Um diesen kausalen Zusammenhang nachzuweisen, mussten sie sich Daten verschaffen, die eine Aussage darüber erlaubten, in welchem Ausmaß portugiesische Banken die eigene Kreditqualität verschleierten. Denn die Annahme hatte sich als plausibel herausgestellt, dass Banken ihre höheren Kapitalanforderungen erreichten, indem sie Kredite an produktive Unternehmen zurückfuhren – es somit also zu einer partiellen Kreditklemme kam. Die unproduktiven Unternehmen aber, denen die Banken ausfallgefährdete Kredite ausgegeben hatten, wurden weiterhin versorgt.

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Der Grund: Die Institute wollten gegenüber der Aufsicht vertuschen, dass die Unternehmen vor der Insolvenz standen. So kamen die unproduktiven Unternehmen weiterhin an Kredite, die mehrversprechenden Investitionen dagegen konnten nicht getätigt werden. „Wenn das Unternehmen in einer finanziellen Notlage war und nicht richtig zurückzahlen konnte, meldeten die Banken seine Verluste oft nicht richtig. Das zeigt sich in den Daten“, sagt Blattner. Statt aber einen Kredit komplett abzuschreiben, vertuschten die Institute lieber ihre Falschmeldung und gaben den Unternehmen weiterhin Geld. „Die Verluste reduzierten das Eigenkapital der Banken – genau das, was die Aufsicht vermeiden wollte“, sagt sie.

Die Amerikaner haben es besser gemacht

Die drei Autorinnen haben sich aber nicht damit zufriedengegeben, diesen Mechanismus nachzuweisen, sondern sie haben sich auch noch vorgenommen zu quantifizieren, in welchem Umfang die Produktivität schrumpfte und wie die Beschäftigung darunter litt. „Wir zeigen, dass die Eba-Intervention mehr als 50 Prozent des Produktivitäts-Rückgangs 2012 bewirkt hat. 40 Prozent dieses Effekts wurden durch die Reallokation von Krediten an geplagte, gegen Berichtspflichten verstoßende Unternehmen begründet“, heißt es in der Studie.

Mit der Untersuchung können die drei Autorinnen zeigen, dass die europäischen Behörden in der Euro-Krise nicht so erfolgreich waren wie die der Vereinigten Staaten in der dortigen Finanzkrise. „Die Ergebnisse legen nahe, dass die europäischen Volkswirtschaften, zumindest in der Peripherie, von einem raschen Rekapitalisierungsprogramm wie Tarp in den Vereinigten Staaten profitiert hätten“, schreiben sie. Erhöhe man nur die Kapitalanforderungen, könne das zu unerwünschten Anreizen beim Verleihen führen. „Wenn Banken zu einem bestimmten Betrag gezwungen werden, haben sie keine Wahl mehr zwischen der Risikoreduzierung und neuem Kapital“, sagt Blattner. Noch besser sei es natürlich, vor einer Krise dafür zu sorgen, dass genug Kapital vorhanden ist.

Die Laudatio bei der Preisvergabe hielt der Frankfurter Makroökonom Michael Binder. Dabei betonte er vor allem die Reife im methodischen Vorgehen und die Relevanz dieser Ergebnisse für die Politikberatung. „Es ist wesentlich, welche Vorgaben Banken bei der Erhöhung von Eigenkapitalanforderungen gemacht werden“, sagte Binder. Der gesamtwirtschaftliche Produktivitätsverlust von mehr als 4 Prozent in Portugal in einer schwierigen Phase wäre vermeidbar gewesen. Bei der Erhöhung von Kapitalanforderungen müsse die Aufsicht dafür sorgen, dass die Banken tatsächlich Eigenkapital erhöhten.

Quelle: F.A.Z.
Philipp Krohn
Redakteur in der Wirtschaft.
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