Technische Analyse

Korrekturen an den Aktienbörsen brauchen Zeit

Von Achim Matzke
 - 13:50

Die wichtigen Aktienindizes auf der ganzen Welt sind seit März 2009 in einem technischen Hausse-Zyklus. Hierbei handelt es sich um eine langfristige Aufwärtsbewegung, die nur von normalen technischen Konsolidierungen oder Korrekturen unterbrochen wird. In den letzten zwei Jahren haben viele Aktienindizes – geführt von den sehr ausgeprägten Kursgewinnen an der Weltleitbörse in der New Yorker Wall Street – Bilderbuch-Hausse-Trends durchlaufen und damit aufgrund der hohen Kursgewinne mittelfristig überkaufte Strukturen geliefert.

Begleitet von steigenden Leitzinsen in Amerika, insgesamt moderat steigenden Anleiherenditen sowie handelspolitischen Unsicherheiten sind diese zwei Jahre langen Hausse-Trends jetzt von mittelfristigen Gegenbewegungen abgelöst worden. Während sich zum Beispiel im amerikanischen S&P 500 auf dem erreichten Kursniveau eine sehr schwankungsintensive Seitwärtspendelbewegung andeutet, sollten sich besonders im Euro Stoxx 50 und im Dax die jetzt erst seit fünf Wochen vorliegenden technischen Korrekturen zumindest zeitlich deutlich ausdehnen.

Die Lage im S&P 500

Der S&P 500 befindet sich seit März 2009 (Start bei 666 Punkten) in einem technischen Hausse-Zyklus. Bisher hat der S&P 500, ein Kursindex mit einer (Brutto-)Jahresdividendenrendite von knapp 2,0 Prozent, in diesem Hausse-Zyklus einen Kursanstieg von ungefähr 331 Prozent erreicht. Teil der Hausse-Bewegung war ab dem Jahreswechsel 2014/2015 eine Seitwärtspendelbewegung, wobei ein Kursverlauf zwischen der Unterstützung von 1810 bis 1820 Punkten und der Widerstandszone um 2135 Punkte entstanden ist. Ausgehend von dem Kurstief im Februar 2016 bei 1820 Punkten entwickelte sich ein neuer Aufwärtstrend.

Die Investment-Kaufsignale vor und nach der amerikanischen Präsidentenwahl haben den Index aus dieser fast zwei Jahre langen Seitwärtspendelbewegung nach oben herausgeführt und der Index hat in den Folgequartalen einen neuen Bilderbuch-Hausse-Trend herausgebildet. Hierbei gab es technischen Rückenwind von einem schwächeren Dollar und den zuletzt beschlossenen fiskalpolitischen Maßnahmen. Dieser zwei Jahre lange Hausse-Trend beschleunigte sich zum Jahreswechsel 2017/2018, so dass der Index bis auf ein neues Allzeithoch um 2873 Punkte und damit in eine mittelfristig stark überkaufte Struktur hineingelaufen ist.

Zuletzt ist der Index – begleitet von kurzfristigen, handelstechnischen Aspekten – aus diesem zwei Jahre langen Bilderbuch-Hausse-Trend zur Seite herausgelaufen, so dass jetzt eine technische Korrektur (steht für einen Kursrückgang von mehr als 10 Prozent vom Höchststand) in Form einer Seitwärtspendelbewegung ansteht. Diese wird einerseits von der Unterstützungszone um 2530 Punkte sowie der steigenden 200-Tage-Linie (zurzeit bei 2565 Punkten) und andererseits von der gestaffelten Widerstandszone von 2800 bis 2873 Punkten begrenzt. In den kommenden Wochen sollte sich dieser schwankungsintensive Trading-Markt und damit die Seitwärtspendelbewegung ausweiten. Hier ist es aber aus technischer Sicht sinnvoll, einen (mentalen) Sicherungsstopp bei 2530 Punkten zu setzen. Denn fällt der S&P 500 unter diese Unterstützungszone, besteht die Gefahr einer (Zwischen-)Baisse, die eine mittelfristig defensive Haltung empfiehlt.

Die Situation im Nikkei 225

Auch der japanische Nikkei 225, ebenfalls ein Kursindex, der zurzeit eine (Brutto-)Jahresdividendenrendite von fast 1,8 Prozent aufweist, befindet sich seit dem Jahreswechsel 2008/2009 in einem technischen Hausse-Zyklus. Hierbei hat der Index bisher ungefähr 245 Prozent Kursgewinn erzielt. Innerhalb des Hausse-Zyklus hat der Nikkei 225 – ausgehend von dem Kurstief im Juni 2016 bei 14 860 Punkten – wieder einen Hausse-Trend etabliert. Dieser Trend, der den Index bis auf 24 130 Punkte (neue Widerstandszone) und damit zum ersten Mal über die 25 Jahre lange Widerstandszone von 21 000 bis 22 500 Punkte geführt hatte, wird von einer Trendlinie bei zirka 21 400 Punkten im direkten Umfeld der (noch) steigenden 200-Tage-Linie begrenzt.

