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Bundestagswahl

Politischer Rechtsruck irritiert Geldverwalter

Von Andreas Mihm, Berlin
 - 09:32
Der politische Rechtsruck treibt Geldverwalter immer mehr um. Bild: dpa, F.A.Z.

Die politischen Erfolge rechtsnationaler Politiker und Parteien wie zuletzt der AfD bei der Bundestagswahl beunruhigen zunehmend Manager großer Investmentfonds. In solchen Wahlergebnissen spiegle sich eine wachsende Unsicherheit weiter Bevölkerungskreise gegenüber wirtschaftspolitischen Entwicklungen wie der Globalisierung, sagt Investmentmanager Thierry Bogaty von Europas größtem Vermögensverwalter Amundi, der 1,3 Billionen Euro in nachhaltigen Investments und Mandaten verwaltet.

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Man müsse mehr darüber nachdenken, in welchem Umfang Unternehmen eine politische Verantwortung wahrnehmen sollten – ähnlich wie Umwelt- oder Sozialstandards, die bei Geldanlagen eine wachsende Bedeutung haben. Letztlich gehe es um das Verhalten von Unternehmern als „verantwortungsbewusste Staatsbürger“, sagt Bogaty. Amundi wolle in den nächsten Monaten intensiver darüber debattieren, wie Aspekte der politischen Verantwortung von Unternehmen in die Kriterien für eine ökologische, soziale und nachhaltige Anlage integriert werden könnten, um diesen neuen, globalen Herausforderungen zu begegnen.

„Die Frage nach der politischen und sozialen Verantwortung von Unternehmen rückt mit sich dynamisch verändernden Rahmenbedingungen stärker in den Fokus von Entscheidungsträgern in der Wirtschaft“, sagte Bogaty. Als Antriebskräfte hierfür machte er die fortschreitende Globalisierung sowie damit verbundene Auswirkungen auf Arbeitsplätze und die Umwelt aus „und natürlich die technologische Revolution, die auch Auswirkungen auf das politische Gefüge haben“.

Das Thema ist brisant

Bogaty machte deutlich, dass er keine Konkurrenz zwischen „ethischen“ und finanzwirtschaftlichen Kriterien sehe. Gut geführte Unternehmen, die ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkämen, seien auch wirtschaftlich erfolgreich.

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Das Thema ist brisant. Tatsächlich gewinnen rechtsnationale und völkisch orientierte Parteien in Europa seit einigen Jahren an Zustimmung, so in Frankreich, den Niederlanden, Osteuropa, Skandinavien nun auch in Deutschland. Auch die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gilt als Beleg einer Hinwendung zu einer national orientierten Politikstrategie, deren wirtschaftliche Auswirkungen noch unklar sind. Allerdings sind die Proteste gegen die Folgen der Globalisierung nicht politisch einseitig verortet. Auch auf der linken Seite des politischen Spektrums gibt es gegen die Internationalisierung des Waren- und Geschäftsverkehrs erhebliche Widerstände.

Die Bewertung von Investments auf Basis nachvollziehbarer Nachhaltigkeitskriterien hat für die betroffenen Staaten oder Unternehmen eine wachsende Bedeutung. Anleger wollen immer öfter sicherstellen, dass mit ihrem Investment unerwünschte Folgen ausgeschlossen werden, sei es Kinderarbeit, der Missbrauch von Menschen- und Arbeitnehmerschutzrechten oder das Verfehlen von Umweltstandards oder Vorgaben für den Klimaschutz. Umgekehrt wollen Anleger manche Ziele positiv verfolgen, etwa beim Klimaschutz durch den bewussten Abzug von Geldern aus umweltschädlichen Branchen wie der Kohle- oder Ölindustrie.

Dazu gibt es inzwischen viele Initiativen und Investmentstandards. Nicht zuletzt bemühen sich die Vereinten Nationen (UN) darum, solche zu etablieren. Sie haben im Jahre 2006 die „Principles for Responsible Investment“ (PRI) aus der Taufe gehoben. Die Ziele sind – wie immer bei den UN – freiwillig und unverbindlich. Am Rande des diese Woche in Berlin stattfindenden jährlichen PRI-Kongresses hieß es, dass sich weltweit mehr als 1800 Unterzeichner aus allen Kontinenten mit zusammen 70 Billionen Dollar verwaltetem Vermögen den Kriterien unterworfen hätten – Tendenz steigend.

Der neue Bundestag muss sich des Themas annehmen

Mit den Anlagebedingungen am Tagungsort in Deutschland sind die Fondsmanager indes nicht zufrieden. Die laut Selbstbeschreibung „weltweit größte Investoreninitiative zur Förderung nachhaltiger Investments“ rief die Bundesregierung auf, mehr zu tun, damit Großanlegern nachhaltige Investments stärker in die Kapitalanlage berücksichtigten. Viele institutionelle Investoren hätten „entsprechende Anlagekriterien noch nicht systematisch in ihren Investmentprozess integriert“, beklagte PRI Geschäftsführerin Fiona Reynolds. Der neue Bundestag müsse sich des Themas annehmen, „um Nachhaltigkeit zu einem integralen Bestandteil in ihrer Kapitalanlage von Großanlegern zu machen“. Manchen gilt dabei Frankreich als Vorbild, wo der Staat Pensionsfonds und anderen konkrete Vorgaben für Investitionsstandards gemacht habe.

Die Kritik an Deutschland basiert auf einer Expertenbefragung, nach der nachhaltige Kapitalanlagen unter institutionellen Investoren in Deutschland weniger entwickelt seien als etwa in Frankreich, Holland, Großbritannien oder Skandinavien. Das liege daran, dass Großanleger hier kaum über das von der Regulierung geforderte Maß hinausgingen. „Daher braucht es neuer Signale aus Politik und Regulierung, um hier einen weiteren Schritt voranzukommen“, sagte Reynolds.

Deshalb sollten das Finanzministerium wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht institutionelle Investoren verpflichten, systematisch Nachhaltigkeitskriterien in ihre Finanzanalyse zu integrieren. Großanleger müssen Kriterien für die ökologische, soziale und nachhaltige Entwicklung bei ihren Investitionen berücksichtigen, andererseits auf hohe Standards bei ihren Investments achten.

Der Staat solle „stärkeren Einfluss auf staatliche Fonds und öffentliche Finanzinstitutionen nehmen“. Denn große staatliche kontrollierte Finanzplayer – wie Versorgungseinrichtungen des Bundes und der Länder – hätten Vorbildfunktion. Daher solle sich „die Verpflichtung zu verantwortlichem Investieren auch auf die staatseigenen Landesbanken erstrecken“. Die EU habe Pensionskassen bereits dazu verpflichtet, Nachhaltigkeitskriterien in Anlagerichtlinien zu veröffentlichen und im Risikomanagement zu verankern. Die Bundesaufsicht solle sie dabei nun mit Best-Practice-Fallstudien unterstützen.

An diesem Mittwoch wollen auch die Deutsche Börse AG und der Rat für Nachhaltige Entwicklung eine Kooperation zur Förderung der nachhaltigen Finanzwirtschaft vorstellen.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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