Nach der Aufwärtsbeschleunigung zum Jahreswechsel war auch der Nikkei 225 Ende Januar 2018 mit einem Gewinnmitnahmesignal unter Druck gekommen. Der beschleunigte Rückfall direkt auf den Aufwärtstrend und die 200-Tage-Linie signalisiert, dass der Nikkei 225 in den kommenden Wochen diesen fast zwei Jahre langen Aufwärtstrend ebenfalls zur Seite verlassen sollte. Als erste technische Konsequenz würde es überraschen, wenn der Nikkei 225 noch im ersten Halbjahr 2018 in der Lage wäre, neue Hausse-Spitzen zu liefern. Als weitere technische Konsequenz steht eine Ausweitung der laufenden technischen Korrektur an, wobei auch eine Kursetablierung unterhalb der 200-Tage-Linie mit einkalkuliert werden sollte.

So steht es um den Euro Stoxx 50

Der Euro Stoxx 50, ein Kursindex, hat in diesem Hausse-Zyklus mit einem Anstieg von 1765 (März 2009) auf 3836 Punkte bis heute ungefähr 117 Prozent hinzugewonnen. Hierbei muss berücksichtigt werden, dass dieser Index aktuell eine (Brutto-)Jahresdividendenrendite von fast 3,5 Prozent aufweist. Zwar ist der Index seit März 2009 in einer Hausse-Bewegung, jedoch gibt es erst seit September 2011 und Kursen um 1935 Punkte einen zentralen Hausse-Trend, der aktuell bei 3000 Punkten liegt. Nach der Zwischenbaisse (April 2015 bis Februar 2016; Kursrückgang von 3836 auf 2672 Punkte) und dem technischen Doppelboden (2016; unterhalb der Widerstandszone um 3160 Punkte) etablierte auch der Euro Stoxx 50 einen neuen mittelfristigen Aufwärtstrend.

Dieser Trend führte den Index bis Mai 2017 in den Bereich um 3700 Punkte (neue Widerstandszone). Seitdem bewegte sich der Index schon in einer Seitwärtspendelbewegung. Ende Januar 2018 ist der Euro Stoxx 50 mit einem Gewinnmitnahmesignal aus der Aufwärtsbewegung der letzten 19 Monate herausgefallen. Bei der jetzt gestarteten Gegenbewegung verdeutlicht zunächst die Kursetablierung unterhalb der 200-Tage-Linie (aktuell bei 3530 Punkten), die bereits leicht nach unten dreht, die mittelfristige technische Eintrübung. Auch wenn sich in den letzten Handelstagen im Bereich um 3350 Punkte eine Kursstabilisierung im Euro Stoxx 50 andeutet, fehlen aus technischer Sicht die Anzeichen für ein Auslaufen dieser Gegenbewegung.

Das sagt der Dax-Chart

Der Dax, der aktuell eine (Brutto-)Jahresdividendenrendite von ungefähr drei Prozent aufweist, ist ein Performance-Index. Hier werden die Dividendenzahlungen der Index-Mitglieder anteilig in Index-Kurssteigerungen umgerechnet. Innerhalb dieses Hausse-Zyklus, der seit März 2009 besteht, hat der Index bisher einen Gesamtkursanstieg von 3589 Punkten auf 13 590 Punkte und damit von 279 Prozent erreicht. Der zentrale, neun Jahre lange Hausse-Zyklustrend, liegt aktuell bei ungefähr 11 000 Punkten, so dass der gestaffelte Bereich von 10 800 bis 11 000 Punkten eine langfristige technische Unterstützungszone darstellt.

Ausgehend vom Kurstief bei 8700 Punkten im Februar 2016 startete der Dax eine Bilderbuch-Hausse-Bewegung, wobei sich ab November 2016 (Notierungen um 10 100 Punkte) ein idealtypischer Aufwärtstrend ergeben hat. Nach zwei Jahren mit deutlichen Kurssteigerungen war dieser Trend zum Jahreswechsel 2017/2018 – oberhalb von 12 700 Punkten – in einen Trading-Markt hineingelaufen, der den technischen Charakter eines „Trading-Doppeltops“ aufweist. Ende Januar 2018 ist der Dax mit einem „Gewinnmitnahmesignal“ aus diesem Trading-Doppeltop sowie dem fast zweijährigen Aufwärtstrend herausgefallen und direkt unter die 200-Tage-Linie gerutscht. Als technische Konsequenz steht nun eine mittelfristige Gegenbewegung (auf den Kursanstieg von fast 5000 Punkten in den letzten zwei Jahren) auf der technischen Tagesordnung.

Um die mittelfristig überkaufte Lage abzubauen, ist diese technische Korrektur von bisher nur fünf Wochen viel zu kurz, so dass eine zeitliche Ausweitung (mehrere Monate) anstehen sollte. Wegen der Eintrübung bei vielen Dax-Schwergewichten ist es aus technischer Sicht aktuell unwahrscheinlich, dass der Index im Jahr 2018 neue Allzeithochs erreicht. Ein Wiederanstieg in die jetzt vorliegende, gestaffelte Widerstandszone von 13 000 bis 13 600 Punkten wäre schon ein technischer Erfolg. Zusätzlich sollte der Dax einen (mentalen) Sicherungsstopp im Bereich um 11 800 Punkte erhalten. Denn fällt der Index unter diese Unterstützungszone, würde die technische Lage auch eine räumliche Ausweitung der gegenwärtigen technischen Korrektur signalisieren.

Der Autor leitet in der Commerzbank den Bereich Technische Analyse & Index Research.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDAXNikkei 225GewinnmitnahmePräsidentenwahl